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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 79)

kleinen Knaben im Hermannstädter Raub der 
Helena, der stark an den Askanias in der 
Flucht aus dem brennenden Troja erinnert. 
Die Malweise der beiden Entwürfe in Karls- 
ruhe, die durch das Auftragen heller Licht- 
tupfen charakterisiert sind, ist zwar in dem 
BrukenthaYschen Bozzetto vereinfacht und in 
den koloristischen Mitteln beschränkt. Doch 
ging wahrscheinlich vieles durch die Re- 
staurierung am Ende des 19. Jahrhunderts 
verloren, denn der jetzige Zustand des Ge- 
mäldes ist nicht ganz befriedigend. Trotzdem 
kann man auf Grund der Verwandtschaft mit 
den Skizzen aus Karlsruhe und mit anderen 
zeitgenössischen Werken Rottmayrs den Raub 
der Helena aus Hermannstadt ungefähr in 
die Mitte der neunziger Jahre datieren. 
Viel reicher im Kolorit ist eine kleine, in den 
Hermannstädter Katalogen seit dem Jahre 1844 
als Werk eines unbekannten deutschen Meisters 
angeführte Skizze zu einem runden Deckenbild 
mit Oreithyias Entführung durch BoreaslS. 
Die Mädchengestalt mit ihrem charakteristisch 
naiven Puppengesicht, das so auffallend an 
Helena erinnert und so viele Schwestern in 
Rottmayrs Bildern hat, dürfte fast als Signatur 
des Meisters gelten. Dazu treten noch die 
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typisch Rottmayfschen Farben der Gewänder, 
des weißen, mit roten und goldigen Blumen 
besäten und mit einem dunkelblauen Saum 
versehenen Mantels der Oreithyia und des in 
stumpfem Rot gehaltenen Gewandes des 
bärtigen Boreas. Das auffallendste an diesem 
Bild ist die raflinierte Tönung des XVolken- 
himmels, auf dem eine ganze Farbenskala 
ausklingt, die von bläulichem Weiß und Gelb 
bis zu goldigem Ocker reicht, stellenweise 
mit einem energisch aufgetragenen kühlen 
Blaugrau und Rosa unterrnischt, das wiederum 
vom Inkarnat der Oreithyia, zumal von 
Gesicht und Händen, reflektiert wird. In der 
unteren Partie geht die Wolke in ein tiefes 
Braun über. Die malerische Handschrift der 
kleinen Skizze ist ungemein kräftig, sowohl 
im Hintergrund als auch in der Modellierung 
der voluminöscn Haupt- und Nebenfiguren, 
der Putten und der musizierenden Mädchen 
rechts unten. 
Dieser Entwurf eines runden Plafondgemäldes 
scheint im Vergleich zu der Entführung 
Helenas einer späteren Entwicklungsphase 
Rottmayrs anzugehören. Die koloristische 
Fülle und energische Handschrift ist der 
Ausdruck eines hochbarocken Strebens und 
monumentaler Absicht, die von der dekora- 
tiven Gliederung der Komposition gemildert 
und durch zierliche Einzelheiten, zum Beispiel 
das Muster auf Oreithyias Gewand, aufge- 
lockert wurden. Diese Eigenschaften könnten 
wohl Rottmayrs zweiter Stilphase entsprechen, 
die Günther Heinz mit „Betonung des Ober- 
flächenreizes bei Vernachlässigen des Körper- 
kerns" charakterisiert und in die Jahre zwi- 
schen 1697 und 1706 ansetztlö. Dennoch 
wird man wegen der skizzenhaften Art des 
Gemäldes, das zwar einen hohen Grad bild- 
licher „Vollendung" aufweist, mit Versuchen 
einer allzu eindeutigen Datierung und Ein- 
reihung vorsichtig sein müssen. Da das 
mythologische Thema selbst auf den Palast 
eines weltlichen Fürsten hindeutet, drängt sich 
der Gedanke auf, 0b es sich nicht um einen 
Entwurf zu den mythologischen und alle- 
gorischen Deckenfresken in der Durchfahrts- 
halle des Wiener Gartenpalastes Liechtenstein 
in der Rossau handelt, die Rottmayr im Sommer 
des Jahres 1707 beendete, von denen eine 
eigenhändige Anmerkung des Meisters besagt, 
daß „die Figuren recht Leben gross sein in 
Lufft und auif Wolkhen sein ober sich"17. 
Aber nicht nur in bisher noch wenig erforsch-
	        

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