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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 80)

schule mit, doch er macht sie nicht aus. Wohl 
haben wir den romantisch-märchenhaften Ton, 
nicht jedoch die Formensprache; jener kommt 
aus einem anderen Temperament. Er ist weiter 
verfolgbar bis in das Ende der altdeutschen 
Kunst, ja er fristet sein Leben selbst noch in 
den wenigen Bildern der protestantischen Ära 
meist zwischen großen Begleittexten, die ihn 
freilich fast überlagern. Selbst in der Neogotik 
um 1600 blüht er noch einmal auf, nun weniger 
in seiner Märchennähe als in seiner Land- 
schaftsfreudigkeit (Frankenburg) oder wieder 
sehr donauschulnahe (Klein Murham) 5. Ein 
Hinweis auf die Wallfahre in St. Wolfgang 
macht den ganzen Umfang der romantischen 
Möglichkeiten deutlich. Heiligenlegende, Land- 
schaftszauber, Wundererhoifen und Mirakel- 
berichte verbinden sich im viertgrößten Wall- 
fahrtsort des damaligen Europa zu einer deut- 
lichen Demonstration dieser Strömung. Erst- 
malig ersteigt Kaiser Maximilian l. nicht allein 
der Jagd wegen Schafberg und Traunstein, 
sondern wegen der Schönheit der Landschaft. 
Während die Wirtschaftlichkeit der kaiser- 
lichen Salzkammer durch neue Verordnungen 
sichergestellt wird, bringen durchziehende 
Künstler in ihren Skizzenbiichern Landschafts- 
ausschnitte von dort wie aus dem Donautal 
nach Hause. In den großen VUallfahrtsstätten 
werden die Wunder und Mirakel in bunten 
Folgen gemalt, um sie künftigen Geschlech- 
tern vor Augen zu stellen; in den Pfarrkirchen 
wetteifern Zünfte, Bruderschaften und Gläu- 
bige in ausstattenden Stiftungen für Altäre wie 
für Messen, dem Seelenheil zulieb. Daneben 
blüht der Humanismus auf, das Bauerntum 
besinnt sich auf sich selbst, und die Türken an 
des Reiches Grenze rücken so sehr ins Bewußt- 
sein, daß die Kriegsknechte, die am Grabe die 
Auferstehung des Herrn verschlafen, türkische 
Turbane tragen. In unvergleichlicher Weise 
bringt der Altar von Mauer bei Melk die 
Seelenlage der Gläubigen unmittelbar vor der 
Glaubensspaltung. Wie sich das Mittelalter 
ausgelaufen hat, läuft sich nun auch diese späte 
Endgotik aus. Eine der tiefsten Zäsuren, die 
das Abendland erfuhr, vollzieht sich. In der 
Kunst des alternden Lucas Cranach wird Bruch 
und Absturz offenbar. Die neue Aufstellung 
in der Alten Pinakothek in München macht 
diese Situation am Thema der „Alexander- 
ichlacht" in der Verschiedenheit der Lösungen 
deutlich. 
Was läßt sich zu unserer damaligen Eisenkunst 
sagen? Wir wollen über die „Eisenkunst der 
Donauschule" berichten und sind über 
den Sammelbegriff „Spätgotik" noch kaum 
iinausgekommen. Wir wollen der Donau- 
schule verwandte Elemente aufspüren und 
1aben einen einzigen - stilistisch erschlosse- 
1en - Meisternamen, kaum eine Kirche mit 
genauen Entstehungsdaten, die uns weiter- 
"ielfen könnten, und im ganzen Gebiet nur 
zwei zeitliche Anhaltspunkte: die Sakristei- 
türe von Mondsee von 1487 und eine Türe 
von 1497 im Steyrer „Bumerlhaus". Die Mond- 
seer Türe wird überdies nach unüberprüfbarer 
Angabe, weder vom Technischen noch vom 
Künstlerischen her vertretbar, als Augsburger 
Import angesehen. Auch sonst sind die Quellen 
über die Landkirchen des Innviertels dürftig. 
