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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 81)

eine nach englischem Muster zugeschnittene 
Verfassung gab, unterstützte die nationale 
Freiheitsbewegung, von der er sich die 
Schwächung des französischen Einflusses in 
Italien und die Stärkung des britischen ver- 
sprach. Castlereagh lehnte die Politik Bentincks 
ab und wünschte, daß Österreich an die Stelle 
Frankreichs als Vormund Italiens trete. Als 
der Wiener Kongreß zusammenttat, war die 
Sache Murats in Neapel nicht hoffnungslos, 
aber Bentinck verzögerte entgegen den Wei- 
sungen Castlereaghs den Abschluß eines 
Vertrages mit dem König von Napoleons 
Gnaden. Österreich, das Murat die Krone 
als Belohnung für seinen Abfall von Napoleon 
versprochen hatte, konnte ihm, als er sich in 
den Hundert Tagen dem Schwager anschloß, 
nicht mehr helfen. Murat suchte die Einheit 
Italiens vom Süden her herzustellen. Er wurde 
durch österreichische Truppen, die durch den 
Feldzug verhindert wurden, an Waterloo 
teilzunehmen, in den ersten Maitagen 1815 
bei Tolentino und Macerata geschlagen und 
entsagte am 20. Mai im Vertrag von Casalanza 
dem Throne. Die Bourbonen kehrten nach 
Neapel zurück. Damit endete der Plan eines 
einigen Italiens unter der Dynastie Murat. 
Iir floh nach Toulon, um Napoleon seine 
Dienste anzubieten. Nach Waterloo brachte 
ihn die Flucht nach Korsika. Das Asyl, das 
ihm Kaiser Franz anbot, schlug er aus und 
segelte mit 6 Schiffen und 250 Mann nach 
Kalabrien. Von schweren Stürmen heimge- 
sucht, landete er mit einem einzigen Schiffe 
in Pizzo, wo er mit den 30 Mann, die ihm 
geblieben waren, nach einem Handgemenge 
von dem Gendarmeriehauptmann Trenta- 
capilli gefangen wurde. Trentacapilli war ein 
ehemaliger Räuberhauptmann, und Murat war 
in Kalabrien bei den Briganten, die er ver- 
folgte, verhaßt. Murat wurde vor ein Kriegs- 
gericht gestellt und erschossen, während 
seine Gattin Karoline von Kaiser Franz im 
Schloß Hainburg aufgenommen wurde. 
Im Kirchenstaat wurde das päpstliche Regi- 
ment wieder hergestellt, nach Toskana und 
Modena kehrten die vertriebenen Fürsten 
zurück. Die Herzogtümer Parma, Piacenza 
und Guastalla wurden im Vertrag von 
Fontainebleau vom 10. Juni 1814 Marie 
Louise und dem einstigen König von Rom 
eingeräumt und die Linie Bourbon-Parma mit 
Lucca abgefunden. Alexander I. setzte im 
Geheimvertrag vom 31. Mai 1815 zwischen 
Österreich, Preußen und Rußland durch, daß 
die Nachfolge des Sohnes Napoleons garantiert 
wurde. Daß der Prinz zwei Jahre später sein 
Erbrecht verlor, war ein Erfolg der Engländer, 
auf deren Freundschaft Metternich angewiesen 
war. England wünschte mit Rücksicht auf die 
Freundschaft mit Spanien den Rückfall an 
jene Nebenlinie des Hauses Bourbon. Marie 
Louise wurde auf den lebenslänglichen Frucht- 
genuß beschränkt und ihr Sohn ausgeschlossen, 
um einer bonapartistischen Bewegung in 
Italien die Spitze abzubrechen. Österreich 
behielt sich das Besatzungsrecht in der Festung 
Piacenza vor. Die Bedeutung der Herzog- 
tümer war für Österreich eine rein militärische, 
denn ihre Aufgabe war die einer Barriere 
zwischen Piemont und Mittelitalien. 
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Viktor Emanuel kehrte von Sardinien nach 
Turin zurück und mit ihm der Zopf und der 
Dreispitz. Zur Stärkung des Hauses Savoyen, 
dem schließlich die Vertreibung der Öster- 
reicher aus Italien und die Einheit Italiens 
glückte, trug die vom Wiener Kongreß dem 
Königreich Sardinien einverleibte einstige 
Republik Genua bei. 
Toskana, Modena und Parma standen unter 
den Nebenlinien des Erzhauses, und das er- 
richtete lombardisch-venetianische Königreich 
sicherte Österreich die Vorherrschaft in Italien. 
Metternich wollte als Gegenstück zum Deut- 
schen Bund die italienischen Staaten in eine 
Lega italica zusammenfassen, doch scheiterte 
sein Plan, dessen Verwirklichung für Italien 
und Europa ein Glück hätte sein können, vor 
allem am Widerstand des Zaren, aber auch an 
dem Englands. 
Die Lombardei und Venetien gereichten der 
österreichischen Industrie zum Segen, als das 
neu gebildete Königreich im Jahre 1817 in das 
österreichische Zoll- und Prohibitivsystem 
einbezogen wurde. Dieses reiche Absatzgebiet 
half dem Kaisertum Österreich, durch Heran- 
ziehung englischer, französischer, belgischer, 
schweizerischer und vor allem rheinländischer, 
aber auch württembergischer und sächsischer 
Unternehmer und Werkmeister eine öster- 
reichische Industrie ins Leben zu rufen. Die 
ersten großen Fabriken sind der Initiative von 
drei Männern zu verdanken, dem in Florenz 
geborenen Franz I., dem Koblenzer Metternich 
und dem Rheinländer Philipp Ritter von Stahl, 
der als Präsident der Kommerz-Hofkommis- 
sion mit der Heranziehung fremder Unter- 
nehmer betraut war. 
