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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 81)

BUCHBESPRECHUNGEN 
 
nun und bildende Kunst." Unter 
Titel ist vor kurzem der 
über die voriroge und Dis- 
en zu diesem Thema erschie- 
- im Oktober 1963 in München 
hloß Anif bei Salzburg ge- 
wurden. Es ist dies der l. Band 
udien zur Kunst des neun- 
Jahrhunderts". das erste der 
chkeit vorgelegte Ergebnis 
Forschungsunternehrnens der 
wyssen Stiftung" und nur ein 
s großangelegten vorhabens 
Sti tung. das im ganzen der 
und Sozialgeschichte des 
rhunderis gewidmet ist. 
Hälfte des Bandes bildet der Ab- 
.n vier auf der Tagung gehaltenen 
n. Zwei dieser Vorträge befaliten 
enger und strenger gelaiiten Pro- 
lnd Muterialdarlegun an: Nikolaus 
Vortrag über "Mög ichkeiten und 
les Historismus". der. wie im Unter- 
wierkt, den ..Versuch einer Früh- 
e und Typologie des Historismus" 
iesondern demonstriert an der eng- 
lrchitektur seit dem frühesten Aufs 
lteses Phänomens. und Maurice 
critische Untersuchung i.VioIIet-le- 
e Stellung zur Geschichte". die. 
einer oft zu sehr simptilizierenden 
icht als rein slrukluristisch 
stisch" bezeichne! werden 
inderrt eher noch "des Soziologismus 
echrtizismus zu bezichtigen" sei. 
z anderer Art waren die Vorträge 
i Gerhard Evers ("Historismus") und 
Srate ("Furiktionolismus und Stil"). 
nsatz zu den im Prinzip wartungs- 
ihandlungen von Pevsner und besset 
vorlrag von Evers eine erklärte. 
.e Apologie des i-listorismus und 
z Grotes eine Entgegnung darauf. 
t des "Neuen Baueris". das heißt 
in Auffassung vorn Wesen und von 
jaben der Architektur seit Beginn 
Jahrhunderts. Es war nur selbst- 
ich. daB eine solche unter mehreren 
vorgenommene Betrachtung des 
us nicht um eine Wertung ds 
ins herumkommen konnte. Der 
us des 19. Jahrhunderts. so lange 
eine Kunst zweiter Ordnung ein- 
. mußte doch. sobald er Gegenstand 
uen Interesses und gründllcherer 
geworden war. damit allein schon 
werte! werden. Mit anderen Worten: 
Jfl. um der historischen Gerechtigkeit 
arum. auch seinen Wertanteil an 
imthei_t_ der Kunst des Jahrhunderts 
nen. Uberflüssig zu sagen. dall bei 
Ichen .,Ehrenreltung" das Pendel 
eünderten Einschätzung mitunter 
tit nach dem Positiven ausschlägt. 
in diesem Fall in extremer Weise 
'artrag von Evers geschehen. Dieses 
Maß liegt nicht allein in der neuen 
ung. sondern auch in einer Aus- 
des Begriffs "Historismus". die 
h zu einer Art Gleichsetzung dieses 
ns mit der Kunst des 19. Jahr- 
überhaupt führte, Dazu wäre 
t zu sa en. dar} die bewußte Sinn- 
; eines islang gdngigen Wortes die 
lgung wie das Verständnis er- 
Um diese Warnung ging es zum 
irotes Auseinandersetzung mit Evers 
lag gewissermaßen antizipanda in 
lpeh und bescheidenen. aber eben 
so nützlichen Definition Pevsners: 
'nus ist die Haltung. lri der die Be- 
i und die Benutzung der Geschichte 
her isi als die Entdeckung und 
lltg neuer Systeme oder neuer 
der eigenen Zeit"). 
n vier Vorträgen war offensichtlich 
ündstoff für eine ausgedehnte. weit 
tdsützliche sich erstreckende Dis- 
gegeben, an der sich Proi. Klaus 
[Kansas City). Dr. Ernst Coenen 
'rof. L. H. Heydenreich (München). 
ius Lankheit (Karlsruhe). Dr. Hans 
(Zürich). Gen-Dir. a. D. Prof. Kurt 
Dr. Johannes Graf Moy (Schlot! 
r, Prof. Gert von der Osten (Köln). 
