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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 85)

schöpferischen Konzepten jener Perioden. Wir 
aber müssen aut solche billige Effekte bewußi 
verzichten und die ehrlichste und wenn möglich 
differenzierteste Sprache suchen. um Wesentliches 
aussagen zu können. wo es Wesentliches zu sagen 
gilt. 
ist aber eine solche Forderung nur über Ar:hi- 
tektur notwendig? Gilt sie nicht auch in demselben 
Matte für den Maler und den Bildhauerila. über 
sie hinaus, nicht auch für den Musiker und Dichter? 
Die Probleme und Wertmaßstöbe der Künste sind 
im Bereich des Eigentlichen identisch. Es bedarf 
deshalb vielleicht keines besonderen Übergonges. 
wenn ich nun noch etwas van meinen persönlichen 
Erinnerungen an die Atmosphäre in den Maler- 
und Bildhauerschulen zu meiner Studienzeit ver- 
mitteln möchte. 
Was ich schon anfangs im Zusammenhang mit 
der Architektur gesagt habe, gilt vielleicht in 
einem noch stärkeren Maße für die Entwicklung 
in Malerei und Plastik. Nämlich: was sich bei 
einem solchen Rückblick dem Beschciuer am 
stärksten aufdrängt und oft verwirrend wirkt, 
ist der so tiefe Wandel der Ausdrurksforrnen in 
der Kunst. der in den Jahren seit damals vor sich 
gegangen ist. Unwillkürlich drängen sich bei 
einer solchen oft so gegensätzlichen Vielfalt die 
Frage nach Wertmaßstäben und nach einer Ge- 
meinsamkeit in all der Vielfalt auf. 
In der Malerei und Bildhauerei galten damals 
außer für die dekorativen Arbeiten der Meister- 
schule für Wandmalerei als ernstester und bester 
Maßstab Männer wie Degas. Maillol und Despiau. 
aber auch Van Gogh und in gewisser Hinsicht 
noch immer Hans von Marees. Eine Auseinander- 
setzung mit den iüngeren Strömungen in der 
modernen Malerei und Plastik war damals unauf- 
schiebbar, und die Frage, welche dieser jüngeren 
Richtungen an der Akademie gepflegt werden 
sollen, war brennend geworden. Aber die Zeit 
wurde versäumt. 
Heute. glaube ich, dürfte es kaum mehr bezweifelt 
werden. daB Maler wie Rouault, Kakoschka, 
Barlach oder Klee zu den wesentlichen Repräsen- 
tanten der Malerei unserer Zeit gehören. 
Was wir daraus für heute lernen müssen. ist die 
Notwendigkeit einer wirklichen Aufgeschlossen- 
heit gegenüber den schöpferischen Kröften. Dies 
darfaber nicht zu Konjunkturmeierei und Charak- 
terlosigkeit führen. Eine solche Aufgeschlossenheit 
erfordert im Gegenteil viel Charakter, Bescheiden- 
heit und Einfühlungsvermögen. 
Für den Anspruch gewisser Gruppen aber. datt 
es in der modernen Malerei und Bildhauerei 
eine fortschreitende, konsequente Entwicklung 
gibt. finden sich. glaube ich. nicht genügend An- 
haltspunkte. 
Der Anspruch der Tachisten z. B.. daß sie die bis 
heute späteste und deshalb auch höchste Phase in 
der Entwicklung der Malerei repräsentieren, 
scheint mir durch nichts begründet. Vielmehr 
finde ich. daß sie nur eine von den Ausdrucks- 
formen unserer Kunst sind. Ich bin auch der 
Ansicht. daß das Lebensgefühl einer jeden Zeit 
verschieden ist und sich in ihrer Malerei ausdrückt. 
