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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 80)

DAS NEUE JÜDISCHE MUSEUM lN WIEN 
Im Erdgeschoß des Desider-Friedmann- 
Hofes. einem schlichten modernen 
Wohngebäude im Stile der Wiener 
Gemeindebauten, Ecke Tempelgasse- 
Ferdinandstraße. ist in zwei Räumen 
das kleine, im Dezember 1964 eröffnete 
Jüdische Museum untergebracht. Für 
seine Gestaltung zeichnen Architekt 
Sussmann und Herr Blaha von der 
Kultusgemelnde verantwortlich. Das 
Wohngebäude, von dem wir sprachen. 
erhebt sich an der Stelle, an welcher 
bis 1938 eine der reprösentatlvsten und 
baulich interessantesten Synagogen 
Wlens gestanden war. Sie fiel der 
nKristallnacht" zum Opfer; damals 
wurde auch das alte, große jüdische 
Museum aufgelöst, das eines der größten 
und berühmtesten seiner Art gewesen 
war. Vieles aus seinen Beständen 
wurde geplündert, einiges gelangte ans 
Museum für Völkerkunde, aber so 
manches kostbare und verehrungswijtr- 
dige Kultobjekt wurde vor dem Zugriff 
der Nazis versteckt. Nach dem Krieg 
stellte das Völkerkundemuseum die 
NEUES UND INTERESSANTES AUS DER 
INTERNATIONALEN KUNSTWELT 
Die Gesamtkosten der vorjahrigen docu- 
menta lll beliefen sich auf insgesamt 2 Nlil- 
llonen DM. Der ursprüngliche Kostenvor- 
anschlag wurde dainii urn rnenr als 
aoo 000 DM überschritten, 
Ein van der Firma Oetker gestittetes modernes 
Museum erhalt in Kürze die Stadt Bielefeld. 
Die Plane für den Museurrlsbau (Gesamt- 
fliiche: S000 Quadratmeter, davon 1113 Qua- 
dratmeter reine Ausstellungsfläche) stammen 
von dem bekannten amerikanischen Archi- 
tekteri Philip Johnson. einem Schuler. Freund 
und Partner Mies van der Rohes. 
145 Mlllianen DM betrug der Jahresumsatz 
des Londoner Auktionshauses Sotheby in der 
Saison 1963m. Von dieser surnrne starnrnen 
allein 45 Millianen DM aus dem Verkauf von 
Kunstwerken aus amerikanischen Samm- 
lungen. 
(Fortsetzung s. 5st 
ERFOLGE CU RT STENVERTS 
in den Galerien Niepel (Dusseldorf) und 
Benjamin Katz (Berlin) zeigte der Wiener 
Kurt Sienvert im März und April dieses 
Jahres jeweils eine Auswahl seiner neuesten 
zeitkritischen Arbeiten. Beide Ausstellungen 
wurden von Dr. Wieland Schmied, dem 
Direktor der Kestner-Gesellschaft. Hannover. 
eroffnel. Slenverls ,.Menschliche Situationen". 
die in einem Artikel Dr. Kdllers im Heft 78 
unserer Zeitschrift ausführliche Würdigung 
fanden, stießen in Deutschland auf unge- 
wöhnliches lnteresse. ln Berliner und Düssel- 
dorfer Tageszeitungen erschienen nicht 
weniger als siebzehn. zumeist lTitt Photos 
versehene. durchweg aasitiv gehaltene 
kritische Besprechungen. Rundfunk, Fern- 
sehen und Wochenschau widmeten den 
Ausstellungen Stenverts. die beim breiten 
Publikum die unterschiedlichsten Reaktionen 
hervorriefen. ausführliche Berichte. Von 
privaten Sammlern. Kunslhandlern und 
Museen wurden insgesamt 14 Arbeiten an- 
gekauft. 