Schiff(Zürich) und Gen-Dir. Doktor 
Waetzoldt (Berlin) beteiligten. Die 
Jbe dieser Diskussion füllt die 
lülfle des Buches. Uber sie kann 
lrlich nur noch flüchtiger berichtet 
ils über die Vorträge. Erst im Verlauf 
Jssion kam die Malerei ausführlicher 
iraeh. in den Vortragen ging es 
zlich nur um Architektur. Das ist 
Jchtend wie bezeichnend: in den 
Kunstgattungen spielt doch der 
lus - im üblichen Wortverstand - 
taus geringere Rolle. Wieweit Stil- 
nein der Malerei in ähnlicher Weise 
lus genannt werden darf wie im 
Baukunst. wurde lebhaft diskutiert. 
piel Manet spielte dabei eine er- 
Rolle. Sehr zu recht. wie seine 
menen Kompositionen (vor allen 
jeurler sur l'herbe") und die "Er- 
; da Kaisers Maximilian von Mexi- 
Historienbild beweisen. Was diese 
i Hinblick auf die Frage des Hi- 
bedeuten. ist aber doch wohl nur. 
sie der Begriff des Hi orismus 
im. Mit aller Deutlichkeit ze' t sich 
iß die enttehnten Kompositionen 
'mel waren, Getaß für die gänzlich 
lhalte einer übermächtigen maleri- 
 
schen Form: man verkennt das Eigentliche 
dieser Malerei. das Gewollte und das Er- 
reichte. wenn man der Komposition und 
dem ikonographischen Sachverhalt eine mehr 
als nur nebensächliche Rolle zuerkannt. 
Komplizierter. doch nicht wesentlich anders 
steht es bei Delacroix. Hier sei noch einmal 
der über das bloße Referieren hinaus- 
gehende Hinweis angebracht. dall zu der 
Frage der Bedeutung des Historismus für 
die Kunst des 19. Jahrhunderts auch die 
Frage seines wertes an sich gehört. Diese 
Frage tauchte auch in der Diskussion immer 
wieder auC unabweislich und doch ansch i- 
nend nicht in voller Schärfe gätellt. vielleicht 
wegen der Scheu des Historikers vor dem 
Problem der Qualital. das sich ja dem be- 
grifflichen Erfassen entzieht. Uberblickt man 
aber die Wertrelation des Historismus im 
Verhältnis zu den anderen Elementen in 
der Kunst des 19. Jahrhunderts. dann wird 
man wohl mit einem Wort wie "Schwäche". 
der relativen Schwache. nicht allzu ängstlich 
umgehen. 
Bei dieser Tagung vom Oktober 1963 wurde. 
obwohl doch mit dem Historismus nur 
eines der spezifischen Merkmale der Kunst 
des 19. Jahrhunderts zum Programm gewahli 
wurde. die Fruchtbarkeit des Unternehmens 
für die Durchforschung der Vielgeslaltigkeit 
jener Epoche deutlich. Man muß der Fritz 
Thyssen Stiftung sehr dankbar sein dafür. 
daß sie auf diese Weise. in ei em außer- 
gewöhnlichen Akt von großzügigem Mü- 
zenatentum die Erkenntnis der Kunst jenes 
Zeitraumes fördert. mit dem so vieles in 
der Kunst unseres Jahrhunderts so sehr ver- 
bunden ist. Wie sehr und wie - das wird in 
der künftigen Tätigkeit dieses Arbeitskreises 
der Stiftung eine beträchtliche Rolle spielen; 
das hat sich bereits bei einer weiteren 
Tagung. im Februar dieses Jahres in München. 
gezeigt. Fritz Novotny 
Karl Oettinger und Karl Adolf Knappe. 
Hanx Baldung Grlan und Albrecht Dürer in 
Nürnberg. 340 Seiten mit 17a Ab- 
bildungen. 14 Farbtafeln. Verlag 
Hans carl Nürnberg. 