„Die österreichische Monarchie", schrieb Tal- 
leyrand nach der Schlacht von Austerlitz an 
Napoleon, „ist eine Zusammenfassung von 
schlecht gefiigten Staaten, die in Sprachen, 
Sitten, Glauben und Verfassung von ein- 
ander abweichen und nur durch die Gemein- 
samkeit des Herrschers miteinander verbunden 
sind. Eine solche Macht ist notwendiger- 
weise schwach, aber sie ist ein genügend 
starkes Bollwerk gegen die Barbaren - und 
ein notwendiges." Die Monarchie war eine 
Länder- und Völkergemeinschaft mit aus- 
scheidenden und eintretenden Mitgliedern, ein 
übernationales Gebilde, wie man sich zur 
Erhaltung der europäischen Ordnung kein 
besseres wünschen konnte. Belgien war aus- 
geschieden, Venetien, Dalmatien und Salzburg 
zugewachsen. Die Wiedergewinnung des 
Breisgaus wurde durch Rußland vereitelt, 
dessen Werk es auch war, daß die für den 
Schutz der Lombardei so wichtigen Festungen 
Alessandria, Novara und Domodossola den 
Österreichern ab und den Piemontesen zuge- 
sprochen wurden. Die österreichfeindliche 
Haltung Alexanders I. war in der sich an 
England anlehnenden Politik Metternichs be- 
gründet. 
Deutsch-Österreich wurde um Salzburg, ver- 
stümmelt durch die Abtretung fruchtbaren 
Tieflandes und ausgeplündert durch die 
Bayern, vermehrt. Kronprinz Ludwig hatte 
von der Einrichtung des Schlosses Mirabell 
bis zu den Tränkeimern des Blühnbacher 
Gestüts vom ärarischen Gut mitgeschleppt, 
was fahrbar war. Salzburg sah nach de 
Ende der unter den Erzbischöfen blühend: 
Wirtschaft einer Jahrzehnte dauernden Ve 
armung entgegen. Jede Bautätigkeit lag sti 
Salzburg bietet in seiner der Armut zu ve 
dankenden Erhaltung seines herrlichen Baron 
ein Denkmal für das Unglück, das der „A 
schluß" für ein Land bedeuten kann. Fiir d 
Monarchie lag sein Wert vor allem in der m 
unter ihre Herrschaft gebrachten Verbindur 
mit Tirol. 
Die Signatarrnachte des Wiener Kongress 
verallgemeinerten das 1806 vom Parlament 
Westminster beschlossene Verbot des Sklave 
handels. 
Mit Hilfe des am 3. Jänner 1815 mit Englat 
und Frankreich geschlossenen Bündnisses g 
lang der kaiserlichen Diplomatie die E 
haltung des Königreichs Sachsen, wenn dies 
auch einen Teil an Preußen abtreten mußt 
Kaiser Franz drohte: „Der König von Sachsi 
muß sein Land wiederhaben, sonst schiel 
ich." Zugleich wurde die Bildung ein 
russischen Großpolens vereitelt. 
Nach dem Sturz Napoleons war der russiscl 
Autokrat die meist gefürchtete und mei 
umworbene Persönlichkeit Europas. Talle 
rand bezeichnet ihn als ein wenig geiste 
gestört, einen Wirrkopf, der von einem Extte 
ins andere fällt und dem niemand, der mit ih 
zu tun hat, Vertrauen schenkt. Am 26. Se 
tember 1815 schloß er mit Franz I. ut 
Friedrich Wilhelm III. die Heilige Allian 
die als Völkerbund gedacht war. Die di 
Monarchen reichten sich als Väter ihrer Untc 
tanen die Hände, gelobten einander gege 
seitigen Beistand und nach den Vorschrift: 
der Religion, der christlichen Liebe ut 
Gerechtigkeit zu handeln. Der Beitritt l 
diesem dem ewigen Frieden dienenden Bur 
stand allen christlichen Ländern - nicht d 
Türkei! - offen. Eine Reihe von Staate 
aber weder der Papst noch England folgtt 
der Einladung. Die Heilige Allianz wurt 
von allen, die sie unterzeichneten, als Unsii 
betrachtet, der zu nichts anderm diente, z 
den Glanz des Zaren bei seinen Untertani 
zu erhöhen, die sich an den prächtigen Phras: 
der Monarchenverbrüderung, die in der Peter 
burger Zeitung vorn 31. Dezember 18 
verlautbart wurden, in der Neujahrsnacht b 
rauschen durften. In der Zeit Nikolaus 
wurde die Heilige Allianz zur Bezeichnut 
der Ostmächte und ihrer Reaktion gegen di 
westlichen Liberalismus. 
Der Wiener Kongreß beschloß noch e 
Anerkennung der dauernden Neutralität d 
Schweiz und die internationale Regelung d 
Schiffahrt auf Rhein, Neckar, Main, Mosi 
Maas und Schelde. England erhielt das PI 
tektorat über die Ionischen Inseln. 
Im Riickblickierscheint von allen Ereignissl 
des Wiener Kongresses doch der Vertrag vo 
3. Jänner 1815 das wichtigste zu sein, c 
Abhaltung der Russen von einem zu riet? 
Eindringen nach Mitteleuropa. Dies gelai 
erst dem ungekrönten Zaren Stalin, dem ke 
Metternich, kein Talleyrand und kein Castl 
reagh gegenüberstanden. 
Man sieht, der Kongreß hat nicht nur g 
tanzt.
	        

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