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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 85)

3 Jan Vcrmtcr, Stehende Dame am spmw. um 1670. 
Leinwand, 50x45 cm. Bezeichnet: 1 v Mecr. Nnlional 
Gallery, London 
ANMERKUNGEN 23 - 27 
11 In letzter 2m m „Im Atelierbild" von Vcrmccr m zwci 
Arbeiten zuf m": Bedeutung um untersucht worden. 
Hans Sedlmayr (in: "Kunst und Wnhrhci n 19524) hat 
die schon von Origenes angewendet: „d fache" m. 
(man benutzt und so auch in Vermeers „Awuw- L-aum 
wörtlichen (rnlislischen), einen allegorischen und Bill"! 
dritlcn. spirituellm Bildsinn zu finden gcglaubt, Hirse 
fast überzeugende lulcrprcizrion wurde von Run Budi. 
Modell und Malcr von Jan Vemicer. Köln 1961, auf 
Grund sachlicher Fakicn widerlegt. Die Srreirschrift 
Dzdrs zeigt deutlich. wie gefährlich Sedlmayis Vorgehen 
m und wie leicht eine gewiss: pathetisch: Furmulicruni: 
an Stelle sachlicher Fakten irrcfiihrcn kann. 
Giselc Bzälcl, Blhüliqu t crüntion musicalc. Paris 1947. 
hat diesem Phänomen eine eigene Arbciz gewidmet. 
Erwin Panofsky, Mcnning in (h: visual Arrs. New York 
1955. S. 168. 
Andrö Mnlraux. Lcs Vuix du silcnce. Paris 1951. I 474. 
Es sei in dicscm Zusammenhang erinnert. daß sich Des- 
rartcs zwanzig juliru. vnu 1629 bis 1649, in Holland auf- 
gehalten hal und dnll xcinr: Gegenwart der hühercn Klassc 
der "lntclligcntsia" kaum unbekannt gewesen sein dürfte. 
  
befinden sich zwei, der „Geograph" (Stae- 
delsche Kunstsammlung, Frankfurt) und 
der „Astronom" (ehem. Sammlung Roth- 
schild, Paris), die diesen Gedankengängen, 
die in den Bildern Vermeers, wenn auch zum 
Teil verborgen, zu liegen scheinen, eine 
endgültige Bestätigung geben. Sie stellen 
nämlich jene Menschen dar, die gerade 
mit diesen Problemen und Fragen, auf die 
es uns in diesem Zusammenhang ankommt, 
beschäftigt sind. Die Wahl des Sujets 
bestätigt auch, daß diese Fragen nicht nur 
„in der Luft lagen", sondern daß sie Ver- 
meer persönlich nicht fremd waren, ihm 
persönlich nahegelegen sein mußten. Beide 
Bilder dürften aus der gleichen Zeit stam- 
men (der „Astronom" ist datiert und 
stammt aus dem Jahre 1668). Der Bild- 
aufbau ist in beiden sehr ähnlich und auch 
der innere Gehalt zeigt eine auffallende 
Übereinstimmung. ln beiden Bildern ist 
es die gleiche Zimmerecke, mit dem Fenster 
auf der linken Bildseite, dem Wandschrank 
im Hintergrund, dem vom Bildrahmen 
iiberschnittenen Gemälde in der rechten 
Bildseite und schließlich dem vor das 
Fenster, aus dem helles Licht strömt, 
gerückten Tisch. Beide Gelehrte sind über 
ihre Arbeit gebeugt. Eingeklemmt zwischen 
schweren Möbelstücken, in der Enge des 
geschlossenen Raumes, das Gesicht dem 
Fenster zugewandt, umgeben von Globen, 
Landkarten und Meßinstrumenten, ist ihr 
Geist mit dem Erdenraum, ia mit dem 
Weltraum beschäftigt. Die Geste, mit der 
der Astronom die Hand auf den Globus 
legt, ist wie eine Besitzergreifung, Symbol 
der geistigen Besitzergreifung, die dank 
der neuen wissenschaftlichen Methoden 
damals vorgenommen wurde. Beide Bilder 
sind eine Bestätigung, daß die brennenden 
Zeitfragen der Astronomie auch Verrneer 
berührt haben, daß ihm ihre revolutio- 
nierenden Entdeckungen, die Erkenntnis 
der Unendlichkeit und das allgemeine 
Prinzip der Dynamik vielleicht nicht unbe- 
kannt waren. Raumprobleme mußten den 
Künstler aber besonders interessieren. Beide 
Bilder exemplilizicren, wie Vermeer das 
neuentdeckte Konzept der Unendlichkeit 
mit Formfragen der Malerei in Einklang 
zu bringen versucht hat. 
Hat der Alaler Vermeer das Grundgesetz 
der Malerei, das Gesetz des statischen 
Bildaufbaues, der planen begrenzten Mal- 
Bäche immer gewahrt, die Geschlossenheit 
des gerahmten Ausschnittes nie preisge- 
geben, sondern iene Zeit- und Raumlosig- 
keit gewahrt, die seinem Werk seine 
„Klassik" gibt, so hat der Denker Vermeer 
die von Zeit und ihrem Stil geforderte 
Raumdynamik, die Unendlichkeit durch den 
Umweg über die Allusion und das Symbol 
wiedergegeben. Nicht das „Flamb0yante" 
des Barocks, nicht seine „maniera grande", 
nicht den rauschenden Raum, sondern einen 
Raum, den Vermeer wie Descartes 17 durch 
Symbole und Gleichungen ausdrückt, die 
seine unmeßbare Weite, wie sie die Mathe- 
matik und Astronomie damals erkannt 
haben, deutlicher und vielleicht auch reiner 
zum Ausdruck bringen. 
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