Nur die Persönlichkeit eines großen Künstlers 
rechtfertigt eine Monographie. die lediglich 
der zeitlich beschränkten frühen Schaffens- 
epoche gewidmet ist und nur eine bis zum 
äußersten angespannte stilkritische Arbeit. 
eine gleichsam mit scharfem Vergrößerungs- 
glas und zugleich mit der Zeitlupe arbeitende 
Methodik ermöglicht die umfassende Dar- 
stellung dieses kurzen Zeitabschnitles. Das 
vorliegende Buch. das in reprüsentalivem 
Format (Z4x31 cm) und ansehntichem Um- 
fang bereits avllerlieh einen vielversprecheri- 
den Eindruck macht. behandelt die Toiigkeii 
Baldungs in Nürnberg 1503-1508. also 
die Arbeit eines Jahrfünftes. die allerdings 
die entscheidenden Probleme der Slilbildung 
des Meisters enihalt. Aus dieser Zeit sind ver- 
halinisrnaßig wenig Tafelbilder erhalten - 
erst am Ende der Periode entstanden die 
beiden Hallenser Altäre-so daß die Unter- 
suchung einerseits an l-iand der graphischen 
Arbeiten, anderseits der Glasgemälde ge- 
mhrt wird. Die beiden Autoren teilten sich 
die Behandlung nach diesen beiden Gebieten 
des Schaffens Baldungs. Prof. Oettinger 
bietet in den von ihm verfallten Kapiteln. 
(Baldung und Durerisoa-isos. Folgerungen 
zum Problem der Stltentwicktung. zu Baldimgs 
Persönlichkeit) die subtile Aufgliederung des 
Schaffens in einzelne Stilphasen. die in kurzen 
Abständen. oft in kürzerer Folge als Jahres- 
fFISt einander meist in arttithetischerri Charak- 
ter iolgen. zweitellos ist nur bei der Ent- 
wicklung eines jungen Künstlers eine derart 
sioßweise verlaufende Linie versiondlieh zu 
machen und selbst hier mit dem beschränkten 
überkommenen Material nicht immer leicht 
zu belegen. Denn gerade bei einem jungen 
Künstler muß mit einer gewissen Unregel- 
mbiiigkeit der Leistungen gerechnet werden. 
die es der historischen Kritik schwermacht. 
eine unbedingt gültige Folge der einzelnen 
Arbeiten zu rekonstruieren. so daß wohl 
Oldenbourgs Worte in Erinnerung kommen 
konnten ., . . . wobei freilich der Bestimmung 
im einzelnen ein gewisser Spielraum zu- 
gestanden werden muß. da es vermessen ware, 
innerhalb einer ohnehin schon so kurzen 
Zeitspanne die chronologische Unterschei- 
dung bis zum letzten treiben zu wollen". 
Oettinger komm! bei dieser Einteilung zu 
dem interessanten Ergebnis. daß die Phasen 
uberindividuellen Charakter besitzen und 
sich daher bei verschiedenen Konstlern 
nachweisen lassen, so zum Beispiel die 
Monate um den Jahreswechsel 1502103. die 
bei Durer und Cranach ähnliche Auffassung 
bezüglich des Problems Figur-Landschaft 
bringen. 1504 ware demnach eine kldrung 
der dynamischen Auffassung der vorher- 
gehenden Werke bei Dürer wie bei baldung 
zu beobachten. 1505 ein Hang zu dramati- 
scher Gestaltung. aber Ende desselben Jahres 
klassische Beruhigung. 1506107 erreicht 
Baldurtg seine erste dämonische Phase. die 
in den Halleriser Altären einem diesseitig 
höfischen Stil weicht. Die bewegte Entwick- 
lungslinie. ein Ergebnis der Verarbeitung 
verschiedener Erfahrungen. die der junge 
Künstler machte. und deren wichtigste die 
Auseinandersetzung mit den werken Dbrers 
war. ist zugleich das Zeugnis der allmäh- 
liehen Eroberung einer persönlichen Aus- 
drueksweise. die Baldung trotz der entschie. 
denen Uberlegenheit seines Lehrers Dürer 
in den letzten Jahren des hier behandelten 
zeiiraumes gelang. Bezeichnend ist es. doß 
Baldung in den beiden Hallenser Altaren 
sich deutlich Cranach näherte und überdies, 
worauf Oettinger mit Recht hingewiesen hat. 
