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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 79)

Emil Rainer DIE GEISTIGE WELT EL GRECOS 
Als El Greco im Jahre 1614 starb, zeigte sich, 
daß er seine letzten Jahre in Armut verbracht 
hatte. Das große Haus, das er in Miete hatte, 
war fast leer, er hatte Schulden, und sein 
Nachlaß bestand im wesentlichen aus über 
400 fertigen und angefangenen Bildern, ein 
Zeichen, daß Käufer seltener geworden waren. 
Alt und krank, hatte er für seinen Lebens- 
unterhalt fast seinen ganzen Hausrat verkaufen 
müssen. Aber von seinen Büchern hat er sich 
nicht getrennt. In seiner Jugend hatte er 
eine überdurchschnittliche Bildung erworben, 
die ihm hohes Ansehen bei den Humanisten 
unter dem Klerus eintrug. Wahrscheinlich von 
Kreta her führte er durch seine Wanderschaft 
griechische Klassiker mit; anderes hat er in 
Italien und Spanien dazugekauft, zum Beispiel 
Werke über Architektur und Medizin. Wir 
sehen, daß er bis zum Tode vielseitige geistige 
Interessen hatte. Als denkender Künstler zeigt 
er sich uns in allen seinen Arbeiten. 
Um ihm bei seinem Werke zu folgen, beginnen 
wir mit der Grablegung des Grafen Orgaz, 
der um das Jahr 1300 in Toledo gelebt hat 
und bei dessen Begräbnis zur Belohnung seiner 
tiefen Frömmigkeit die Heiligen Augustinus 
und Stephanus erschienen sein sollen, um ihn 
in die Gruft zu betten, die er sich in der dortigen 
Thomaskirche hatte anlegen lassen. 
Am 23. Oktober 1584 stimmte der Erzbischof 
von Toledo dem Antrage des Pfarrers der 
Thomaskirche zu, das Mirakel malen zu lassen; 
aber erst am 18. März 1586 wurde der Vertrag 
mit El Greco geschlossen. In der langen 
Zwischenzeit war das Werk im Geiste und 
wohl auch in den Skizzenbüchern des Künstlers 
in allen Einzelheiten ausgereift, so daß das 
ligurenreiche und mit bewunderungswerter 
Sorgfalt ausgeführte Bild, das 4,80 m hoch und 
3,60m breit ist, schon zu Weihnachten des 
gleichen Jahres fertig war. 
Links von der Mitte der unteren Bildhalfte 
vollzieht sich das Wunder. Längst hatte 
El Greco die Architekturkulissen italienischer 
Malerei aufgegeben, und nun führt er uns in 
eine Kirche ohne Mauern und Altäre zu einem 
Begräbnis ohne Katafalk und Blumen. Fackel- 
licht durchbricht das nächtliche Dunkel. Dicht- 
gedrängt reihen sich im Hintergründe die 
Freunde des Verstorbenen aneinander, er- 
griffen vom Erscheinen der Heiligen, die den 
Toten in die Gruft senken, an deren Rand 
sie anscheinend stehen. Wie ein leuchtendes 
Medaillon hebt sich die farbenprächtige, fast 
kreisrund abgeschlossene Bestattungsszene von 
der Kleidung der Trauergäste ab. Der heilige 
Augustin ist als Bischof von Hippo gemalt, 
ein ehrwürdiger Greis mit durchgeistigtem 
Asketengesicht, St. Stephan ist ein Jüngling 
in Diakongewand. Links von ihnen stehen 
zwei Mönche, die den Toten in die Kirche 
getragen hatten; demütig waren sie zur Seite 
getreten, als die llciligen ihnen den letzten 
Dienst am Verstorbenen abnahmen. Den 
Mönchen gegenüber an der Kopfseite des 
Grafen wird für ihn das Offizium gehalten. 
