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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 79)

schlankem Format, die unter einem Bogenfeld 
die Bildnisse habsburgischer Fürsten zeigen; 
eine Kachel trägt auch den Namen des Hafner- 
meisters Bartholomeus Schamerich. Jede 
Schaufläche ist nur eine schmale Kachel breit. 
An dem schlanken Oberofen sind die Kacheln 
an den Ecken mitfreirtehenden jonischen Säulen 
verziert, während sie an dem Unterofen wieder 
Pilaster mit reichern Ggürlichem Füllwetk be- 
grenzen. Auffallend sind die weit ausladenden 
Kranzgesimse an beiden Ofenpartien. Die 
horizontale Deckplatte wird von reichen 
Hligranartig durchbrochenen, aus grazilem 
Rankenwerk bestehenden Galerieteilen um- 
laufen, ebenso die Deckplatten der Kapitelle 
der freistehenden Säulen. Die Füße in Gestalt 
von schildhaltenden Löwen sind Reminiszenzen 
einer längst versunkenen Epoche. Das Haupt- 
charakteristikum dieses eleganten Barockofens 
besteht darin, daß er auf jegliche Farbwirkung 
verzichtet und völlig schwarz graphitiert ist, 
ein Novum im Rahmen unserer Betrach- 
tung. 
Mit dem Ofen der Abbildung sechs kommen 
wir bereits ins 18. Jahrhundert. Dies ist vor 
allem an dem sogenannten „Bandelwerk", das 
an der Ofenbekrönung in Erscheinung tritt, zu 
identifizieren. Der leicht abgesetzte zwei- 
stufige Heizkörper ist aus bunten Reliefkacheln 
mit allegorischen Darstellungen der Tages- 
zeiten und biblischen Szenen gesetzt. Er hat 
noch die behäbige Fülle früherer Heizkörper. 
Die Grundfarbe der Kacheln ist ein leuchtendes 
Weiß, auf dem sich die bunten Darstellungen 
kräftig und lebendig abheben. Der 2,90 m 
hohe Ofen besitzt in der Reihe der angeführten 
Objekte erstmalig eine eingezogene, ge- 
schweifte Bekrönung, die eine farbige Bildnis- 
büste trägt. 
Dem österreichischen Hochbarock gehört der 
Ofen der Abbildung sieben an. Er ist mit seinen 
vier Metern wesentlich höher und imponieren- 
der als alle vorher genannten Objekte. Eriist 
erstmalig mit einer mehrfach geschweiften 
barocken Haube mit aufgesetztem Adler aus- 
gestattet und führt als völlig neues Dekora- 
tionsmotiv vollplastische Figuren vor Augen. 
Der Heizkörper als Ganzes zeigt ein Gelb- 
Grün, Ornamente und Figuren sind dagegen 
unglasiert. Die Figuren vor den Pilastern 
haben die Funktion von Karyatiden, während 
die reizenden Putten an der Kuppel in ihrer 
lieblichen Verspieltheit eine heitere und grazile 
Note in die kraftvolle Würde des imponieren- 
den Heizkörpers tragen. Der Ofen hat größte 
Ähnlichkeit mit dem Bozzetto Giovanni 
Giulianis im Stifte l-leiligenkreuz bei XVien. 
Dem gleichen Stil und der gleichen Ent- 
stehungszeit (um 1720) gehört der Ofen der 
Abbildung acht an. Das so außerordentlich 
charakteristische „Laub- und Bandelwerk" 
tritt an ihm besonders auffallend in Er- 
scheinung. Bemerkenswert sind die aufgelegten 
lichtbraunen Terrakottareliefs, die ursprüng- 
lich vergoldet waren und ähnlich wie bei dem 
vorgenannten Ofen eine niederosterreichische 
Besonderheit darstellen. 
Der Rokokoofen der Abbildung neun aus 
Graz mit seinem exzentrischen Rocaillen- 
zierat verrät auf den ersten Blick seinen 
„Wiener Stil". Er ist gleichzeitig das erste 
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Beispiel eines kompletten sogenannten „Über- 
schlagofens". Der Grund des Ofens ist rahm- 
farben, der elegante Reliefdekor ist wie üblich 
vergoldet. 