niederl" dtsche Malerei studiert haben 
dürfte. Es ist nicht zu übersehen. dciß gerade 
in denselben Jahren die nordniederlöndische 
Malerei ähnliche Bestrebungen einer reich 
dekorativen. aber doch innerlich bewegten 
Ausdrucksweise zeigt. wofür sowohl das 
Frühwerk von Engebrechtsz als auch von 
Jacob Cornelisz Beispiele bietet. Dem Charak- 
ter der Kunstgattung entsprechend erreichte 
Baldung den leuchtend malerischen Stil. der 
in dem Halleriser Epiphariiealtar seinen 
Höhepunkt erreicht. bereits früher in seinen 
Arbeiten für die Nürnberger Glasmalerei. 
Knappe hat in dem von ihm verfaßten um- 
fongreichen Kapitel Baldung und die Nürn- 
berger Glasmale I. nicht nur die persönliche 
Leistung dieses Künstlers. sondern die Proble- 
matik der Nürnberger Glasmalerei der 
Dürer-Zeit überhaupt charakterisiert. So 
bieiel Knappe neben der genauen Analyse 
der einzelnen Scheiben vor allem eine Dar- 
stellung der allgemeinen Stilmerkrnale der 
spülen Glasmalerei. wobei er von dem zwei- 
fellos richtigen Standpunkt ausgeht, daB diese 
Spatschöpfungen keineswegs als Denkmäler 
des Verfalles dieser Kunstgattung anzusehen 
sind. Auch ihre späten Vertreter halten an 
der Gebundenheit an den Wandcharakter 
fest. das heißt sie bieten in leuchtenden Flächen 
die Kontinuität der Wand. die den Innenraum 
abschließt. Baldungs Werke fügen sich in 
die Mitte der Entwicklung ein. von der 
dekorativen Einheit. wie sie das Volcka- 
mer'sche Fenster in unübertrefflicher Weise 
zeigt. bis zu den großformatigen Arbeiten 
des Markgrafenfensters. Auch bei ihm ist die 
Gesamtkomposition entscheidend. in die das 
Einzelbild eingefügt erscheint. wobei die 
Einzelgestalten des Löffelholz-Fensters viel- 
leicht am stärksten die spdiere Entwicklung 
vorbereiten. wie sie schließlich in Kulmbachs 
Entwürfen verkörpert ist. während die 
dekorative bewegte Kleinform des unteren 
Stre" ens desselben Fensters die Bindung an 
di ltere Tradition beweist, Die Scheiben 
dieses Fensters gehören zu den bedeutend- 
sten Leistungen der Nürnberger Malerei 
ihrer Jahre. wie denn überhaupt die Glas- 
malerei ein wichtiges Forum künstlerischer 
Ideen dieser Epoche darstellt: hier wird die 
Großform der Einzelfigur. ihre Monumen- 
laliiat erarbeitet. in und wegen ihrer Bindung 
zur Architektur erreichen die Gestalten 
stotuenhaften Charakter. Baldtmg hat mit 
den seitlichen Scheiben des Löffelholz- 
Fensters an dieser neuzeitlichen Stilent- 
wicklung entschiedenen Anteil. Knappe 
nimmt an, aal] für dieses Werk Baldung den 
genauen Karton selbst gezeichnet hat. 
tatsächlich stimmt die Durchführung der 
Einzelforrnen so eng mit seinem graphischen 
Stil überein. daß hier nicht an eine Umsetzung 
durch den Glasmaler gedacht werden kann. 
Der ausführlichen Darstellung im Text des 
Buches entspricht der wissenschaftliche Kata- 
log (verfaßt von Knappe). der allen An- 
sprüchen gerecht wird. Uberdies ist durch ein 
ausführliches Register (ebenfalls von Knappe 
verfaßt) die wissenschaftliche Benützbarkett 
des Werkes erleichtert. 
Die Sorgfalt. die die wissenschaftliche Arbeit 
in dieser Publikation auszeichnet. ist auch 
auf den Abbildungsteil verwendet worden. 
der jedem. der das Buch in die Hand nimmt, 
Freude machen wird. Sowohl die Repro- 
duktionen der Graphik, die Schwarz-Weiß- 
Tafeln. als auch die 14 leuchtkräftigen Farb- 
tafeln sind hervorragend gedruckt. womit 
der Verlag der wissenschaftlichen Publi- 
kation den Charakter einer eindrucksvollen 
Darbietung der Werke des großen Künstlers 
verliehen hat. Günther Heinz 
 
 
 
Constantinpple. leonography ola sncred city. 
