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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 84)

dung mit Dnnaukunst konfrontiert. Aber 
auch er wollte Wesentliches nicht ver- 
stehen: Er begriff nicht, daß das luftige 
Hängen der in Untersicht gesehenen Zweige 
als ein Mittel zur räumlichen Ausweitung 
der Landschaft, zur phantastischen Auf- 
hebung der an der Erde haftenden Körper- 
lichkeit und zum Einfangen eines diffusen, 
beschwingenden Lichtes entwickelt worden 
war. Der (von ltalien hergeleitete) tiefe 
Horizont blieb ihm innerlich fremd. Mit 
ihm wäre ihm das Handgreifliche zu sehr 
entschwunden, an dem er als Schweizer 
hing und von dem er sich auch wegen 
seiner dürerischen Grundorientierung nicht 
lösen konnte. Leu hat ebensowenig wie 
Baldung jemals seine „Diirer-Brille" ab- 
gelegt, als er sich der neuen Bilderwelt 
Altdorfers näherte. In einer Dürer ge- 
mäßen Verarbeitung ist Donaustilistisches 
- Formen der beiden Altdorfer, nicht 
Hubers i nach dem Oberrhein und der 
Schweiz gelangt. 
Für die Hauptmeister der damaligen Schwei- 
zer Kunst, Urs Graf und Niklaus Manuel, 
ist die überragende Kunst Baldungs maß- 
geblich gewesen. Dazu kamen wohl Aus- 
einandersetzungen mit Grünewald (dessen 
Antonius-Paulus-Bild des lsenheimer Altars 
und dessen Kreidezeichnungen freilich auch 
nicht ohne Baldung denkbar wären) und 
immer erneute Riickgriffe auf Diirers 
Graphik, der Grundlage für alle Malerei 
und Zeichenkunst des frühen 16. jahr- 
hunderts, auch für den Donaustil. Die 
Einwirkung Leus blieb anscheinend sekun- 
där. Immerhin können die „Haarschopf- 
Birken", die Niklaus Manuel etwa in seinen 
Antonius-Tafeln von 1520 anbringt, wohl 
nur von Leu her stammen. Leus Donau- 
schul-Modernität, von der man gewiß 
wußte, daß sie Maximilian genehm war, 
ist mit seinen Holzschnitten von 1516 
publik geworden (Abb. 7). Urs Graf wurde 
davon kaum berührt. Donaustil-Reminiszen- 
zen bei Ambrosius Holbein 1518 in Basel 
sind vielleicht zum Teil direkt von Augs- 
burg mitgebracht worden - wiederum im 
Bewußtsein, daß es eine maximilianische 
Kunstweise war. Augsburg, die von Kaiser 
Maximilian bevorzugte Reichsstadt, stand 
mit den Donauwerkstätten in Wechsel- 
beziehung. Dabei wirkte sich besonders 
klar die ideelle Bedeutung Maximilians 
und seiner humanistischen Vertrauten aus. 
Von besonderem Interesse wäre hier der 
Holzschnitt der „Utopien"-Schlacht von 
Nic. Hogenberg, der 1522 von dem (im 
selben Jahr nach Basel ziehenden) Form- 
schneider Hans Lützelburger, einem Mit- 
arbeiter bei den Augsburger Holzschnitten 
für Maximilian, geschnitten worden istl" . 
Für Ambrosius Holbein scheint auch der 
Baldung-Nachfolger HF von Bedeutung 
gewesen zu sein. Von diesem beachtlichen 
Monogrammisten, den man mit dem 1522 
verstorbenen Basler Hans Franck identi- 
fiziert hat15, sind außer der abgebildeten 
Zeichnung von 1515 (Abb. 9) eine eben- 
falls 1515 datierte Hexen-Zeichnung von 
Baldungs Artlö, schillernde Kreidezeich- 
nungen von 1517 in Basel aus dem alten 
12 
Amerbach-Kabinett 17 und Buchholzschnitte 
erhalten, die 1519 in Basel gedruckt worden 
sind. Parker hat ihm eines der schönsten 
namenlosen Bilder der Basler Kunstsamm- 
lung zugeschrieben: den 1515 datierten 
„S. Hieronymus bettend ein einer wildnus" 
aus dem Amerbach-Kabinett (Abb. l1)23. 
Das Gemälde ist gleich wenig späteren 
Werken von Niklaus Manuel und Hans Leu 
auf Leinwandtuch gemalt. Die Anregung 
zu dieser Technik, die eine freie Pinsel- 
zeichnung ermöglichte, brachte der Meister 
vermutlich aus Oberitalien 29 vom Feldzug 
nach Novara heim, an dem er zusammen 
mit seinem Basler Kollegen Urs Graf und 
Anthoni Glaser teilgenommen hatte (im 
selben Jahr 1515, da der Basler Rat ihn 
mit umfangreichen Arbeiten im Rathaus 
beauftragte). 
Zwei Probleme sollen in diesem Expose 
beiseite bleiben, weil sie nach unserer 
Meinung nicht zur speziellen Fragestellung 
gehören. Das erste betrifft die Ausbildung 
Wolf Hubers. Falls es mit der ganz hypo- 
thetisch angenommenen Lehrzeit Hubers 
am Oberrhein etwas auf sich haben sollte 30, 
so würde diese in die Zeit vor Hubers 
Wetteifer mit Altdorfers Kunst und vor 
Baldungs und Leus Interesse für Alt- 
dorferischen Zeichnungsstil fallen. Das 
einzige von Hubers Graphik beeinHußte 
Werk am Oberrhein scheint das Basler Lein- 
wandbild mit Cephalus und Procris zu sein, 
das unter dem Namen Leus zu segeln 
pflegt 31. Das zweite ausgeklammerte Pro- 
blem ist die Tätigkeit des Monogrammisten 
HL, des Meisters des Breisacher Altars, 
am Oberrhein. Der Meister ist als Schnitzer 
vor allem bemerkenswert; bei den Kupfer- 
stichen, deren frühester 1511 datiert ist, 
hat die Landschaftsdarstellung so wenig 
Gewicht, daß der Vergleich mit den hier 
11 
12 
Monogramlnist HF (a), Büßendcr m, 1 
1515. Tcmpcr "nlf Leinwand. Base-l. ömnn 
sammlung. so. uns Cm 
Monogramlnist CA. H1. Hieronymus oder 
1519. Tcmpcra auf Lcinwand. Basel. 0mm 
Sammlung. 51 x au cm 
Tmymus. 
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