Die im folgenden auszugsweise wiederge- 
gebenen Pressestimmen können als reiirüsen- 
tativ für das Echo der Fachwelt angesehen 
werden: 
,.Der Tagesspiegel", Berlin (Heinz Ohff): 
..Stenvert ist der Kabarettist unter den 
Pop-Artisten. Er konfrontiert seine Mitwelt 
mit 39 ,Menschlichen Situationen". die schwar- 
zen Humor, oder vielleicht besser: schwarzen 
Witz, in einer derartigen Fülle von Einfällen 
Gusbreitcn, als gelte es. dem Jungsten Ge- 
rücht' Konkurrenzzu machen. Daniel Saaerri. 
das ungekrdnte Oberhaupt dieser Richtung, 
wirkt armselig in seiner Erfindungskraft 
neben ihm. Hier tritt eine Pointe der anderen 
ihm überantworieten Kultgegenstände 
wieder an die lsraelltische Kultus- 
gemeinde zurück: im Verein mit den 
im Untergrund herübergeretteten Ge- 
genständen ergab sich ein immerhin so 
umfassender Bestand. daß es unmöglich 
war. ihn ln den beiden zur Verfügung 
stehenden Räumen ctes Museums zu 
zeigen. Man denkt daher an Wechsel- 
ausstellungen. die das Sammlungsgut 
nach der Ordnung des jüdischen Jahres 
präsentieren sollen. 
Die Mehrzahl der Gegenstände stammt 
aus Synagogen Wiens und Nieder- 
österreichs. Es handelt sich ausschließlich 
um Kultgegenstände. also um Mesusahs 
(,.Haussegen"). Thorarollen mit ihren 
Schmuckzutaten, den Handglocken, 
Thoraschilden und Thoramänteln, um 
Kiddushbecher. um Menorah- und 
Chaukka-Leuchter sephardlscher und 
ashkenasischer Provenlenz, um Ge- 
betsmäntel und Sammelbüchsen für 
fromme Vereinigungen und Begräbnis- 
gesellschatten. 
PERSONALIA 
14. Februar: Akademieprofessor Dr. Robert 
Elgenberger vollendete das 7s. Lebensjahr. 
teeo iri Sedlitz bei BFUX gebaren, studierte 
er in Prag. Munclien, Gatiingen und Berlin 
Kunstgeschichte und erwarb den Doktorgrad 
an der universitat Prag. seil 1913 geliarie 
er der ZK fur Denkmalpflege in wien an, 
seit 1917 wirkte er als Kustas an der Aka- 
demiegalerie. deren Direktor er 1922 wurde. 
1934 wurde er zurn a. a. Professor ernannt. 
nach 1945 widmete er sich ganz dern Ausbau 
der Meisterschule iur Technologie und 
kanservierung, Eigenberger, der iri allen 
einschlägigen Sparten handwerklich voll- 
karnrnen ausgebildet war. wirkt auch als 
freischaffender Künstler; er stellte unter dem 
Namen „Karl Reigen" aus. 1930 eriiielt er 
iur eine Gemaldekollektlon den Staatspreis 
weltweit bekannt ist Elgenbergers Tatigkett 
als Kunstexperte, Derzeit arbeitet der Ge- 
lehrte an einem urntassenden werk über 
(Fortsetzung s. 5a) 
auf die Fuße, narrlsch-hinlergrundlge Pau- 
kenschläge, eine pauscnlose intellektuelle 
Bütterlrede in Pop, ganze Heerscharen von 
dadaisttschcn Elferraten in verlegenlielt 
setzend ab der handwerklichen Gewissen- 
haitlgkeil, mit der dieses ebenso iriakabre 
wie amüsante Schauspiel - halb Pose, halb 
engagierte Zeitkarikatur -- in szene gesetzt, 
und das heißt hier: in Kästen genagelt, 
geleirni. gemalt. erdacht und gegeneinander 
ausgespielt erscheint." 
.,Rheinische Post": .,Stenvert gelingt es. 
reale Situationen sichtbar zu machen, den 
Beschauer an die rragwurdigkeit und ver- 
günglichkelt aller Existenz zu erinnern." 
IIDOB viele seiner Arbeiten rnonstrose 
kuriasiidtenkabinetle sind, das Air nirrilseiier 
Gruselkarrlmern und aueti deren Koketterie 
haben, ist lediglich eine Frage des Materials 
und des Geschmacks. Sie steht an zweiter 
stelle hinter der Aufrichtigkeit von Stenverts 
lnlentionen." 
