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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 79)

Pfnug Wjindixrb- Graetg 
INNENDEKORAT 
ION UND MOBI 
[AR DES HISTORISMU 
Als bedeutendste Wiener Leistung auf dem 
Gebiete der lnnendeltoration und der Möbeb 
kunst während der vierziger Jahre des 19. Jahr" 
hunderts, also in der ersten oder spätromanti- 
schon Phase des Historismus, gilt die im Stile 
des Neurokoko durchgeführte Adaptierung 
der Rcpräsentationsräume des Palais Liechten- 
stein in der Bankgassel. Leitender Architekt 
war der Engländer P. H. Desvignes. Wir 
mii sen, ehe wir uns der zweiten oder wissen- 
schaftlichen Phase des Historismus zuwenden, 
die mit den Bestrebungen Rudolf von Eitel- 
hergers und mit der Gründung des Öster- 
reichischen Museums für Kunst und Industrie 
einsetzte, kurz auf jenes künstlerische Unter 
nehmen eingehen, das für seine Zeit exempla- 
rischen Wett besitzt und an dem Männer 
beteiligt waren, die wegen ihrer Kenntnisse 
und Fähigkeiten für die weitere Entwicklung 
von großem Einlluli wurden: der Wiener 
(farl Leistler und der im Jahre 1842 aus dem 
läheinlzlnrl zugewanderte Michael Thonet. lis 
ist wohl sywnptoiriatisch für die kulturhistori- 
sche Situation im beginnenden lndustriezeit- 
alter, daß hier erstmals bei der Durchführung 
ein und desselben Auftrages, ja sogar auf 
dentselben Gebiet, bei der Anfertigung des 
ßlobiliars, zwei grunclverschietlene Herstel- 
lungsmetbixtlen zur Anwendung gelangten. 
Die eine, die auf dem Boden der handwerk- 
lichen Tradition steht, und die andere, die den 
neuen Weg der industriellen Produktion ein- 
schlägt. Beide Richtungen bestehen seit da? 
mals nebeneinander. Leistler fertigte seine 
Möbel nach den herkömmlichen Methoden an 
und versah sie mit reichen Schnitzereien in 
einem phantasievoll interpretierten Rokxwkor 
stil. Ganz anders verhält es sich um die Stühle 
von Thonet. Neuartig wie die maschinelle 
Erzeugung ist auch die Form, die aus den 
technischen ltlääglichkeiten entwickelt ist. Die 
teils massiv, teils aus zusammengeleinmten 
Furnieren gebogenen und gepreßten Stücke, 
woraus diese Stühle bestehen, sind in eine 
Form gebracht, deren ästhetische Wirkung 
allein auf der Kalligraphie des Umrisses be- 
ruht. Doch würde sie kaum so eindrucksvoll 
sein, wäre sie nicht mit einer Leichtigkeit 
verbunden, wie sie bisher niemals erreicht 
worden war. Hit diesen ersten in Wien ange- 
fertigten Stühlen aus gebogenem llolz stehen 
wir am Anfang der modernen Möbelindustrie, 
deren Ziel damals wie heute die Serienproduk- 
tion leichter und zweckcnlsprechender Sitz- 
möbel ist. 
Aus Leistlcrs Werkstatt ging Franz Schon- 
thaler 1, der auch akademischer Bildhauer war, 
als sein begabtester Schüler hervor. lir grün- 
dete selbst ein Unternehmen, das in der Folge- 
zeit mehrere herrschaftliche lnnenausstattungen 
 
 
l Tisch, Mahagoni, nusgcf"hrl von Carl Lcisller, W 
bis 1847. Palais Liechtenstein. Wien 
2 Stuhl aus gebogencm Holz. vergoldet, blauer Sci 
ausgeführt von Michael Thonet, Wien, 1343-184 
Liechtenstein, Wien 
3 Knhineuschnuk (Aquarellcnschrank), Eben- und 1' 
(ricbcne und gegossene Silherdeknrnlinn. Enlw 
. Storck. Ausführung von F. Michel. H. Klon. S. 
u. ar. Gemälde von H. Canon. Wien, 1881. Kunsthi: 
Museum. Wien 
4 Detail von Ahb.4. Wappemrägcr mit dem H 
Lmhriligischen Faniilicliwnppen 
ANMERKUNGEN 
l Marianne Zweig. Zwtitts Rukoko. Innenrlunxe und 
in Wien um 1x30 bis 1860. Wien 1924, s. 15m, T; 
Ijncoh von Falke. Das Kunstgawerbe, in: Wien 184i 
Denkschrift zum 2. Dccember 1888, Wien 1888. ll. Bd 
1 Auf die Baugeschichtc d Schlösser Eisgrub und Fr; 
wird hie: nicht näher emgegzngen. d: sie im Rahm 
Aufsatzes von Dr. Vikror Koxrba (Prag). Die Anü 
Ncugutik in den böhmischen Ländern. der in eix 
kommenden Hefte von "Alu: und moderne Kunst" er 
wird. eine zusfuhrliche Darstellung cxfihrl. 
4 Franz J. lirnrs. Schlul) Hmdek, Prag um. 
S Einen höchst br riißcnswcrten Anfang lrnr ncucrd 
Denkmakunr in Ing mit der Herausgabe kleiner 
schzfklirher Spezial ublikalionzn (Schlollfixhrcr) um 
staatliche Schlöswr er CSSR gemacht, z. u. Hlubokä 
bcrlz). 19m; Lednicv: (Eisgrub), 1962. 
5jacoh von Falke, a. n. o. s. 255. 
1 cnrl von Lulzow, Die bildenden Künste, in: wir-n 1341 
ll. im" s. 212. 
I (Iarl von Lülzow. n. n. o. s. 200. 
l cnrl von Lürzow, n. n. o. s. 206. 
I" Jacob von Falke, n. n. 0. s. 274, 217. 
 
	        

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