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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 85)

 
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die von den mährischen Archäologen schon 
für die Zeit vor 700 festgestellten ausgedehn- 
ten Burganlagen im Marchgebiet bestätigt 
wird. 
Die vernichtende Niederlage, die die Awa- 
ren 626 vor Konstantinopel erlitten, hin- 
derte sie daran, ihre slawischen Nachbarn 
weiterhin zu bedrohen. Erst als ihr Reich 
gegen das Jahr 700 wieder erstarkte, 
wurden sie den Nachbarvölkern neuerdings 
gefährlich. Aber die Slawen hatten diese 
Gefahr vorausgesehen. Dem Namen nach 
unbekannte, aber sicherlich außerordentlich 
befähigte Stammesfürsten im Marchgebiet 
hatten ihre Gefolgschaften straff militärisch 
organisiert und insbesondere starke be- 
rittene Truppen zur Abwehr der awarischen 
Steppenreiter aufgestellt. Nirgends in 
Europa fand man so viele Reitersporen 
beisammen als in den älteren Schichten 
der siidmährischen Burgen, welch letztere 
bereits damals mit holzgefütterten XWall- 
mauern großen Umfanges geschützt wa- 
ren. _ 
Im donaunahen Gebiet der Slowakei und 
des niederösterreichischen Weinviertels las- 
sen sich im Laufe des 8. Jahrhunderts 
militärische Sicherungsposten der Awaren 
nachweisen, die zeigen, daß das slawische 
Land bis etwa in die Höhe des Thayalaufes 
in klienrelmäßiger Abhängigkeit vom pan- 
nonischen Nomadenreich gehalten wurde. 
Die Zentren der mährischen Stämme nörd- 
lich davon konnten sich jedoch anscheinend 
ihre Freiheit voll erhalten. 
Als dann ab 791 die Heere Karls des Großen 
die Macht der Awaren zerschlugen, begann 
für die nun von der Gefahr aus dem Süd- 
osten befreiten slawischen Völkerschaften 
die große Zeit. Städte, Burgen und Märkte 
blühten im March- und Neutragebiet auf, 
die baierische und die oberitalische Kirche 
sandten ihre Missionare, die im Einver- 
nehmen mit den lokalen Teilfürsten ihre 
erfolgreiche Tätigkeit eröffneten. 822 wird 
erstmals der Stamm der Mährer in den 
fränkischen Annalen erwähnt. Und 830 
hören wird, daß der Miihrerfürst Moimir 
das Gebiet des Fürstentums Neutra seinem 
mährischen Machtzentrum angliederte, nach- 
dem er den dortigen Herrscher Pribina 
vertrieben hatte. Dieser letztere mußte ins 
Karolingerreich fliehen, wo er die Taufe 
 
nahm und bald darauf von König Ludwig 
mit der Hut eines slawischen Herzogtums 
in Pannonien betraut wurde. War Moimir 
vorerst noch geneigt, die Oberhoheit des 
fränkischen Reiches anzuerkennen, so ver- 
suchte er bald schon sich dieser zu ent- 
ziehen. König Ludwig der Deutsche unter- 
nahm 846 eine Heerfahrt gegen ihn, setzte 
ihn ab und machte an seiner Stelle dessen 
Nelfen Rostislav zum Herzog. Aber auch 
dieser strebte, gestützt auf seine blühende 
Wirtschaft, seine Städte, Märkte und Bur- 
gen _ deren ansehnliche Reste die neuen 
Ausgrabungen der tschechoslowakischen 
Archäologen ans Licht gebracht haben _ 
und sein wohldiszipliniertes Heer, nach 
völliger politischer Freiheit. 853 erhob er 
sich wieder und konspirierte zeitweilig mit 
dem Königssohn Karlmann gegen Ludwig. 
Kriegszüge gegen ihn führten 864 und 869 
zu keinem Erfolg, woran, wie die Annalen 
vermelden, vorwiegend die äußerst starken 
mährischen Festungen die Schuld trugen. 
Seine politische Freiheit suchte Rostislav 
durch Selbständigkeitsbestrebungen auch 
auf kirchlichem Gebiet zu untermauern. 