In die Einsegnung vertieft, hat der Priester 
das Wunder noch nicht wahrgenommen, 
ebenso der Mesner, der das hochragende 
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Kreuz hält. Aber dem andern Geistlichen im 
Weißen Chorhemd enthüllt eine Vision die 
Vorgänge im Himmel. Überlebensgroß gemalt 
stellt er den Zusammenhang der beiden 
Bildteile her. 
Schon beim Sterben des Grafen zeigt sich uns 
seine Auserwähltheit. Nicht als schreckhaftes 
Gerippe, das eine Knochenhand nach seinem 
Opfer ausstreckt, ist der Tod zu ihm ge- 
kommen, sondern als milder Engel, der in 
seinen Armen die Seele in der hauchfeinen 
Gestalt eines mit der Sündenwelt noch nicht 
in Berührung gekommenen Embryos empfängt 
und mit ihr zum Wolkengiirtel auflliegt, der 
den Himmel von der Erde trennt. Nun er- 
kennen wir, warum die Leichenstarre den 
Toten noch nicht ergriITen hat, denn er hat 
ja erst kurz vorher seine Seele ausgehaucht. 
Die Bestattung folgt also rasch dem Tode. 
Zu einer Aufbahrung blieb keine Zeit, und 
die schimmernde Rüstung, in der der Graf 
gestorben war, wurde ihm zum Sarge. 
Der Komposition der oberen Bildhälfte kam 
der bogenförmige Abschluß der Mauernische 
entgegen, für die das Bild bestimmt war. So 
wurde Christus, in äußerste Ferne und Höhe 
gerückt, gebührendermaßen die beherrschende 
Gestalt der hehren Versammlung. In allum- 
fassender Liebe hält Er die Arme ausgebreitet, 
himmlisches Licht strahlt von Seinem Haupte 
aus, durchdringt das Leichentuch, das Ihn 
umhüllt, und leuchtet der Seele als Will- 
kommsgruß entgegen. Cherubim umschweben 
Ihn. Im Vordergrunde unter Ihm sitzen rechts 
Johannes der Täufer und links die heilige 
Maria, deren Wink die Wolkendecke geöffnet 
hat, damit die Seele ins Himmelreich auf- 
steigen kann. Marias Gesicht ist von solchem 
Liebreiz und ihre Haltung von so unirdischer 
Würde, daß sich schon damit El Greco als 
ganz großer Künstler erweist. Der heilige 
Johannes mit seinen ungestümen Gebärden 
und seiner mangelhaften Kleidung ist wie aus 
jener Zeit dargestellt, als er noch scheltend und 
bußemahnend in der Wüste umherwanderte. 
Nur er, der Christus getauft hatte, durfte sich 
vor Seinem Antlitz so zwanglos gehenlassen. 
An einer Wolke in der Nähe der Madonna 
lehnt St. Petrus, der zum Empfang der Seele 
seinen Platz an der Himmelspforte verlassen 
hat. Links unter ihm erblicken wir Noah mit 
der Arche, Moses mit den Gesetzestafeln und 
David mit der Harfe. Rechts gegenüber erhebt 
sich Lazarus zu neuem Leben. Zwei Frauen, 
vermutlich Martha und Magdalena, halten sich 
im Hintergründe. Eine Schar Seliger schließt 
sich dem Täufer an, darunter der König, der 
Papst, der heilige Thomas mit dem Winkelmaß 
und hinter ihm Doüa Jeronima de las Cuevas, 
die frühverstorbene Mutter von Gtecos Söhn- 
chen Jorge Manuel. 
Der Volkssage nach waren die beiden Heiligen 
zum Begräbnis vom Himmel herabgekommen. 
Aber da der Durchgang oben nicht frei war, 
hat E1 Greco sie als Kirchenstatuen gemalt. 
Belebt durch das göttliche Wort sind sie 
von ihren Postamenten herabgestiegen, um 
still auf ihre Plätze zurückzukehren, als sie 
ihren Auftrag erfüllt hatten. 