..Der Abend". Berlin: .,Der Abstand zwischen 
witziger Kitschkunst van Kurt Stenvert 
(Galerie Katz) und Pariser Neu-Individualis- 
mus wird zur unüberbrückbaren klutt 
zwischen einem souverän ironisch wirkendern 
Geist und bluffertden Blendern." (Anmerkung 
der Redaktion: zur selben Zeit fand in der 
Berliner Galerie von iris clerl eine Aus- 
stellung der "Neo-lndividuallsten", u. a. 
Fantana, Klein, Kalinowski, statt, auf die der 
Rezensent des "Abend" Bezug nimmt.) 
Kategarische Ablehnung tanden - wie 
könnte es in einem Kollektivstaat auch anders 
sein - Stenverts Arbeiten lediglich in einer 
ost-Berlirier Tageszeitung, die es sich riirht 
nehnien liett, einen geeichten „Kunstkritiker" 
in die Galerie Katz abzukammandieren. 
Peter Baum 
Österreichischer Geschmack - lniernatlanale Produktionsertahrung 
Die Tepplchfabrik Karl Evbl mit ihren Werken in Krems und Ebergassing. Niederösterreich- 
produzierte im Jahre 19641,? Millionen ml Teppiche und Teppichboden. 30V, der Produktion 
wurden exportiert. Derzeitsind rund 1000 Arbeiter und Angestellte in beiden Werken beschattigt. 
Der Jahresumsatz betrug 220 Millionen Schilling und liegt damit urn rund 101, uber dem des 
Vorjahres. Für die Frankfurter rruiiiahrsrnesse wurden varri Werk Eborgassing insgesamt 
10 neue Dessins in 11 Farbstellungen ausgemustert. Besonders zu erwahnen sind die schweren, 
teinnaaaigen Hachflartepptche Amore in modernem stii. Auffallend in der neuen kallektian 
von Eybl ist das Vorherrschen satter Gdldtane. sowohl bei Bordürenteppichen als auch bei 
dem sgaenannlen Ushak. varn Werke Krems, das sich mit der Herstellung von l-lartfaser- 
teppichcn beraitt. wurden für die Produktion 1965 insgesamt 2a neue Farbstellungen und 
Dessins entwickelt. Evbl ist Mltgltcd der Blgelcw-lnternationcil-Group. einer weltweiten Orga- 
ritSCltiOrt fuhrender Tepplchproduzcnten und dadurch in der Lage, stets die neuesten Ergebnisse 
der Forschung und Entwicklung in seiner Erzeugung anzuwenden und auch den asterreiehiselien 
Geschmack in seinen Kollektionen international zur Geltung zu bringen. 
52 
Das Museum ist in seiner Gesamtheit 
ein Welheraum; eine schlichte Nische 
mit Vitrinen, die Bauschutt von War- 
schauer Märtyrerstätten beherbergeni 
mahnt an das grenzenlose und un- 
menschliche Unrecht. dessen Opfer 
unsere jüdischen Mitbürger waren. 
Das Museum ist Dienstag bis Donners- 
tag von 15 bis 1B Uhr und am Sonntag 
von 10 bis 12 Uhr bei freiem Eintritt 
geöffnet. Für sachkundige und unent- 
geltliche Führung lSl gesorgt. 
In den Tagen. da diese Zeilen ge- 
schrieben wurden (Ende März). erregte 
der Skandal um den H0chschulpro- 
fessor Tarcls Borodaikjewicz und seine 
antisemitischen Gefolgsleute die Gemü- 
ter. Den nicht wenigen Studenten, die 
den lrrlehren dieses merkwürdigen Päd- 
agogen auf den Leim gegangen sind. 
wäre ein Besuch des jüdischen Museums 
nicht weniger zu empfehlen als ein 
Rundgang durch die Auschwitz-Aus- 
stellung. 
