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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 81)

ldCI Castlereagh, der einsah, daß England, 
lessen Mithilfe die Koalition Napoleon 
lätte besiegen können, trotzdem nicht 
in der Lage war, die Hegemonie der 
für sich allein zu beanspruchen. Es 
wenn es seine strategischen Positionen 
igen oder sich auf seinen Handels- 
neue sichern wollte, Bündnisse nötig 
ilfe auf dem Kontinent selbst. 
Prinz von Benevento, Talleyrand, der 
ckteste in allen Feinheiten der Diplo- 
menschlich der niedrigste Zyniker, 
lers da, wo er persönliche Vorteile 
ein Mann, dessen moralisches Gewissen 
ließlich in seiner Intelligenz bestand, der 
lCl passenden Gelegenheiten von den 
astbaren Prinzipien der Gerechtigkeit" 
es Völkerrechtes zu sprechen wußte, 
dennoch dem Weltfrieden einen Dienst 
an konnte. {So auch der Preuße l-lum- 
der Russe Nesselrode und besonders 
nich. Dieser rheinische Sohn der Auf- 
g, der, einem natürlichen Hang vieler 
zher seiner Zeit folgend, ein treuer 
t des kaiserlichen Hauses geworden war, 
sich entschlossen, die territoriale Größe 
eichs zu verteidigen, es von der revo- 
Lren Ansteckung zu bewahren und ihm 
Vlittlerrolle unter den ausgeglichenen 
en Europas zu sichern. 
.ber die Praxis der damaligen Diplo- 
Gesagte macht die Abneigung dieser 
zr gegen die Einberufung einer Plenar- 
g begreiflich, wo man die Geschick- 
t gewisser Redner oder das Aufkommen 
iner Fülle neuer Ansprüche befürchten 
. Sie gaben der Arbeit in den Komitees 
7orzug, für die man durch vorange- 
Je Gespräche und die über die jeweiligen 
iten der Partner gesammelten Infor- 
xen besser vorbereitet war. So fiel denn 
:schickten Manipulationen und Einiluß- 
211 außerhalb der eigentlichen Arbeit eine . 
Rolle zu. Sie spielten sich in den Wiener 
bei Musik und Kerzenlicht ab. Die 
:rte Kultur der Kaiserstadt, die, wie 
ch Srbik schreibt, zur Zeit des Kon- 
s die Hauptstadt der Welt geworden 
uehr noch als selbst London und Paris, 
stigte ein solches Unternehmen, selbst 
der Prinz de Ligne zu glauben vorgab, 
(ongreß tanze, komme aber nicht vor- 
". Dieser Anschein von Frivolitat, als 
lite die sorglose Lebensfreude früherer 
l wiederzufinden glaubte, verhüllte die 
erigkeit der täglichen Aufgabe und 
cht auch den Ernst neuer Probleme, 
deren man sich noch nicht bewußt werden 
wollte. Doch die Tatsache blieb besfehen, daß 
eine neue Gesellschaft im Werden war und 
daß die Gegenwart des Kongresses deren 
Heranreifen in Wien selbst einigermaßen be- 
günstigt haben dürfte. 
Das Zuströmen untergeordneten Personals, 
welches die Diplomaten begleitete, brachte es 
mit sich, daß zwischen den Kleinbürgern der 
Stadt und den durchreisenden Fremden ein 
Austausch von Ideen, Ansichtenyund Emp- 
Endungen sich anbahnte, wovon der hübsche 
Roman von Alois Jirasek „Das Paradies der 
Welt" (Raj Sveta) ein anschauliches Bild gibt. 
Auch ist es richtig, wenn Heinrich Srbik 
beobachtet, daß das arbeitende Volk, nachdem 
der erste Zauber, den das Bild schöner Equi- 
pagen, der Herrenreiter im Prater und der 
distinguierten Fremden in den Straßen der 
Stadt ausgeübt hatte, verilogen war, sich 
seiner eigenen Sorgen urn Wohnung, Arbeits- 
platz und Lohn nur' um so schmerzlicher 
bewußt wurde und die soziale Ungleichheit. 