Poetische Zartheit erfüllt das Gemälde. II 
Wunden Christi sind vernarbt, Maria ist v1 
ihrem Schmerz genesen, das Haupt d 
Täufers ist wieder an seiner Stelle und au 
St. Stephan ist nun heil; nur auf seiner D: 
matica ist seine Steinigung abgebildet. IV 
geradezu magischer Kunst erweckt El Grei 
im Beschauer die lllusion, daß alle Gestalt 
sich bewegen. Selbst der Himmel ist nicht 
Ruhe. Der Reigen der Seligen schwebt : 
Christus heran, der sich ihnen und dem B 
trachtet zu nähern scheint, und am Spiel d 
Wolken nehmen die kleinen Englein te 
Unten stehen die Männer so eng beisamme 
daß sie sich kaum rühren können, doch w 
dynamisch ist ihre Anteilnahme am Vorgang 
Pulsierender Herzschlag durchbebt sie, ui 
wenn ihr Mund geschlossen ist, sprechen u 
so lauter ihre Augen und die Gesten der Händ 
So bewegt ist die Szene, daß der Tote, 11.01 
lebenswarm, vor unseren Augen langsam 
die Tiefe zu gleiten scheint. 
In eine Ecke der Tempelaustreibung, die sii 
jetzt in Minneapolis befindet, hat El Grec 
zweifellos erst nach Vollendung des XVerkc 
Brustbilder von Tizian, Michelangelo, Clov 
und Raffael gemalt. Ich glaube, daß dies 
Postpictum gerade so wie die bekannte Krit 
an Michelangelo eine Äußerung seines stark: 
Selbstbewußtseins ist, indem er diese MaL 
voll Befriedigung mit seinem Werke koi 
frontiert. In seinem Künstlerstolz hat er sir 
nicht gescheut, ein religiöses Gemälde durt 
eine inhaltsfremde Zutat zu entstellen. Etw; 
Ähnliches finden wir auf dem ()rgaz-Bild 
Auch dort sehen wir eine Gestalt, die zui 
Gemälde keine Beziehung hat; es ist El Grec: 
Söhnchen Jorge Manuel, das damals acl 
Jahre alt war, wie uns das Datum auf seinen 
Taschentuche unterrichtet. Der Vater hat d: 
Kind wie einen Trauergast gekleidet und ihi 
auch eine Fackel in die Hand gegeben. Trotz 
dem sticht der Knabe von seiner Umgebun 
ab. Man erkennt, daß für ihn im Konzept dt 
Bildes kein Platz vorgesehen war, denn t 
mußte in unbequemer Haltung niederknien un 
ein Bein abbiegen, um die Steinigung nicht z 
verdecken. Von niemandem zeigen sich di 
Füße, und der Fußboden ist nicht einmal ar 
gedeutet; hingegen sehen wir die Fülle, di 
Jorge Manuel auf den Boden setzt. Es ist klai 
daß der Knabe eine nachträgliche Improvi 
sation ist. Sich dem Beschauer zuwenden 
und mit dem Finger auf das Wunder weisenc 
scheint er beifallheischend sagen zu woller 
daß schon ein Kind erkennen kann, welcl 
sublimes XVerk sein Vater geschaffen hal 
VUieder tritt uns das ungebändigte Selbst 
gefühl El Grecos entgegen. 
Nur von seiner Arbeit lebend, konnte El GIEG 
auch Aufträge, die ihm zuwider waren, nich 
ablehnen, besonders wenn sie von hohe 
weltlicher oder kirchlicher Stelle kamen. Abe 
in seinem Werke distanzierte er sich unmiß 
verständlich von der Tendenz solcher Themen 
selbst wenn er dadurch die Harmonie seine 
Kompositionen stören mußte. 
Der heilige Martin, Bischof von Tuurs in 
vierten Jahrhundert, begegnete in seiner Ju 
gend, als er noch Soldat war, an einem kalter 
Wintertage einem Bettler, der unter seiner 
DIE GEISTIGE WELT EL GRECOS
	        

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