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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 85)

ldolf Strasscr 
HRISTOPH TILLE 
[N POTSDAMER 
LASSCHNEIDER 
, (cm) - 
n 25. Oktober 1965 wurde in London 
l Sotheby 8c C0. unter der Nummer 72, 
ATALOGUE of ENGLISH and CON- 
NENTAL GLASS", Abb. 4, S. 16 ein 
1115! Potsdamer Glaspokal versteigert, 
n der zuständige Bearbeiter dieses be- 
1mten Auktionshauses auf Anregung des 
itors dieser Zeilen dem Potsdamer Glas- 
ineider Christoph Tille zugeschrieben 
t. Damit scheint im (ilashandel vermut- 
h zum erstenmal der Name eines Künst- 
s auf, der bisher bloß seiner Existenz 
ch oder, besser gesagt, den Urkunden 
ch bekannt War, die Robert Schmidt in 
n „Brandenburgischen Gläsern" auf S. 27 
w. 147 anführt. Dieser Christoph Tille 
rd im oben erwähnten Werk unter 
ersonalien der Glasmacher, Glasschnei- 
r usw. in Potsdam, Zechlin und Berlin" 
Glasschneider geführt und kam 1678 
s Dessau nach Potsdam. Entgegen der 
mahme, wonach Tillc in den frühesten 
andenburgischen (ilaserzeugungsstädten, 
mlich Marienwalrle oder Grimitz, ge- 
aeitet haben soll, ist den historischen 
idien Robert Schmidts zu entnehmen, 
ß der Kristallglasmeister Georg Gunde- 
:h aus Oranienbaum bei Dessau, der 1677 
t der Führung der (ilashütte Drewitz bei 
itsdam betraut wurde, den Glasschneider 
iristoph Tille und den (ilasmaler Gott- 
ed Rül aus seiner früheren Berufsheimat 
ch Drewitg berufen hat. Die beiden 
instler trafen im Frühjahr 1678 in 
rewitz ein und erklärten sich bereit, „das 
ristall und das beinweiße Glas zu schnei- 
n und zu malen gegen ein jährliches 
zhalt von 200 Talern, freie Wohnung 
1d Holz". 
indelach selbst entstammte der berühm- 
1 hessischen Glasmacherfamilie, hatte 
reits 1669 in Oranienbaum bei Dessau 
ie Glashütte eingerichtet und war einem 
1f des großen Kurfürsten Friedrich 
ilhelm nach Drewitz gefolgt, als die 
lft 1674 ins Leben gerufene Hütte ins 
ncken geraten war. Er ist als Vorgänger 
hann Kunckels anzusprechen, der zum 
stenmal gleichfalls 1678 in Drexvitz auf- 
icht. 
1G Existenz des Christoph Tille war also 
kannt, doch war es bisher nicht möglich, 
r1 mit bestimmten Potsdamer Arbeiten 
Verbindung zu bringen. Da spielte der 
ifall dem Autor dieser Zeilen ein Glas 
die Hände, das die Signatur CT aufweist 
1d das aus geographischen und histori- 
hen Gründen dem oben erwähnten 
iristoph Tille zugesprochen werden muß 
.bb. 1 und 2, (ilassammlung Rudolf 
ÜRASSER). Es ist der Form nach ein 
lindrischer Humpen mit historischer 
Widmung, bezeichnet und datiert „Qued- 
linburg 4. April 1694". Als Dekor wcist 
es Hachgeschnittene Ranken, Barockblumen 
und Früchte auf, die in ausgewogener An- 
ordnung des Glases Wandung füllen (Durch- 
messer 9,9 cm, Höhe 16,9 cm). Die Wid- 
mung selbst ist von einem Rankenkranz 
eingezogen, die Schrift handwerklich exakt 
und rein geschnitten. (Text: „DIESES 
ZU EHREN HAT M: HANS LIEB- 
RECHT. UND IOHAN ANDREAS 
WEIDLINCK. ITZO ADMINISTRI- 
RENDE B: ODER GESCHWORNE 
DES WESTENDORFES. QUEDLIN- 
BURG Den 4. April. ANNO. 1.6.9.4. 
C. T") Da dieser Widmung ein Verbum 
fehlt, ist anzunehmen, daß das M: für 
macht oder gemacht steht. 
Das Stadtarchiv des Rates der Stadt 
Quedlinburg hat freundlicherweise auf 
meine Anfrage Wesentliches zur Aufklä- 
rung der Widmung und der Personalien 
des Liebrecht und Weidlinck beigetragen. 
Zunächst einmal ist das Westendorf ein 
Stadtteil Quedlinburgs, der noch heute so 
genannt wird. Im 17. Jahrhundert unter- 
stand das Westendorf dem Stift Quedlin- 
burg und nicht dem Rat der Stadt. lm 
Westendorf liegen auf einer kleinen Anhöhe 
das Schloß und die Stiftskirche der Stadt. 
Zwischen 966 und 1802 übten 38 Äbtis- 
sinnen die Regierungsgeschafte aus. Wah- 
rend aber die Stadt Quedlinburg 2 Bürger- 
meister und verschiedene Ratsmitglieder 
hatte, besaß das Westendorf als Gemeinde- 
vertreter bloß „Geschworene", da es ja 
dem Stift direkt unterstand. 
Was nun den Gemeindevertreter Hans 
Liebrecht betrifft, so war er Weißgärber 
im Westendorf. Er erwarb 1704 das 
Bürgerrecht der Stadt Quedlinburg und 
wohnte ab dieser Zeit in der Quedlin- 
burger Neustadt, vorher oHenbar im We- 
stendorf. Johan Andreas Weidlinck da- 
gegen war Hofbäcker und belieferte das 
Stift und die Stiftsregierung mit Backwaren 
aller Art. Er erwarb das Bürgerrecht der 
Stadt Quedlinburg 1682, behielt aber 
weiter im Westendorf seinen VUohnsitz. Das 
mit CT signierte Glas ist also den beiden 
Westendorfer Vertretern Liebrecht und 
Weidlinck gewidmet, wobei jedoch unge- 
klärt ist, ob am 4. April 1694 ein beson- 
derer Anlaß zu einer solchen Widmung 
gegeben war. 
Es lag nun nahe, zu versuchen, die Signatur 
(IT aufzulösen. Der Rückschluß auf Chri- 
stoph Tille drängt sich nun nicht bloß 
durch Dokumentation in den „Branden- 
burgischen Gläsern" auf, sondern auch 
durch den Umstand, daß Tille, wie wir 
urkundlich wissen, aus Dessau nach Pots- 
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(Wlriwluph ' illu (C. T.), (Ilaspnknl in Fur 
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Barozkhlunnex: und Früchten. D111. ').')( 
Christoph Till: ((2.11). AusichrdcsHunxl 
Widmung: Dieses zu Ehren m: M: 1 
Und lohrm Aidrcas Wcidlinck. llzo Adr 
oder Gcsrhworcne des Wcstendorfcs. Q1 
4. April. Anna. 1.6.9.4. C. T." 
 
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