Ernst Köller 
DR. ALOIS ROTTENSTEINER m PROFESSOR 
Der verewigte Bundespräsident Dr, Adolf 
Scharf hat - in einer seiner letzten Amts- 
handlungen m dem Produktionsleiter des 
Osterreieiiisehen Bundesverlages. Dr. Aiais 
F. Rottenstelner. in Würdigung seiner Ver- 
dienste den Berufstitel Professor verliehen. 
Professor Dr. Rottensteiner hat sich nicht nur 
als Verlags- und Druckfachmann. sondern 
auch als Autor um das österreichische Kinder- 
und Jugendbuch verdient gemacht: Er schrieb 
zahlreiche Kinderbücher, darunter die mehr- 
lach preisgekrönten "Krikl-Bücher" und das 
mit dem osterreichischen Staatspreis für 
Kinderliteratur ausgezeichnete ,._Dle stille. 
die heilige Nacht". Auch als Uberselzer. 
Herausgeber und Bearbeiter hat sich Professor 
Rotiensteiner einen Namen gemacht. Als 
Buchgestalter trat er irn letzten Jahr be- 
sonders mit den beiden vom Österreichischen 
olvrnaisehen carnite herausgegebenen Wer- 
ken ,.olvniaia lnnsbruck 1964" und „Olym- 
aid Tdkia 1964" hervor. 
ALFRED HRDLICKA IN ROM UND 
DEUTSCHLAND 
Der 37iährige österreichische Bildhauer und 
Graphiker Alfred Hrdlicka. der zuletzt auf 
der Biennale von Venedig Aufsehen erregte, 
stellte im Mai dieses Jahres in der Galerie 
Penelope in Rom aus. 
In München wird Hrdlicka von Juli bis 
September mit einer großen Schau von 
Blldhauerwerken im Haus der Kunst vor- 
gestellt. Zur gleichen Zeit zeigt die Münchner 
Seccssion in einer Graphik-Sonderschau das 
graphische Werk. Von August bis September 
präsentiert die Münchner Neue Galerie 
Klelnplastiken und Graphik l-lrdlickas. 
lrri Kunstverein in Stuttgart, wo im ver- 
gangenen Jahr Rudolf Hoflehners werk zu 
sehen war, wird im Jännor oder Marz 1966 
eine Ausstellung veranstaltet werden, die das 
Material der drei verschiedenen Münchner 
Ausstellungen uintattt. 
MICHAEL OSTWALD 
Im lahre 19s2 kam wien uin eine inter- 
essante Ausstellung: der 1926 geborene 
Berliner Maler hatte geaiant, in der Galerie 
Fuchs eine Auswahl seiner Ecderzelchnungen 
und Ölgemälde zu zeigen. Während des 
Hangens drangen kampfesluslige Elemente 
in die Räumlichkeiten, richteten Unfug an 
und brachten den Künstler so weit. seine 
Ausstellung buchstabllch irn letzten Nloment 
abzusagen. lm Oktober 1951i hatte er wieder 
Gelegenheit, sich dem Wiener Publikum 
in der Galerie Junge Generaiian zu steilen. 
Er zeigte Dichlerporträts. die zum Teil in 
der von ihrn entwickelten Technik des 
"Anatomismus" (also in der Art der „Muskel- 
mönner" der Renaissance und der ana- 
lamischen Sludlentafeln) gezeichnet worden 
waren und halte insofern großen crteig, 
als die Albertina zwei Arbeiten und das 
Historische Museum der Stadt Wien ein 
Blatt erwarben. 
oslwaids stil ist hart, direkt, zupackend, 
nüchtern und sorade. Elnflussc von Kokoschka 
und Kubin. vielleicht auch von Weber. sind 
unverkennbar. werden aber in ganz per- 
sönlicher Weise verwertet. Das. was wir 
Wiener als „berllnerlsch" empfinden, eben 
die Rasanz des Zugreifens. lsl bei Ostwald 
ganz evident. 
Zu seinen oriqinellsten Leistungen zahlt der 
Band "Dichterbosuche". der bei Orell fussli 
in Zürich erschien und ein Frage-Antwort- 
Spiel mit zeichnerischen Deutungen ver- 
bindet. Ernst Koller 
Abbildungen e-tn 
(Bildtexte siehe s. so) 

	        

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