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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 86)

Wer seine Kunst nicht kennt. könnte versucht sein, 
aus dieser knappen Charakterisierung zwei Ge- 
fahren erwachsen zu sehen: das Abgleiten ins 
Dekorative und die Nähe zur bloßen Photographie. 
Tatsächlich ist die Kunst von Hans Thomas diesen 
Gefahren in keiner Weise ausgesetzt. Vor dem 
Abgleiten ins Dekorative bewahrt ihn eine liebe- 
volle. sehr eingehende Beobachtung der Natur. 
Seine reinen. endgültigen Formulierungen sind 
nicht in virtuoser Kalligraphie leicht hingeschrie- 
ben. sondern sind das Ergebnis vieler Skizzen. von 
denen aber im Verlauf des Schaffensprazesses alles 
Zufällige, Überflüssige entfernt wird. bis die aus- 
gereifte, makellose Lösung sich ergeben hat. Der 
Gefahr bloßer photographischer Treue wirkt die 
überaus differenzierte und reiche Formensprache 
des Künstlers entgegen. Er versteht es. allein im 
linearen Umriß das Wesen eines Dinges, einer 
Bewegung. einer räumlichen Situation zu erfassen. 
Darum begnügt er sich oft mit der Tusche. wobei 
dann das Schwarz dieses edlen Materials mit dem 
Weiß des Papiers, dem die fast zärtliche Liebe des 
Künstlers gilt. in wirkungsvollem Kontrast steht. 
Oft wieder arbeitet Hans Thomas mit einer reichen 
Skala zarter Grouwerte. die manchmal mit einer 
besonderen Technik -- flüchenhafte Schummerung 
mit hürtestem Graphitstift - erzielt werden. Ebenso 
häufig aber sind die Blätter des Künstlers mit 
Aquarell- und Deckfarben gearbeitet. wobei Farb- 
slimmungen von pastellhotter Zartheit oder aber 
auch von dunkler Glut entstehen. Scheinbar zu- 
fällige Ausschnitte sind in Wirklichkeit Meister- 
werke raffinierter Flüchenaufteilung. So entsteht 
ein magisches Zwischenstadium zwischen Realität 
und Abstraktion. wobei ein an sich scheinbar tech- 
nisches Kriterium. nämlich ..Exaktheit". aufebenso 
sinnfüllige wie schwer erkldrbare Weise zur künst- 
lerischen Qualität wird. 
Hans Thomas fühlt sich besonders zur ostasiati- 
schen Kunst. vor allem zu der Japans. hingezogen. 
Es sind nicht nur die formalen Werte dieser Kunst. 
die ihn anziehen, sondern auch deren verwandte 
innere Einstellung. Auch in Ostasien sieht ja der 
Künstler im Einzelnen immer das Allgemeine. Auch 
in Ostasien steht ja das Individuum immer als Ver- 
treter der ganzen Schöpfung. 
Wdre man genötigt. den Standort der Kunst von 
Hans Thomas schlagwortartig zu umgrenzen. mit 
all den Gefahren einer solchen vergröbernden 
Vereinfachung. dann könnte man vielleicht sagen: 
Seine Kunst steht aufeiner geraden Linie zwischen 
Albrecht Dürer und Japan und hält sich in gleichem 
Abstand von Naturalismus und Abstraktion. 
Der Betrachter der graphischen Blätter von Hans 
Thomas sieht gewissermaßen durch ein geheimnis- 
volles Instrument, vergleichbar einem Mikroskop 
oder Fernrohr. auf eine Welt, die er zu kennen 
glaubt. und entdeckt plötzlich durch das Auge des 
Künstlers an den Dingen eine ganz neue Schön- 
heit oder er erlebt die ihm vertraute Schönheit 
in einer aufs höchste gesteigerten Intensität. 
Professor Hans Thomas ist Lehrer an der Graphi- 
schen Lehr- und Versuchsanstalt, und man kann 
verstehen. daß er für diese Berufung überaus ge- 
eignet ist. Zeigt er doch in besonders eindrucks- 
voller Weise einen der Wege. die in das Geheimnis 
der Verwandlung von Realität in Kunst führen. 
7 Hans Thomas, Wiesensiück. 1965. Aquarell
	        

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