Aber warum eine Ausdrucksform. weil sie später 
ist. die um soviel höhere Entwicklung darstellen 
soll. sehe ich nicht ein. Denken wir nur an die 
reiche Mannigfaltigkeit in der Malerei nach dem 
ersten Weltkrieg, z. B. an die Arbeiten des frühen 
Max Ernst, deren starker Einfluß sich erst heute 
richtig fühlbar macht, und im Gegensatz zu ihm 
an Barlach.0der denken wir an Braque und im 
Gegensatz zu ihm an Nolde oder an Kokoschka 
und Paul Klee. Ich würde es nichtwagen. zu sagen, 
wer von diesen oder vielen anderen für mich .,der" 
repräsentative Ausdruck jener Zeit ist. Gerade die 
unerhört dramatische Vielfalt und der Reichtum 
kommt mir als ein Ausdruck der Zerrissenheit 
und Problematik unserer aufgewühlten Zeit 
vor. 
Das unerhört schnelle Kommen und Gehen der 
verschiedenen einander ablösenden Kunstrich- 
tungen der letzten Jahrzehnte wirft aber eine 
andere Frage auf, und zwar: Ist es möglich, daß 
die Probleme, Ziele und Bemühungen einer 
Generation innerhalb eines Menschenalters 
ungültig und belanglos werden - wenn es sich 
um wirkliche künstlerische und menschliche Ziel- 
setzungen und Leistungen handelt. Ich denke da 
an das Wollen z. B. der Expressionisten, an die 
Arbeiten des jungen Kokoschka oder Barlach 
oder Nolde. Wenn die Vision und der Wertmaß- 
stab eines Rouault oder Barlach oder all der 
anderen Männer nicht nur eine modisch bedingte 
Sensationslust war, sondern ein tiefernstes Suchen 
und oft auch Finden von dauernder Qualität, 
dann kann ein solches Lebenswerk nicht innerhalb 
eines Menschencilters zu einer Zeiterscheinung 
von rein kunsthistorischem lnteresse herabsinken. 
Entweder waren damals die Wertmaflstübe der 
Künstler und ihrer literarischen Verfechter falsch 
und die schöpferische Kraft zu schwach. um etwas 
Dauerhaftes zu schaffen, oder die nachfolgende 
Generation der Kunstkritiker ist nicht fähig oder 
gewillt, die dauernden Qualitäten der so kurz 
vorangegangenen Richtungen auch für heute noch 
als gültig und lebendig zu sehen und anzuer- 
kennen. Es ist sicher unmöglich, daß eine wirkliche 
Qualität innerhalb von zwei Dezennien voll- 
kommen überholt und bedeutungslos werden 
kann und zu rein historischem Interesse herab- 
sinkt. 
Die Frage der Dauerhaftigkeit ist eines der er- 
probtesten Hilfsmittel für die Erforschung von 
Qualitäten in der Kunst. Die Periode, auf die wir 
heute zurückblicken, mag schon groß genug sein, 
um in dieser Hinsicht gewisse Hinweise geben 
zu können. Ich glaube, es wäre deshalb in diesem 
Zusammenhang eine legitime Frage, inwieweit 
Bilder und Plastiken der verschiedenen modernen 
Kunstrichtungen der letzten Jahrzehnte uns heute 
noch etwas zu sagen haben, und zwar nicht von 
einem historischen Standpunkt aus, sondern als 
ein ursprüngliches Erleben. Ich glaube 1.3.. daß 
die Ausdrucksformen des Expressionismus für die 
sakrale Kunst noch bei weitem nicht erschöpft 
oder gar überwunden sind. Daß wir diese für 
die sakrale Kunst so wichtige Richtung hier nicht 
pflegen. wird damit begründet, doß wir eben 
keinen Rouault in Wien haben. Dies ist aber kein 
Einwand, da wir auch keinen Salvador Dali hier 
haben und auch keinen Max Ernst. Wir verwenden 
diese Namen nur als Bezeichnungen für Kunst- 
richtungen der Gegenwart. Die Richtungen selbst 
sind von diesen Männern vor Jahren durch ihre 
Arbeit begründet worden. 