Philip Sherrard, London. Oxford Uni- 
versitv Press - New York-Toronto 
19650140 Seiten. 133 Abb" z. T. farbig. 
Lni. 4 . 
Dieses Buch will das "innere Bild". gewisser- 
maßen die platonische Idee Konstantinopels 
dutzeigen. Es ist also kein Versuch. die Ge- 
schichte der Stadt am Bosporus aufzuzeigen. 
es handelt sich hier - von Ansätzen abge- 
sehen - nicht um ein Werk. das Wandel und 
Dynamik des Substrats in den Vordergrund 
stellt. Es will die inneren Kräfte und ldeen 
darlegen. die jenseits des historischen Ablaufes 
die Stadt zu einem zeitlosen Prototyp ge- 
macht haben. 
Das Buch ist wie eine Symphonie in vier 
salzen aufgebaut: das erste und das letzte 
Kapitel. gewissermaßen die "Ecksötze". be- 
schäftlgen sich mit der Gründung und dem 
Untergang der Stadt. dies aber weniger in 
chronistischer Hinsicht. als vielmehr im 
Hinblick auf die inneren uisaehen und 
Motive. die zu Entstehung und Untergang 
geführt hatten. Die beiden Mittelkapitel 
behandeln die zwei Aspekte. unter denen 
Konstantinopel verstanden werden rriull: die 
Stadt ist auf der einen Seite das "Neue 
Rom". in einer sehr spezifisch mittelalterlichen 
Weise Abbild des alten Rom, also eine Replik, 
die alle wese tl' hen topographischen Ele- 
mente des Vor I es i angefangen von den 
Sieben Hügeln - enthält. Dieses "Neue 
 
Rom" als Erbe des Macht- und Univer- 
salitätsanspruchs des alten Rom ist in seiner 
Denkmechanik immer noch heidnisch, welt- 
lich ä will Selbst- und Endzweck "an sich" 
sei . 
Das Bild des Neuen Rom wird überlagert und 
subtimiert von dem des "Neuen Jerusalem": 
hier wird die Stadt zu einem Abbild des 
Himmels. zu einem Hinweis auf den Endzu- 
stand, das Paradies. Die Hagia Sophia, 
ein Gebilde aus Licht und Glanz. ist die un- 
mittelbare Versinnbildlichung dieser Idee des 
permanenten Transzendierens. Das Leben in 
Konstantinopel ist bis ins Kleinste hinein 
von Aspekten des Jenseits durchdrungen. 
Religion ist nicht bloß einer der möglichen 
Faktoren des öffentlichen Lebens. sondern 
Basis und Essenz. Der Basileus ist Bindeglied 
zwischen Dies- und Jenseits. zwischen dem 
Neuen Rom und dem Neuen Jerusalem. 
Er ist kein ..Divus Augustus", sondern In- 
strument Got A Wird er durch irgendwelche 
Schicksalsschläge von seiner hohen Stellung 
entfernt. so gilt diß. wie widerlich die 
aulieren Umstände und Ursachen auch sein 
mögen. als Gotlesurteii. das hingenommen 
zu werden hat. Konstantinopel muüte aus 
drei Gründen zugrundegehen, einmal aus 
der letztlichen Unvereinbarkeit der Ramidee 
mit der da Himmlischen Jerusalem. zum 
zweiten am Bemühen des nschismatischen" 
Westens. mit der Eroberung der Stadt einen 
Akt der Reinigung zu setzen, zum dritten an 
der Sehnsucht des Islam. in der Besitznahme 
der "goldenen" Traumstadt (der Islam. 
unter dem Zeichen des Mondes stehend. 
empfand sich als "silbern". also als "weib- 
lich") die Erfüllung und Krönung seiner 
weltmissionarlschen Bemühungen zu er- 
leben. Und in Konstantinopel selbst empfand 
man den drohenden Untergang der Stadt 
wiederum als Ltottesurteil für eine Unzahl 
prlnztpieller Sünden gegen die Grundidee. 
