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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 78)

Stücke bereits im 18. jahrhundert, und zwar 
noch vor der Revolution, in Paris gekauft 
wurden. F.in Aspekt, den uns dieses Ensemble 
bietet, ist von nicht geringem kulturhistori- 
sehem lnteresse. Wir entnehmen nämlich den 
auf den Möbeln befindlichen Meistermarken, 
daß sie zum Teil bei Händlern gekauft wur- 
den. Während in Österreich und Deutschland 
im 18. Jahrhundert die Anschaffung des 
Mobiliars durchwegs direkt bei Tischlern cr- 
folgte 7 manche große Bauherren hatten 
qualilizierte Meister in ihrem eigenen Dienst 7, 
gab es auf dem vorbildlich organisierten Pariv 
ser Älöbelmarkt einen im Vergleich zu den 
mitteleuropäischen Verhältnissen nahezu mo- 
dern anmutenden Handel. Die sehr zahlreichen 
Älfibelhäntller hatten großen EinHuß, der meist 
viel zuwenig beachtet vcird. Als Kaufleute 
waren sie darauf bedacht, immer wieder neue 
hliäbeltvpen und Vformen oder Arten von 
Dekorationen auf den Markt und in Mode 
zu bringen. So lenkten sie den Geschmack 
und griffen damit entscheidend in die stilisti" 
sche Entwicklung der Möbelkunst ein. 
Kommode, Abbildung 1, 2 
Auf dem rückwärtigen Pfosten gestempelt: 
F. RElZliLl. jME. 7 Datierung: 176471770. 
Furnier aus Padukholz; die Blumenmaiß 
keterie aus Nhorn und gefärbten Hölzern, di; 
gerahmten Grundflächen der Marketerie aus 
grauem Ahornfurnier; der Bau des Älobels 
sowie die Laden aus Eichenholz; Marmor 
platte. 7 Il. 87,5, B. 97, T. 52,5 cm. 
Die Kommode ist ein gutes Beispiel für die 
Endphase des Louis-Quinze-Stils. Die ge- 
schweiften Beine, geschwungenen XYände und 
die vergoldeten Bronzebeschläge entsprechen 
noch dem Rokoko, hingegen ist bei der An- 
ordnung der Älarketerie eine entscheidende 
Äitiderung festzustellen. An der Front z. B. 
sind die Blumen nicht mehr als lockere Rane 
ken über die Fläche verteilt, so nämlich, daß 
man auch die Bronzegritfe in die Komposition 
mit einbezogen hätte, sondern sie bilden nun 
ein Bouquet, das von der Mitte ausgehend 
ziemlich dicht und mit einer zur Symmetrie 
neigenden Gleichmäßigkeit ausgebreitet ist. 
Dadurch ergab sich aber, daß bei der Mom 
tierung der Ladengritife auch Tcilc der Man 
keterie überdeckt wurden, was man früher 
zu vermeiden trachtete. Die offenkundige 
Lhgereinitlieit ist keineswegs dem libenisten 
anzulasten, in ihr äußert sich vielmehr jene 
konlpositionelle Lhsicherheit, die immer dann 
zu bemerken ist, wenn ein Stilwandel ein- 
tritt. 
Francois Reizell (Meister 1764, gest. 1788)! 
stammte aus Deutschland. Das Datum seiner 
Zuwanderung nach Paris ist nicht bekannt. 
Von seinen Arbeiten haben sich vorwiegend 
Möbel des Rokoko oder Style transition er- 
halten. Die wenigen von ihm stammenden 
Louis-Seizehlöbel machen den Eindruck, als 
wäre ihm dieser Stil mehr oder weniger fremd 
geblieben. ]edenfalls zog er es vor, auch zu 
einer Zeit, da die Rokokoftirmen in der 
Nliöbelltunst bereits aus der blode kamen, in 
diesem Stil weiterzuarbeiten, den er sich ein7 
mal zu eigen gemacht hatte. Seine zahlreichen 
mit der Mcistermarkc versehenen, also nach 
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Stücke bereits im 18. Jahrhundert, und zwar 
noch vor der Revolution, in Paris gekauft 
wurden. Ein Aspekt, den uns dieses Ensemble 
bietet, ist von nicht geringem kulturhistori- 
schem Interesse. Wir entnehmen nämlich den 
auf den Möbeln befindlichen Meistermarken, 
daß sie zum Teil bei Händlern gekauft wur- 
den. XVährend in Österreich und Deutschland 
im 18. Jahrhundert die Anschaffung des 
Mobiliars durchwegs direkt bei Tischlern er- 
folgte - manche große Bauherren hatten 
qualifizierte Meister in ihrem eigenen Dienst -, 
gab es auf dem vorbildlich organisierten Pari- 
ser Möbelmarkt einen im Vergleich zu den 
mitteleuropäischen Verhältnissen nahezu mo- 
dern anmutenden Handel. Die sehr zahlreichen 
Möbelhändler hatten großen Einfluß, der meist 
viel zuwenig beachtet Wird. Als Kaufleute 
waren sie darauf bedacht, immer wieder neue 
Möbeltypen und -f0rmen oder Arten von 
Dekorationen auf den Markt und in Mode 
zu bringen. So lenkten sie den Geschmack 
und griffen damit entscheidend in die stilisti- 
sche Entwicklung der Möbelkunst ein.
	        

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