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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 79)

AUSSTELLUNG CLAUDE LORRAIN IN 
DER ALBERTINA - HERBERT BOECKL 
lM MUSEUM DES 20. JAHRHUNDERTS 
Als Ergebnis langjähriger wissenschaft- 
licher Forschungsarbeit Eckhart Knabs 
kann die große Ausstellung ..Claude 
Lorrain und die Meister der römischen 
Landschaft im 17. Jahrhundert" be- 
zeichnet werden, die bis Mitte Februar 
in der Graphischen Sammlung Albertina 
zu sehen war, 
Die Arbeiten Claude Lorrains zählen 
schon seit langem zu den bedeutendsten 
Schätzen des Instituts. Von insgesamt 33 
etgenhöndigen Blättern. die die Alber- 
tina besitzt. finden sich bereits 31 in 
einem wichtigen Sammlungskatalog GLS 
dem Jahre 1822 eingetragen und be- 
schrieben. Geringeres Augenmerk als 
den Zeichnungen Lorrains schenkte 
man in früheren Jahren allerdings den 
graphischen Blättern seiner Zeitge- 
nossen. Teile der Sammlungsbestände 
waren bis vor kurzem nahezu völlig 
unbekanntoder nur wenigen Fachleuten 
vertraut. Um einerseits diese Lücke tn 
der wissenschaftlichen Forschung zu 
schließen und um andererseits das Publi- 
kum mit den wertvollen und schönen 
Blättern Lorrains und seiner Zeitge- 
nossen bekannt zu machen. wurde die 
Ausstellung veranstaltet. 390 Zeich- 
nungen. Radierungen und Kupferstiche. 
darunter zahlreiche Leihgaben aus- 
lündtscher Museen. konnten zu einem 
umfassenden Überblick der Landschafts- 
und Genrekunst des 17. Jahrhunderts 
vereint werden, 
Zwei kleinere Säle galten allein den 
Vorläufern Lorrains. Künstlern wie den 
Brüdern Matthäus und Paul Bril, 
Agostino und Annibale Carracci. Jan 
Breughel dem Älteren. Hendrik Goudt. 
Agosttno Tassi und Cornelts van Poeten- 
burg. Besondere Beachtung verdienten 
in diesem Teil der Ausstellung vor allem 
die Blätter des Frankfurters Adam Els- 
heimer. der wohl zu den bedeutendsten 
Landschaftszeichnern seiner Zeit ge- 
rechnet werden darf. 1600 liel] sich 
Elsheimer in Rom nieder. wo er auch. 
im Alter von nur 32 Jahren. verstarb. 
Seine Zeichnungemdieinihrer knappen 
und feinen Art mitunter wie Vorstufen 
zu jenen Rembrandts wirken. übten 
mehr als die Blätter Breenberghs und 
Poelenburghs (auch diese beiden Künst- 
ler hielten sich lange Jahre in Rom. 
dem künstlerischen Mekka jener Zeit. 
auf) aufdie Kunst Lorrains nachhaltigen 
Etnfluß aus. 
Claude Gelee. genannt ..Le Lorrain". 
wurde 1600 in Chamagne in Lothringen 
geboren (daher auch der Name Lor- 
rain). 1613 zog er mit einem verwandten 
Gewerbetreibenden erstmals nach Rom. 
Längere Zeit hindurch. vermutlich bis 
zum Jahre 1616. war Lorrain als Ge- 
hilfe des Malers Agostino Tassi tätig. 
Nach einem kürzeren Abstecher in die 
Heimat ließ sich der Künstler 1626 
endgültig in Rom nieder. Schon bald 
erwarb er sich die Freundschaft be- 
rühmter Zeitgenossen. darunter auch 
die Paussins. Im hohen Alter von 
82 Jahren verstarb Claude Lorrain am 
23. November des Jahres 1682. 
Der ausgeprägte kalligraphische Kräu- 
setstil der vor 1635 entstandenen Land- 
schaften und Studien (zumeist mit Bister 
lavierte Feder- und Pinselzeichnungen) 
ist für die detailreichen Frühwerke 
Lorrains typisch. In späteren. ebenfalls 
50 
TAus DEM iäinsrtEbrn 
oft skizzenhaften Blättern aus der 
Campagna tritt bereits eine wesentlich 
freiere. den Pinselduktus stärker be- 
tonende Malweise auf(Katalog Nr. 79). 