Schließlich stehen wir nicht nur vor der Frage, 
wann das Eisen an die Türen kam - gotische 
Gitter haben sich nicht erhalten -, sondern 
auch vor der Frage, welche Werkstatt sie ge- 
liefert hat, denn viele Dörfer hatten keinen 
eigenen Schmied. Diese Tatsachen zwingen, 
fast alle Schlüsse aus dem Material allein zu 
ziehen. Gewiß haben wir das Dehio-Hand- 
buchß mit reichen Angaben von gotischen 
Beschlägen. Im Braunauer Bezirk ist fast an 
jeder Kirchentüre gotisches Eisenwerk, in 
Braunau sind es nicht weniger als 8 Beschläge, 
in Hochburg 4, wiederholt zwei oder in Eggels- 
berg drei. Wir kommen so in den drei Inn- 
viertler Bezirken, die wir bearbeitet haben, auf 
fast lOO Tiirbeschläge. Trotz der verschieden- 
sten Varianten setzt sich der Stil dieses Raumes 
völlig von den Eisenbeschlägen im übrigen 
Oberösterreich ab. Bei dieser „lnnviertler Ver- 
wandtschaft" läge es nahe, an einige wenige 
Erzeugungsorte zu denken, etwa an Schärding, 
Braunau, Burghausen und vielleicht auch Ried. 
Waren jedoch diese Werkstätten so leistungs- 
fähig, daß sie in wenigen Jahrzehnten all diese 
Beschläge erstellen konnten? Zudem kommt 
in Braunau ein ausgesprochen urbaner Stil zu 
Worte, zu dem das Gros der Beschläge der 
umgebenden Landkirchen nicht in Verbin- 
dung gesetzt werden kann. Es liegt wohl näher, 
daß die Meister ihre Formen einander abge- 
schaut haben. Daß sich gotischer Beschlag in 
solcher Dichte durchsetzen und erhalten 
konnte, erlaubt noch den Schluß, daß er weit- 
hin dem Geschmacke entsprochen haben muß. 
Bei dieser Sachlage wird es also nicht leicht 
werden, Entwicklungsreihen aufzustellen. So 
gerne man in der Eisenkunst von der Renais- 
sance bis in den Klassizismus herauf datiert, 
eben in der spätgotischen Zeit geschieht dies 
nur ganz vereinzelt. 
Im Braunauer Bezirk haben wir nicht nur das 
dichteste Vorkommen, sondern auch eine Reihe 
der qualitätvollsten Werke: so in Ranshofen, 
Eggelsberg und Braunau. Es erhebt sich ver- 
ständlicherweise die Frage, warum wird nur 
der Westen von Oberösterreich herausgestellt 
und die drei anderen Viertel übergangen? Da- 
mit ist das komplizierteste Thema sowohl der 
Eisenkunst wie der Frage nach der Donau- 
schule angeschnitten. Die Eisenkunst im 
übrigen Oberösterreich setzt sich völlig von 
der der Wesrbezirke ab. Das oberösterreichi- 
sche gotische Beschlagswierk zerfällt in zwei 
ganz verschiedene Hälften. Da ist nicht nur 
die schon so oft erwiesene Kulturgrenze der 
Traun, da ist auch jener nicht iibersehbare 
Temperamentsunterschied, der zum Angel- 
punkt wird. Das Temperamentsgefälle vom 
bayrischen Innviertel zum oberösterreichischen 
Landl und zum still-bescheidenen Mühlviertel 
wird in der spätgotischen Plastik etwa in der 
Polarität zwischen Hans Leinberger und dem 
gesamten Astl-Kunstkreis ersichtlich. Doch 
auch die Tafelbilder aus dem mühlviertleri- 
sehen Diembach sind ein guter Beleg für diese 
Lage. Und schließlich gehört der im Linzer 
Schloßmuseum so hervorragend vertretene 
Legendenstil zum allergrößten Teil hieher. 
Dieser Unterschied in der Seelenlage erlaubt, 
von einer Landler Klassizität der Astl-Auf- 
fassung wie von dem expressionistischen Fu- 
rioso der bayrisch-innviertletischen Art als 
von nicht übersehbaren Gegensätzen zu spre- 
chen. Wenn das Furioso zur Donauschule als 
unerläßlicher Stilfaktor gehört, dann muß sich 
dies selbstverständlich auch im Handwerk der 
Schmiede auswirken; tatsächlich bleiben neben 
der Dynamik der Innviertler Türbeschläge 
auch die besten Beispiele wie in Hirschbach 
bei Freistadt, Gampern oder Pettenbach im 
Traunviertel und Dörnbach im Hausruck- 
viertel vor den Toren von Linz, trotz ihres 
lokalen hohen Ranges, zurück. Jüngere Bei- 
spiele wie in Nußbach, Bachmanning 7,Wolfern, 
Mitterkirchen setzen sich schon allein vom 
Stilistischen her deutlich von unserer Gruppe 
ab, wenn uns auch bei ihnen keinerlei urkund- 
liche Unterlagen weiterhelfen. Außer Zweifel 
beginnt jetzt in hohem Maße die arreigene 
Äußerung aus dem Volkstum mitzusprechen. 