Er wandte sich an den byzantinischen 
Kaiser Michael mit der Bitte, ihm Priester 
zu senden, die der slawischen Landes- 
sprache mächtig wären. Die Brüder Kon- 
stantin und Method aus Saloniki zogen 
hierauf (863) nach Mähren und fanden, 
wie überliefert ist, das Land bereits von 
Bayern aus christianisiert und - wie die 
neuen Ausgrabungen zeigen _ mit zahl- 
reichen, aus Stein erbauten Kirchen übersät 
vor. Sie übersetzten die Bibel und litur- 
gische Schriften ins Slawische, erfanden 
eine eigene Schrift und erhielten für ihre 
Tätigkeit auch die volle Anerkennung der 
Päpste. Method, der auch im pannonischen 
Reich des Pribina, das nun nach dessen 
Tod sein Sohn Kozel beherrschte, Fuß 
gefaßt hatte, wurde nach Konstantins 
(Cyrills) Tod 869 von Papst Hadrian zum 
Erzbischof von Pannonien und Mahren 
ernannt. 
Rostislav wurde 870 von seinem Neffen 
Svatopluk gestürzt und König Ludwig 
ausgeliefert. Nach heftigen inneren Kämp- 
fen wechselte Svatopluk 871 wieder zur 
mährischen Nationalpartei über und ver- 
nichtete das in Ivlähren unter den Grafen 
Wilhelm und Engelschalk stehende Heer. 
Von da ab blieb sein Reich vom Westen 
unabhängig, der Fürst vermochte auch die 
benachbarten Stämme (Böhmen, Sorben, 
Slowaken etc.) unter seinen Einiluß zu 
bringen. 
Nachdem inzwischen Erzbischof Adalwin 
von Salzburg die Ernennung Methods zum 
Erzbischof von Pannonien als Eingreifen 
in seine Sphäre bekämpft und Älethorl auf 
einer S} node gefangengesetzt hatte, stellte 
sich jedoch auch Papst Hadrians Nach- 
folger, Johann VIII., auf Methods Seite 
und zwang Adalwin, jenen 873 wieder aus 
der Haft zu entlassen. In Mähren wurde 
er von Svatopluk mit offenen Armen 
aufgenommen, doch verschlechterte sich 
später das Verhältnis zwischen Fürst und 
Erzbischof aus uns unbekannten Gründen 
immer mehr und mehr. 
Um das Jahr 884 gelang es Svatopluk 
auch, die zum Karolingerreich gehörigen 
pannonischen Gebiete östlich des Wiener- 
waldes seiner Machtsphäre einzugliedern. 
In einer Zusammenkunft zwischen ihm 
und König Karl III. „nahe dem Flusse 
Tulln" mußte der letztere die gegebenen 
Verhältnisse hinnehmen. Auch die Unter- 
redung zwischen Svatopluk und König 
Arnulf in „Omuntesperch" (wohl St. Mar- 
tin-Klosterneuburg) fand an der neuen 
Grenze beider Herrschaftsgebiete statt. 892 
und 893 kam es neuerlich zu heftigen 
Kämpfen, die jedoch keine dauernden Er- 
folge für die Deutschen brachten. Auf- 
fällig ist, daß nach Methods Tod (885) 
Svatopluk, der nach Quellennachrichten 
eine nahezu königliche Stellung einnahm, 
sich von der slawischen Liturgie lossagte 
und kirchlich wieder dem Westen an- 
schloß. 
Nach Svatopluks Tod (894) begann der 
rasche Verfall seines Reiches. Seine Söhne, 
Svatopluk der Jüngere und Moimir II., 
konspirierten und intrigierten abwechselnd 
mit den ltarolingischen Grenzgrafen und 
gegeneinander und machten ihr Reich so 
zum Untergang reif. Obgleich wir über 
das Ende nicht ausdrücklich unterrichtet 
sind, ist wohl anzunehmen, daß die Ungarn, 
die 907 durch ihren Sieg über den baieri- 
schen Heerbann bei Preßburg den karo- 
lingischen Ostgebieten den Untergang 
brachten, auch das rnahrische Reich zer- 
störten. 
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