Mit dem Formenkreis des Louis-Seize macht 
uns der Ofen der Abbildung zehn bekannt. 
Eindringende klassizistische Elemente führen 
das Ende des Rokoko herbei. Das abgebildete 
Beispiel ist nur 2,28m hoch und wirkt für 
diese Stilepoche ungewöhnlich zierlich und 
elegant. interessant ist an diesem Objekt die 
Tatsache, wie geschmeidig sich die klassi- 
zistischen Formelemente der breiten Kannelüren 
in den rokokomäßig gedrehten und spiralig 
aufsteigenden Linienzügen dem neuen Stil 
anpassen. Die grazilen Blatt- und Blüten- 
girlanden, die sich leicht und duftig um den 
Unterofen Winden, sind gleichfalls stilistische 
Nachklänge aus dem Rokoko. Die über 
Knöpfe gelegten Lorbeergehange des Ober- 
ofens sind dagegen echte Elemente des Louis- 
Seize. Der zwischen 1775 und 1780 entstandene 
Ofen ist durchgehend rahmfarben. Dieser 
Farbton sowie das dnftige Perlgrau oder auch 
ein leuchtendes Weiß sind die vorherrschzn- 
den Farben dieser Stilepocbe. 
Strenger und daher typischer für den Louis- 
Seize-Stil ist der weiße, 2,33 m hohe Ofen der 
Abbildung elf. Die gradlinige, senkrechte Kan- 
nelierung am Oberofen, Lorbeerkränze und 
Girlanden, Eier- und Perlstähe sind eindeutige 
klassizistische Zierglieder. Als sehr bezeich- 
nende Formelemente des Zopfstiles 7 wie er 
auch genannt wird - kommen zungenartige 
Blätter (siehe unteren Wulstring des Ober- 
ofens) und vor allem die fast unvermeidliche 
Derkelmue als Bekrönung hinzu. Der Ofen ist 
um 1780 entstanden. Es ist jünger als das 
Beispiel der Abbildung zehn und repräsentiert 
den Louis-Seize-Ofen in seiner ausgereiften 
Form. In der Regel ist der Unterofen schwer 
und angebaut, der Oberofen leichter, frei- 
stehend und kreis- oder ovalrund. 
Als letztes Objekt sei ein echtes Wiener 
Erzeugnis angeführt, das in seiner Erscheinung 
einzigartig ist. Der Ofen kommt aus der 
Hafnerwerkstätte Erndt, Wien, und ist um 
1840 geformt worden, ist also ein Biedermeier- 
stück. Das Erzeugnis, das in seinem Oberteil 
die Gestalt einer Vase und in seinem Unterteil 
die eines geschweiften Zylinders mit Fußwulst 
hat, ist von einer lichtgrünen, etwas ins Graue 
spielenden Grundfarbe und über und über mit 
buntglasierten Ranken, Blüten und dem ver- 
schiedensten Blartwerk förmlich übersät. Der 
obere Rand der Vase trägt ein üppig wuchern- 
des, züngelndes breites Blartwerk, das mit 
seinen Spitzen über den Rand emporschießt. 
Der Gesamteindruck ist ungemein bizarr und 
nicht nur im Biedermeier, sondern in der 
gesamten Geschichte des Ofenbaues ohne 
Beispiel. lm übrigen ist er im Gegensatz zu 
allen zuvor geschilderten Beispielen, die durch- 
weg sogenannte „Hinterlader" sind (also von 
einem Außenraum her geheizt werden) ein 
„V0rderlader", der mit verschließbarer Ein- 
schüröHnung und darunter mit einem Aschen- 
fallkasten ausgestattet ist. In der interessanten 
Reihe der Öfen des Österreichischen lNIuseums 
für angewandte Kunst soll er als seltsames und 
pittoreskes Unikum den Abschluß bilden.
	        

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