Sie wird für unsere Untersuchung bedeutungs- 
voll, da sie eine der wenigen Hilfen darstellt. 
Trotz der starken Barockisierung der Inn- 
viertler Kirchen erlaubt der reiche Bestand an 
spätgotischen Beschlägen, diese Landschaft als 
jene herauszustellen, der der Stil der „Donau- 
schule" besonders entsprochen haben muß 3. 
Eine zweite Hilfe ist aus dem Technischen zu 
gewinnen: es ist die Vorliebe, sich der Spalt- 
technik in reichem Maße zu bedienen. 
Der Ausgang für jeden Torbeschlag sind die 
Bänder, die die Türe in den Angeln halten. 
An diesem meist dreifachen Beschlag setzt 
sich die Auszier an. Hier kann sich die alte 
gotische Spalttechnik geradezu stilbestimmend 
entfalten. Den breiten Bändern wird durch 
Abspaltung der Zweige - vielfach vogelkopf- 
ähnlich 4 ein Gerüst für die Feldkomposition 
abgewonnen, so daß sich ein organisches, nach 
jeder Abspaltung verjüngendes Band ent- 
wickelt, von dem weiter die Lilien abzweigen9. 
Natürlich rnuß sich mit dieser Technik noch 
das Ausschmieden und Anschweißen verbin- 
den, da ja nicht alles aus dem Spalten allein 
gewonnen werden kann. Die Ansatzstellen 
werden durch runde glatte Nägel verdeckt, 
die auch sonst reichlich verwendet werden, 
s 
1 
Dchio, Die Kunstdcnkmälcr Öslcncichs, Obcröstcrrcich, 
3. Auflage, Wien 195a; Schalchen und Munderfing fehlen. 
0. Kzstncr. Eisrnkunst. Abb. s. 40 u. 41. 7- Dem, Die Linzcr 
Schloßerlneislcr Rollin und ihre Werke in Kremsmünsmr 
und Linz. in: Kunstjahrbuch der Stadt Linz 1'261, 33-36. 
Schon 1954 sprich ich von der "Donzukunst" in du Eisen- 
kunst: Eisenkunst im Lande ab dcr Enns,l.inz 1954, s. 47und 4a, 
0. Kasmer. Eiscnkunsl, Abb. 22 u, u. 
0. Kasmer, Eiscnkunsl. Abb. im Anhang 10. 
o. Kasmcr. Eisenkunst. Abb. iin Anhang 7 u. 9. 
I1 0. Kastner. Eisenkuml im Lande ob der Enns, Linz 1954, 
S. 47749. (Im Volksmund werden die Lilien selßamerweise 
als „Flndcxmäusä bezeichnet.) 
H R. Guby, Die Kunstllcrnkmältl im oö. lnnvicrlcl, Wim 
1921. - o. Kastncr, Zwei gotische Innviertlcr Torbcschligc, 
in: chiim. KUDSKÜIÄIICX 196411. Das lmlvißßßl. 
M m sind a1: Sondemdorfer. die zuch in de! Eggclbcrger 
KiIChE begraben liegen. 
ß A. smngv. Deutsch: Maltrci der COKÜC, Bd. 11. München- 
Berlin 1961, S. 107. 
16 Sclhsl die Namen der barockzcillichen Schmicdcmeister aus 
Braunau gingen durch Brand in bayrisches: Archiven ver- 
lorcn, 
17 Weiter: Beispiele in Freistadt und Steyr mit romanisicrzndcu 
Würfclkapitäicn usw. 
1! Kunsldcnkmälcr dcs Königreichcs Bayern, Kunxldenkmäl: 
der Regierungßbczirkc Ober- und Niederbayern, München 
1902. m12 u. 1921 
19 Auch F. W. Schl gvl widl in seinem Buch "Kulrurgcschicblc 
der Türwhlöswl" , Duisburg 1963, dem Thema aus. 
 
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