Ein großartig geschriebenes. absolut wissen- 
schaftltches und noch dazu prächtig illu- 
strlertes und dokumentiertes Buch. das eines 
weiten Widerhalls würdig warel 
Ernst Köller 
 
 
Mdria variit-Ember - Alte unparieeiie 
Stickerei. corvinia-verlag. Budapest 
1963. eo Seiten Text. 4a Tareln davon 
8 farbige. 
in dem kleinen gut ausgestatteten Band gibt 
die Verfasserin einen Uoerblick über die 
bedeutendste Periode der ungarischen Stik- 
kerei. deren Blütezeit eigenartigerweise in 
die politisch unruhigen und schwierigen 
150 Jahre der türkischen Besetzung großer 
Teile des Landes fallt. Diese geschichtliche 
Situation spiegelt sich im Charakter der 
Arbeiten deutlich wider. Muster und Orna- 
mente der italienischen Renaissance. die 
vor allem durch Vorlagen und Muster- 
bücher weltverbreitet wurden und persische 
und vor allem türkische Dekorationen 
fanden hier Aufnahme und Nachfolge. Aus 
ihrer Verarbeitung und Verschmelzung ent- 
standen Werke durchaus nalionaler beson- 
derer Prägung. Eine Fülle von Nachrichten 
aus zeitgenössischen Quellen, die die Ver- 
fasserin zusammengetragen und verwertet 
hat. macht diese große Entwicklungslinie 
im einzelnen anschaulich und lebendig. 
lnventare und Aufstellungen über kostbare 
Brauiaussialiungen geben einen Begriff van 
den vielfältigen Arbeiten. die hier auf den 
verschiedenen Adelssitzen entstanden. Aus- 
züge aus Briefen berichten über den Austausch 
von Mustern und Vorlagen, von gegen- 
seitigem Rat und l-liiie bei der Vorbereitung 
großer Festlichkeiten, vor allem Hochzeiten, 
den vielfältigen Fragen und Wünschen. die 
die Damen bei der Arbeit in Stickereistuben 
beschäftigte. Ungeachtet der politischen Zer- 
rissenheit wurde ein reger Kulturaustausch 
betrieben und entfaltete sich neben der 
Berufsstickerei die überaus fruchtbare Adels- 
Stickerei. Feine Metatlfaden wurden aus der 
Türkei eingeführt, billigere aus Deutschland. 
das Münzamt mUl)l8 die Legierung verbessern 
um ebenso feine Silberfäden im eigenen Land 
ziehen zu lassen. die besten italienischen und 
türkischen Nadeln wurden in Wien mit 
Silber aufgewogen. so entsteht an Hand der 
Stickereien ein Stück lebendiger Kultur- 
geschichte des Landes im Schnittpunkt 
westlicher und östlicher Einflüsse. deren 
künstlerischen Niederschlag noch heute zahl- 
rci:he erhaltene Arbeiten zeigen. 
In einem beschreibenden Teil werden die 
einzelnen Gruppen und Anwendungsarten 
der Stickereien erläutert. die verschiedenen 
Dekorationen auf Abendmahlstüchern. 
Bettlaken. Kissenbezügen. Tischzeug. Zier- 
tüchern und Decken usw" die von den 
adeligen Damen mit ihren türkischen und 
heimischen Stickerinrten ausgeidhrl wurden 
wie die schweren Metallstickereien, die den 
Berufsstickern vorbehalten blieben. ln ihrem 
Formenschatz wie in ihren Techniken zeigt 
sich die Auswahl aus westlichen und östlichen 
Vorbildern und deren glückliche Synthese. 
Ein Literaturverzeichnis und kurze Erläute- 
rungen zu den Bildtafeln beschließen den 
Text. 
Die 48 Tafeln. davon 8 in Farben bringen 
dem kleinen Format des Buches entsprechend. 
fast durchwegs Ausschnitte und Einzelmotive. 
In der schönen klaren Wiedergabe kommen 
nicht nur die Formen sondern auch die 
Struktur und Technik der Stickereien gut 
zur Geltung. Dora Heinz 
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