Ein Rektorat soll keine einseitige Stellung beziehen 
in dem Kampf der Gemüter und den Auseinander- 
setzungen der verschiedenen Kunstrichtungen 
und Strömungen. Die bestmögliche Qualität zu 
suchen und zu fördern und sie von Mode zu unter- 
scheiden und vor der Mode zu beschützen, rnuß 
unser dauerndes Bemühen und unser Ziel sein, 
wie immer schwierig und mangelhaft dies in der 
Tat auch ausfallen mag. Es bleibt dies für uns 
eine Verpflichtung, solange wir arbeiten, ja 
solange wir leben. In all den Jahren intensiver 
und rückhaltloser Teilnahme an der Bew 
der modernen Kunst habe ich mich in m 
bescheidenen Rahmen um dieses Erkenne 
müht, und so erscheint es mir überaus va 
wenn man heute bereits ganz sicher seir 
daß die Arbeiten eines Kline die eines 
überholt haben. 
Ebenso unmöglich erscheint es mir, schon 
sagen zu wollen. ob diese oder jene von de 
schiedenen Richtungen der Malerei von hei 
die weitestentwickeite oder zeitgerechtes 
gelten hat. Ich sehe keinerlei Notwendigki 
solche Prophezeiungen. Jedes wesentliche 
werk hat sein Eigenleben und seine Ausstra 
und das ist in Wirklichkeit alles. was zählt. 
Es ist natürlich, daß ein überzeugter abst 
Maler einen Rouauit nicht wirklich schützen 
oder ein Expressionist wie der junge Kakc 
mit einem Abstrakten wie Braque selbst 
slandenerweise nichts anzufangen weiß. 
dies bei einem Maler verständlich ist e der 
Malerei ist ja sein Glaubensbekenntnis -, s: 
es doch auch Menschen geben, die die M 
und Bildhauerei lieben und trotzdem so 
außen stehen, daß sie verschiedene Richt 
verstehen und schützen können. Aber sogar 
den Malern hat es immer welche gegebe 
andere Richtungen. ia Gegensätze zu scl 
wußten, z. B. hat Toulouse-Lautrec Sisley Wl 
geliebt und Picasso den Henri Rousseau sozt 
überhaupt entdeckt. Es scheint mir dahel 
der vornehmsten und wichtigsten Aufgabe 
Akademie zu sein. die dauernde künstie 
und geistige Qualität zu suchen und sie zu fö 
wo immer die jeweilige Entscheidung 
mag. 
Dies wird sehr verständlich und klar. wen 
bedenken, wie vielfältig und weitgespanr 
Tätigkeitsbereich und der Aufgabenkrei: 
verschiedenen Meisterschulen der Akadern 
Es ist wohl sicher. daß z. B. ein großes Alt 
eine andere künstlerische Ausdrucksform 
geistige Haltung erfordert als ein Wandt 
einer Hotelhalle oder daß die graphisch: 
stratlon von Kafka eine andere Ausdruci 
finden mag als das Porträt eines großen 5 
spielers. 
Diese Vielfalt kann Reichtum bedeuten uns 
nicht notwendigerweise Chaos und Willküi 
Sie bedeutet eine Herausforderung an l 
geistigen Kräfte, Wesentliches zu unterscl 
von Unwesentlichem A von Mode und JK 
Wie schwer rnir dies erscheint, habe ich 
früher gesagt. Aber denken wir zur Ermu 
und Bestärkung an Walter Gropius - er ist 
einer der einflußreichsten Kunsterzieher, 
Weimar. Dessau oder auf der Universi 
Harvard. Wie immer seine Schwächen sein i 
- und jeder von uns hat die seinen w. mar 
ihm sicher nicht vorwerfen, daß er charal 
ist. Und dennoch hielt Gropius es für richti 
mit seinen Grundsätzen vereinbar. Gegensät 
den Metaphysikerlohannes ltten und einen v 
schoftlich ausgerichteten Intellektuellen wieM 
Nagy - einen Lyriker wie Paul Klee und 
so kühlen Kopf wie Oskar Schlemmer - 
Feininger zu gleicher Zeit mit Kandinsky . 
rufen. 
Heute sind all diese Namen untrennbar rr 
Geschichte der modernen Kunst verbunde 
diesem unerhört offenen Weitblick und 
reichen Vielfalt als Erziehungsprogramm r 
ich meinen Rückblick schließen. Er soll Ul 
stärkung sein für die vor uns liegende Arbe
	        

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