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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 84)

Hexen-Holzschnitt von 1510 (Titelbild) 
und dem gleichzeitigen Wiener Vanitas- 
Bildchenlo. Die kompositionelle Stellung 
des zentralen, nur von unten halbwegs 
gesehenen Baumes entspricht etwa dem 
Baum hinter der rastenden H1. Familie in 
einer von Leu signierten und 1517 da- 
tierten Zeichnung in Rotterdam Z1. 
Wie soll man sich das Verhältnis zwischen 
Leu und Baldung im Hinblick auf die 
Rezeption altdorferischer Motive vorstellen? 
Baldung ist anscheinend früher auf die 
neue Kunsttendenz Altdorfers aufmerksam 
geworden, Leu aber erhielt eine intimere 
Kenntnis von bestimmten Donauschul- 
Zeichnungen. Hat Baldung, der für die 
„maximilianische" Kunst Altdorfers In- 
teresse gewonnen hatte, Altdorfers frühe 
Graphik kennengelernt hatte und vielleicht 
auch durch seine Beziehungen zu cranach 
um 15O7{O81Z auf Altdorfer verwiesen 
worden war (die Chiaroscuro-Art des 
Hexen-Holzschnittes ist ebenso cranachisch 
wie altdorferischl), seinen Schüler Hans 
Leu auf die Reise geschickt? Anlaß könnte 
Baldungs Übersiedlung nach Freiburg und 
die Aufgabe des Straßburger Bürgerrechts 
im Frühjahr 1512 gewesen sein. Ab 1514 
ist Leu in Zürich bezeugt. Wenn Leu von 
Baldung bloß nach Nürnberg zu Dürer 
gewiesen worden wäre, könnte Leu dort 
1512f13 sehr wohl auch von sich aus auf 
die aufsehenerregende, von den rnaximiliani- 
sehen Humanisten begrüßte Modernität 
der Altdorfer-Kunst aufmerksam geworden 
sein. 1512 ist das Jahr, da Kaiser Maxi- 
milian mit Hilfe seines Hofastronomen 
und Hofgeschichtsschreibers Johannes Sta- 
bius den schon einige Jahre zuvor gefaßten 
und entworfenen Plan zu einer vom Holz- 
schnitt gedruckten triumphalen Ehren- 
pforte realisieren wollte: Im Februar 1512 
hielt sich der Kaiser in Nürnberg auf, um 
mit Stabius und Dürer die Einzelheiten 
des Unternehmens zu besprechen. Alt- 
dorfer war schon seit einigen Jahren ein 
maß gebender Mitarbeiter für die Darstellung 
des Triumphzuges und einzelner Szenen 
in der Ehrenpforte Z3. Winzinger hat darauf 
hingewiesen, „daß Altdorfer sicherlich mit 
Stabius, der die Disposition für die 
Triumpharbeiten schuf, einen engen Um- 
gang unterhielt, da dieser 1512 vom Kaiser 
ein Haus mit Garten in Regensburg als 
Geschenk erhalten hatte". Wer um jene 
Zeit in Nürnberg, in der Stadt von Stabius 
und Dürer, weilte und wer f wie alle 
aufgeschlossenen Künstler und Humani- 
sten _ eine Passion für „Kaiser-Nähe" 
besaß, der mußte fühlen, daß aus Regens- 
burg eine neue Botschaft kam. Daher 
beobachtet man in den Jahren det maxi- 
milianischen Triumpharbeiten allenorts 
(auch in Augsburg) eine Bereitschaft zur 
Rezeption von Altdorfer-Stil. Hans Spring- 
inklee, der Nürnberger Dürer-Schüler und 
Mitarbeiter an der Ehrenpforte, ist ein 
typischer Fall. Man hat allen Grund zur 
Annahme, daß Springinklee „wohl Alt- 
dorfefsche Zeichnungen auf dunkelbrau- 
nem Grund von etwa 1512 zu Gesicht 
gekommen" sind14. So hat Hans Leu 
damals in Nürnberg vielleicht nicht nur 
Werke des anwesenden Erhard, sondern 
auch des in Regensburg weilenden Albrecht 
Altdorfer im Kreise Dürers kennenlernen 
können. 
Leu wurde 1512MB unmittelbarer als Bal- 
11
	        

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