Lorrain forschte mit Ausdauer und 
großem Einfühlungsvermögen der Na- 
tur nach. machte Hunderte von Skizzen 
und legte ganze Skizzenbücher an. 
von denen mehrere noch nachweisbar 
sind. In stimmungsvollen. zumeist auf 
ausgeprägten Hell-Dunkel-Kontrast be- 
dachten Radierungen (Landschafts- 
schilderungen und idyllische Szenen) 
erweist sich Lorrain auch in dieser 
graphischen Technik als meisterhafter 
Könner. Zu den künstlerischen Höhe- 
punkten der Ausstellung zählten ins- 
besondere die Katalognummer 93. 
eine topographische Reiseskizze in 
freier und lockerer Manier. auf der 
das Charakteristische der Landschaft 
schlechthin in gültiger Weise zum 
Ausdruck kommt; weiter eine drama- 
tisch wirkende ..Tiberlandschaf". ent- 
standen um das Jahr 1640 (Katalog 
Nr. 84). eine stimmungsvoll-düstere 
Landschaft aus der Campagna (Katalog 
Nr. 98) sowie eine ..Die Landung des 
Aeneas in Latiurn" benannte Vor- 
zeichnung zu einem Gemälde. in der 
sich Lorrain einmal mehr als grandioser 
und sensibler Meister der Pinsel- und 
Federzeichnung erweist. jener Technik. 
die im 17. Jahrhundert zu ungewöhn- 
licher Blüte gelangte. 
Den dritten und umfangreichsten Teil 
der Ausstellung bildeten die Arbeiten 
der Zeitgenossen und Nachfolger Lor- 
rains, Die vielseitigen. oftmals vital und 
sinnlich wirkenden Darstellungen des 
Franzosen Nicolas Poussin (1594-1665) 
standen hier im Mittelpunkt. Von kaum 
geringerer Bedeutung sind auch die 
Blätter des schon frühzeitig bekannten 
Gaspard Dughet. der sich nach seinem 
Schwager 7 dessen Schüler er war - 
ebenfalls Paussin nannte. 
Die Kunst Claude Lorrains. von der 
Goethe in seinen ..Anmerkungen zur 
landschaftlichen Malerei" (1831) zu 
berichten wußte. dafi sich in ihr die 
Natur für ewig erkläre. aber auch die 
seiner Zeitgenossen. erfuhr durch die 
bedeutende Albertina-Ausstellung der 
Weltgeltung des Instituts angepaßte 
Ehrung und Anerkennung. 
Verhältnismäßig spät und zu einem 
Zeitpunkt. der es dem ans Krankenbett 
gefesselten Meister leider unmöglich 
machte. an dieser Ehrung persönlich 
teilzunehmen. holte. in der Zeit von 
Dezember 1964 bis Februar 1965. das 
Museum des 20. Jahrhunderts die schon 
lange geplante Herbert-Boeckl-Aus- 
stellung nach. deren Zustandekommen 
Kleinlichkeiten im bürokratischen Kul- 
turapparat lange genug hinausgezögert 
hatten. In Verbindung mit der Kollektive 
aufder varjährigen Biennale in Venedig. 
der kleineren. doch nichtsdestoweniger 
sehr aufschlullreichen Ausstellung gra- 
phischer Werke bei Würthle (Dezem- 
ber 1964) und einer vor wenigen Mona- 
ten im Schroll-Verlag erschienenen 
Boeckl-Monographie Claus Packs. be- 
deutete die von einem hervorragenden 
Katalog begleitete Präsentation im 
Schweizergarten-Museum die längst 
fällige repräsentative Würdigung. die 
Boeckls schwieriges Werk einem breite- 
ren Publikum nahezubringen versuchte. 
Die Ausstellung umfaßte - mit Aus- 
nahme des Erzberg-Aquarells aus 1947 
und zweier nahezu unbekannter Pla- 
stiken 4 ausschließlich Ölmalereien. 
(ln absehbarer Zeit soll nämlich das 
graphische Werk des gebürtigen Kärnt- 
ners in einer umfangreichen Schau der 
Albertina vorgestellt werden.) 
