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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 78)

Aus der Bahnhufkirche von Marchegg kam 
zu dieser Ausstellung ein großes Denkmal 
deutscher Barockplastik zur Georg-Petel-Aus- 
stellung, das PältTy-Kruzifix. Erst jüngst fand 
es die alte Schätzung wieder, die ihm gebührt, 
als „das künstliche Crucil-ix-Bildniss unseres 
Herrn, dergleichen wenige, oder keines in 
Deutschland, welche der berühmte Bildhauer 
Georg Petel, der Deutsche Michael Angelo 
Bonarota geschnitzet". Ursprünglich in der 
PalHy-Kapelle der Wiener Augustinerkirche, 
1945 aus der Schloßkapelle von Marchegg 
verschleppt, wurde das Kruzifix beschädigt 
aufgefunden und später von Karl Feuchtmayr 
als Werk Petels erkannt. Diesem Holzbildwerk 
gegenüber standen im gleichen Ausstellungs- 
saal des Bayerischen Nationalmuseums die 
monumentale Bronzegruppe des Gekreuzigten 
mit Maria Magdalena aus der Niedermünster- 
kirche in Regensburg und Petels Holz- 
skulpturen aus den Augsburger Kirchen 7 
der Rang deutscher Plastik des Frühbarocks 
war so in eindringlicher Weise bekundet. 
In memoriam Karl Feuchtmayr, der sich 
während vieler Jahrzehnte um die Erforschung 
von Petels Werk bemühte, und aus Anlaß 
des Internationalen Kunsthistorikerkongresses, 
der voriges Jahr in Bonn tagte, bot diese 
denkwürdige Ausstellung das Oeuvre eines 
Meisters aus dem 17. Jahrhundert mit in der 
Tat internationalem Gepräge dar. 
Erstaunlich groß ist die Resonanz, die früh- 
barocke Plastik heute auszulösen vermag. 
Demgegenüber war noch bis in die fünfziger 
Jahre der Name Georg Petel während eines 
langen kunstgeschichtlichen Studiums an 
mancher Universität nicht ein einziges Mal 
vernommen worden, so vergessen war der 
von Sandrart hochgerührnte Meister. Es 
scheint, als hätte sich ein bisher verstellter Zu- 
gang zum Verstehen der frühbarocken deut- 
schen Skulptur überhaupt erst jetzt aufgetan. 
Gleichzeitig mit der Fähigkeit des Erkennens 
Petel'scher Kunst häuften sich in den letzten 
Jahren die Neufunde vorwiegend kleinpla- 
stischer Bildwerke, bis diese mit Petel in 
Zusammenhang gebrachte Gruppe ein ver- 
wirrendes Ausmaß angenommen hat. Die von 
Theodor Müller übernommene Verpflichtung, 
Feuchtmayrs nachgelassenes Material zu 
edieren (hieraus ist der Gedanke einer Petel- 
Ausstellung erwachsen), erfüllte durch die 
Konfrontation dieser Kleinplastik aus Buchs- 
oder Birnbaum ein besonderes wissenschaft- 
liches Anliegen. Denn auf Grund der Gleich- 
artigkeit der künstlerischen lntentionen er- 
gaben sich gerade innerhalb dieser Kunst- 
gattung die meisten Verwechslungen mit 
Petels Werk. Auch der Katalog gruppiert 
und trennt bereits, was zu Recht und zu 
Unrecht unter dem Sammelnamen Petel zu 
vereinigen man begonnen hat. Er ist so ein 
wichtiger Baustein für die Erforschung einer 
Petel wahlverwandten Kleinplastik der Rubens- 
zeit in Süddeutschland, Italien und den Nieder- 
landen geworden; vor allem werden auch 
die analogen Erscheinungen in der gleich- 
zeitigen und späteren flämischen Plastik auf- 
gezeigt. 
Wer aber war nun wirklich dieses bild- 
hauerische lngenium des Frühbarocks? Drei- 
unddreißigjährig starb Petel 1634 in Augsburg 
an der Pest. Sein persönliches und künst- 
lerisches Schicksal spielt sich vor dem irr- 
lichternden Hintergrund des Dreißigjährigen 
Krieges ab. Augsburg war die Stätte seiner 
Wirksamkeit, hier auch hat der Meister unter 
dem evangelisch gewordenen Stadtregiment 
eine Büste des schwedischen Königs „ad vivi" 
modelliert. Die gängige Auffassung vom 
völligen Darniederliegen der deutschen Kunst 
während jener schweren Jahrzehnte wird von 
Petels Bildhauerei hinreichend widerlegt. 
Für die Berührungen mit der großen Welt 
legen das Petel-Bildnis von Anthonis van Dyck 
und die von Petel modellierten Bildnisbüsten 
Gustav Adolfs und des Peter Paul Rubens 
beredtes Zeugnis ab. München, Genua, Rom, 
Augsburg und Antwerpen waren die Bildungs- 
statten des Meisters aus dem kleinen ober- 
bayerischen Weilheim, das in eben jener Zeit 
erstaunlicherweise gleich eine ganze Anzahl 
der bedeutendsten Bildhauertalente hervor- 
brachte. Das wahrhaft europäische Niveau von 
Petels Person und Kunst aber ist gerade in 
dem Raum der Ausstellung am deutlichsten 
geworden, wo Algardi, Duquesnoy, die italo- 
Hämische Kleinplastik und Rubens sich mit 
Petel versammelt hatten. 
Die entscheidenden künstlerischen Anre- 
gungen der heimischen Umwelt waren zwar 
nicht unmittelbar in die Ausstellung einbe- 
zogen, aber sie befanden sich doch in erreich- 
barer Nähe: an den Fassaden und auf den 
Plätzen von München und Augsburg die 
großen Erzbildwerke der Jahrzehnte um 1600 
und die Elfenbeinarbeiten Christoph Anger- 
mairs in der Schatzkammer der Residenz und 
im Bayerischen Nationalmuseum. 
Nicht minder eindringlich prägten sich die 
spezifischen Werkstoffe ein: für das Große 
Lindenholz und Bronze, für das Kleine zumeist 
Elfenbein, Bronze und Hartholz, wobei mit- 
unter aus der Verbindung mehrerer Werkstoffe 
(Münchner Geißelung Christi) zu ersehen ist, 
welche nuancierte Bewertung Petel der Mate- 
rialwahl beigemessen hat. Ein Erlebnis beson- 
derer Art brachte die farbige Erscheinung der 
Ecce-homo-Figur aus dem Augsburger Dom 
und des Christkinds von der Kanzel der Bar- 
füßerkirche in Augsburg. Die ursprüngliche 
Fassung dieser beiden Bildwerke wurde erst 
im vorigen Jahre freigelegt; so zeitigte die 
Ausstellung auch wichtigste Erkenntnisse zur 
materiellen Beschaffenheit der Fassung von 
Petels Figuren und zur Konsistenz von Figur 
 
 

	        

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