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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 85)

1 Georg Eisicr. Jazzmusiker, 1964. OllLeinwanc 
Schlußakzent zu geben. Alles in allem haben diese „Wartenden" in ihrem Streben nach Verdichtung 
viel mit den „Jazzmusikern" gemein, aber es gibt auch wesentliche Unterscheidungsmerkmale: Die , 
musiker" sind ein sehr diffuses, gelöstes Bild. in dem der Raumfaktor. wie wir gesehen haben, grundsö 
ausgeschaltet wird. Die.,Wartenden" sind hingegen voller raumschaffender Elemente, die am Bildgescl 
Beteiligten sind ungleich kompakter als die Personen des erstbesprochenen Werkes. Hier zeigt sich E 
Fähigkeit zur psychologischen Differenzierung; die Gelöstheit und Unkörperlichkeit des Musikeri 
entspricht dem inhaltlichen Moment: Rhythmus istentgegenstündlichend, Musiker sind beim Akt derAusil 
ihres Berufes nicht mehr sie selbst, sondern bloße Real isatoren einer ihnen auferlegten übergegenstöndl 
Handlung. Die „Wartenden" hingegen sind ganzaufsich selbstverwiesen: Zur Untütigkeit unterdenAsp 
spannungsvollen Harrens oder dumpfen Sichergebens verurteilt, spielt das physische Erscheinung 
zwangsiüuhg eine wesentlich größere Rolle als beim Motiv des Musizierens. Und die "barocke" Ko 
sitionsweise unterstreicht das Zusammengepferchtsein in einem kleinen Raum, der sich somit selbst real 
ohne allzu großer unmittelbarer Hinweise auf seine gegenständlichen Dimensionen zu bedürfen. 
Dieser Hinweis auf die starke psychologische Komponente bei Eislers Bildkompositionen mag gen 
um den Künstler vor dem denkbaren Vorwurf in Schutz zu nehmen, er betriebe ..Malerei an sich" g 
wie die Abstrakten aller Observanzen. Unzweifelhaft geht es ihm um Aussagen über die innere Situ 
seiner Modelle, und es spricht nur für den Maler, daß er sich sein Bekenntnis zur Aussage nicht mit 
Opfer der Preisgabe des Malerischen als solchem erkauft. Zu welchen Leistungen Eisler auf dem G: 
der inhaltsverpflichteten Malerei fähig ist, zeigt „Straße mit totem Soldaten" (Abb. 4), Die starke Betc 
der von links nach rechts ansteigenden Bilddiagonole unterstreicht die Dramatik der Handlung. die let 
nur aus der Konfrontation des Liegenden mit dem hastig und schattenhaft an ihm vorbeigeisternden 
radschiebenden gebildet wird. Aber mit welch unheimlicher Konsequenz hat Eisler dieses Motiv gest 
indem er den liegenden Toten mit dem Kopf nach links unten, also der natürlichen Ableserichtun 
Beschauers entgegengesetzt, darstellt, so das Tot-Sein dieses wie gefüllt wirkenden Akteurs mit sublii 
und doch ganz unmißverstündlichen. sehr direkten Mitteln unterstreichend. Und wie sehr kommt ein 
von Unerbittlichkeit in die! Konfrontation des Lebenden mit dem Toten durch die drastisch und doch 
jeden Einsatz von Details hervorgehobene zwangsläufige Enge der Gasse, durch das Gebücktseii 
Radfahrers. durch seine Schattenhaftigkeit (als formales Äquivalent für Angst und Verlegenheit)! 
Zum Schluß noch ein Blick auf das Hauptwerk der letzten fünf Jahre. auf das große Triptychon (Ab 
das auf dem linken Flügel eine Gruppe von Badenden, im Mittelfeld Figuren bei aufziehenclem Gei 
und rechts zwei Frauen in einem lnterieur zeigt: Die Beziehung von Menschen im Frei- und im lnnenr 
im Zeichen freier Ertspanntheit und unter dem Druck jähen Erschreckens. seelisches Nebeneinc 
(als typisches Merkmal menschlicher Situation auf einerrßßadestrand) und enges Zusammengehörig 
gefühl (das „lnterieur" wird zum seelisch Inneren) werden hier in jener meisterlich gelösten. vom „G: 
ebenso wie vom expressionistischen Affekt völlig freien Weise paraphrasiert, die Eisler sich in dieser K 
quenz erst im vergangenen Jahrfünft erarbeitet hat.
	        

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