um so grausamer empfand. So setzten sich 
die Keime künftiger Revolutionen in den 
Herzen fest. Den Männern des Kongresses 
freilich waren solche Zukunftsperspektiven 
fremd. Viele von ihnen gehörten noch einem 
Europa an, wo Grundbesitz und Aristokratie 
den Ton angaben und der persönliche Besitz 
aus feudalen Grundsätzen heraus in seiner 
Gesamtheit noch als unantastbar galt. Freilich 
existierten die französische Deklaration der 
Menschenrechte und die Bestimmungen des 
Code Napoleon, deren Einführung einen 
dauernden Gewinn für die Gesellschaft des 
ganzen Okzidents darstellte, doch konnten 
sie sich nur schwer in jenen Ländern durch- 
setzen, wo Großgrundbesitz noch mit herr- 
schaftlicher Justiz verbunden war und wo es 
noch Brauch war, daß der Herr über die 
Person seines Bauern uneingeschränkt ver- 
fügen konnte. Wie hätten die Männer des 
Kongresses voraussehen sollen, wie aus der 
Freiheit des Besitzes, der Gewerbefreiheit und 
der freien Konkurrenz wenige Jahre später die 
Probleme und die Not des Proletariats er- 
wachsen würden? So konnte denn der Geist 
des Wiener Kongresses auch in sozialer Hin- 
sicht nur konservativ sein, wie er es politisch" 
war. Darin lag jene unbewußte Schwache, die 
dem Werk des Kongresses von vornherein 
anhaftete und seine Dauerhaftigkeit in Frage 
stellte. ' 
In der engstirnigen Logik, daß_ die europäische 
Unordnung nur auf die Revolution zurück- 
zuführen ware, machte man nicht den Ver- 
such, deren Gründe zu erforschen, sondern 
begnügte sich zu folgern, die einzige Aufgabe 
wäre die Verhütung ihrer_ Wiederkehr. Man 
glaubte das erreichen zu können, indem man 
überall die 
Prinzipes festigte und unter den größeren 
Monarchien ein Kräfteverhältnis herstellte, 
das keinerlei Vorherrschaft zuließ. Das war 
der Grund, warum der Anspruch des Zaren, 
seinem Reich ganz Polen einzuverleiben und 
dem König von Preußen das Land Sachsen 
als Entschädigung zu gehen, Castlereagh, 
Talleyrand und Metternich veranlaßte, ein 
Geheimbündnis zwischen England, Frank- 
reich und Österreich zu schließen, womit sie 
sich gegenseitig den Beistand ihrer Armeen 
versprachen, falls Rußland oder Preußen ver- 
suchen sollten, ihren Plan mit Gewalt durch- 
zusetzen. Dieses geheime Bündnis, noch in 
der Tradition des 18. Jahrhunderts, wurde 
am 3. Jänner 1815 unterzeichnet und konnte 
gegebenenfalls zu einem Krieg zwischen den 
alten Verbündeten führen. Es hatte das 
Verdienst, den Mut der Unterzeichner zur 
Durchsetzung? ihrer auf das Gleichgewicht 
hinzielenden Forderungen zu stärken. 
Der Schritt zu diesem "Bündnis bedeutete für 
Frankreich einen Fortschritt. Vom Teil- 
nehmer am Wiederaufbauwerk Europas durch 
seine früheren Sieger wurde es zum Ver- 
bündeten von zweien unter ihnen gegen zwei 
andere und stieg damit zur Stellung eines 
Schiedsrichters auf. - Der unerwartete Ein- 
bruch Napoleons, dieses erstaunliche Aben- 
teuer, wie er - nach den Worten Chateau- 
briands 3 „den Bann zerbricht, seine eigenen 
Fesseln den Königen ins Gesicht wirft und 
allein von Cannes ' nach Paris kommt, um 
friedlich in den Tuilerien zu schlafen", erwies 
sich im großen und ganzen als ein Unheil für 
Europa. 
Die unmittelbare Rückwirkung dieses Er- 
eignisses war eine Verminderung des Ein- 
ilusses der französischen Diplomaten auf dem 
Kongreß. Es bestarkte die anderen Staats- 
männer in ihrem Mißtrauen gegen die Volks- 
meinung und in ihrer Entschlossenheit, eine 
von oben diktierte Ordnung nach den tradi- 
tionellen Methoden zu erzwingen. l 
Die einzelnen Staaten schlossen untereinander 
mehrere besondere Abkommen, die- in dem 
Schlußakt vom 9. Juni 1815 zusammengefaßt 
wurden, neun Tage vor der Schlacht von 
Waterloo, als ob_man nicht daran gedacht 
hätte, daß das Schicksal der Welt durch diesen 
letzten Zusammenstoß der Armeen neuerlich 
in Frage gestellt werden konnte. 
Autorität des monarchischen"
	        

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