Die Auseinandersetzung mit Boeckl 
wird einem nicht leicht gemacht. ln 
der Frage der künstlerischen Bewertung 
gehen. vor allem was das Spätwerk 
betrifft. selbst die Meinungen der öster- 
reichischen Experten und Kenner stark 
auseinander. von denen des Auslandes 
erst gar nicht zu reden. Unbestritten 
sind Boeckls große Leistungen in den 
Jahren 1918 bis 1925. jene freien. 
kraftvoll-expressiven Ölmalereien und 
Graphiken. die in gleichsam vollende- 
ten Ansätzen bereits all das enthalten. 
was in späteren Jahren konkretere 
Gestaltung und Deutung erfährt. Der 
..Eichelhäher". eine ungemein aus- 
drucksstarke. koloristisch eruptive Male- 
rei aus dem Jahre 1922. ist eines jener 
markanten Schlüsselwerke 7 ein 
ausgesprochener künstlerischer Höhe- 
punkt. ein Konzentrat reinster Malerei. 
deren formale und farbige Qualitäten 
die geistige Aussage. die durch Inter- 
pretation vielseitig erschlossen werden 
kann, in sich tragen. Die ..Forttt"ikation 
von Paris" (1923). die ..Landschaft mit 
Höusern" (2 Bilder gleichen Titels) und 
der ..Klopeinersee" sind weitere große 
Malereien des frühen Boeckl. die zu- 
lassen. daß man den Kärntner Künstler 
gleichrangig neben die maßgebendsten 
Expressionisten jener Zeit stellen kann. 
In diesen grandiosen Landschaften. die 
in ähnlichen. mitunter skizzenhafter 
wirkenden Stilleben (Katalog Nr, 35) 
und einigen hervorragenden Porträts 
aus früheren Jahren bereits jene thema- 
tische Ausweitung erfahren. die - er- 
gänzt durch sakrale Malerei. die im 
Seckauer Freskenzyklus weitestgehend 
Vollendung erreicht - sein Gesamtwerk 
charakterisiert. steckt so viel an ge- 
speicherter Energie. daß einem das 
Gros des Spätwerkes trotz mancher 
abermaliger unbestrittener Höhepunkte 
(so das wahrhaft hinreißende. nach- 
denklich stimmende Selbstporträt des 
Künstlers aus den Jahren 1955 bis 1960. 
das sehr an das berühmte Altersbildnis 
Rembrandts aus dem Wallraf-Richartz- 
Museum in Köln erinnert) auffallend 
schwächer vorkommt. Man gewinnt 
diesen Eindruck erst recht bei längerer 
Auseinandersetzung mit den Bestlei- 
stungemdieden wenigerüberzeugenden 
Arbeiten. die im Sinne einer möglichst 
breiten Dokumentation Aufnahme fan- 
den. gegenübergestellt wurden. obwohl 
das Profil der Ausstellung darunter litt, 
Die in jedem Falle lauteren. von de- 
mütiger und gottvertrauender Gesin- 
nung Zeugnis ablegenden Werke zeigen 
jedoch gerade in den verkrampft 
wirkenden. mehr dem Wollen als der 
geglückten Umsetzung zuzuordnenden 
Beispielen (etwa die Katalognumrnern 
61. 92 und 93). daß es sich Boeckl 
niemals leicht gemacht hat. daß er also 
keineswegs zu jenen begnadeten Genies 
gehört. denen etwas umsonst in den 
Schoß fällt. Routine und die damit ver- 
bundenen Gefahren kommen in Boeckls 
Arbeiten nicht auf. und das bedeutet 
schon ungeheuer viel. Seine Bilder sind 
vielmehr Ergebnisse eines andauernden 
persönlichen Ringens. das oft ver- 
laren ging. dessen Siege aber um so 
mehr zählen. Peter Baum 
 
Claude Lorrain. Erustnia bei den titrtcn, 
Lavierte Btsterzeichnung. 1677 (aus der 
Ausstellung ..Claude Lorrain" in der 
Albertina. wisni 
Herbert Boeckl. Dominikaner v. 194a. 
ÖllLwd. (aus der Ausstellung ..Herbert 
Boeckl" im Museum des 20. Jahrhunderts 
trt Wien) 
Hans Staudacher vor einer seiner oran- 
forrriottgen. spontanen Olrvialereien (aus 
der Ausstellung des Künstlers in der 
Secession) 
Johann Fruhrnartrt vor einer seiner 
neuesten lyrischen Abstraktionen (aus der 
Ausstellung des Künstlers in der Galerie 
irn Grtechenbetsl. VVtErt) 
r. A. Coufal. Skulptur (aus der Ausstel- 
lung des Kunsllers in der Slaatsdruckcrei. 
VVlEn) 
Georg Elster. Aktstudie. 195a. Aus der 
ivtonoordonia Dr. Ernst Käilers (stehe 
Buchbesprechungen)
	        

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