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Full text: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 87)

sind einerseits durch die Gesten des 
Heiligen, durch den Pfeil, den Ahtstab, 
die Silhouette des Felsens und durch die 
Haltung des Jägers, anderseits durch den 
Baum, das Kreuz und den knienden 
König bestimmt. Dies ist aber nur ein 
Hachiges, ordnendes Gerüst, entscheidend 
sind die räumlichen Elemente: die aus 
dem Dunkel ragenden sprechenden Gesten 
sowie das Visionäre Licht, das die wesent- 
lichen Teile beleuchtet und hervorhebt. Die 
eigentliche Kraft liegt in der Farbigkeit. 
Aus dem schwarzen Grund, von dem sich 
der Heilige mit seiner dunklen Kutte kaum 
abhebt, aus der nur der goldbraune Ton 
des Kreuzes hervortritt, leuchtet das silbrig- 
graue Festkleid des Jägers mit der blauen 
Schärpe. Die rosigen Tönungen der Ge- 
sichter und das rote Barett des Jägers 
lockern die Farbskala auf. Alles ist auf 
wenige Grundfarben abgestimmt. Um so 
unwirklicher und magischer erscheint das 
grelle Licht auf den Köpfen, Händen und 
oben bei der Puttogruppe. (iiitig ist die 
Erscheinung des Mönches, gebannt der 
ganz realistisch erfaßte König. Und gerade 
von dieser Gegenüberstellung der Realität 
und der Vision geht die unerhört innere 
Spannung aus. Sie verklingt in den Rand- 
tiguren. Hier sieht man die ganz naiv 
gemalte Hirschkuh, den romantisch wirken- 
den jungen Jäger, der neugierig zusieht, 
und die zwei Putten im Himmel. ln dieser 
visionären Gruppe xxtird die Spannung der 
Auffassung besonders deutlich, denn gerade 
hier stellt der kokette Blick des linken 
Engels eine direkte Beziehung zum Be- 
schauer her. Der Künstler setzt sich durch 
diese Unmittelbarkeit über die Legende und 
die Vision einfach hinweg. Man könnte 
darin einen Zug des launischen Rokokos 
erblicken. 
Das Gemälde, das auf Leinwand gemalt ist, 
rnißt 350x187 cm. Es wurde 1964 in den 
amtlichen XVerkstätten des Bundesdenk- 
malamtes von Frau Prof. Franziska Jaksch 
restauriert und von Ubermalungen befreit. 
Ein älterer Riß, der sich in der unteren 
Hälfte des Gemäldes durchzieht, wurde 
retuschiert. Der Erhaltungszustand ist bis 
auf geringfügige Fehlstellen gut. Das Bild 
weist keine Signatur auf, doch kann man, 
den Feststellungen von Frau Dr. Garas 
folgend, in der Maulbeerptlanze (rechts von 
der Hirschkuh) eine Art Signatur er- 
blickenll. Die stilistischen Eigenheiten 
lassen keinen Zweifel an der Eigenhändig- 
keit des bedeutenden Gemäldes aufkom- 
men. 
Franz Anton Maulbertsch hat das Thema 
des hl. Ägydius noch zweimal gemalt: 
1759 für die Pfarrkirche in Lichtenau und 
1795 als Fresko für die Gumpendorfer 
Pfarrkirche in Wien. Beide Darstellungen 
sind verschollen. Es kommt dem Hoch- 
altarbild von Hagenberg daher besondere 
Bedeutung zu. Vielleicht eröffnet die Publi- 
kation des Gemäldes noch weitere interes- 
sante Zusammenhänge. Ein Gewinn wäre 
es auch, wenn die im Vertrag genannte 
Skizze auf Grund der Abbildung identi- 
Bziert werden könnte. 
26 
Kurt Rnssacher 
CARLO CARLONES ENT- 
WURFSSKIZZE FÜR DIE 
DECKE DES TREPPEN- 
HAUSES IN SCHLOSS 
BRÜHL 
Aus englischem Privatbesitz tauchte im 
Auktionshaus Christie's in London (LApril 
1966) ein ungewöhnlich großer Entwurf 
Carlo Carlones für ein Deckenfresko auf 
(Öl aufLeinwand, l4O X 125 cml). Während 
der Katalog nur die allgemeine Beschrei- 
bung „Triumph der Künste über die 
Barbarei" gab, war es für Kenner sofort 
klar, daß es sich um den Entwurf für 
Carlones großartigstes Spätwerk, die Decke 
des Treppensaales des Schlosses Augustus- 
burg zu Brühl bei Köln, handelte 1. 
Wie eine riesige Rocaille durchzieht in 
diagonaler Richtung eine mächtige Sturm- 
wolke den Himmel, auf der unter einem 
Baldachin Kurfürst Clemens August von 
Köln thront, zu seiner Rechten die Alle- 
gorie der Baukunst mit den Plänen des 
Schlosses Brühl; vor ihm liegen die 
lnsignien seiner Würde, der Erzbischofshut 
und der kölnische Kurhut. Mit seiner 
Linken gebietet er den Künsten. Rechts 
außen die Allegorie der Malerei, über ihm 
trompetenblasende Ruhmesengel, unter ihm 
in dunkler Gewitterstimmung die Mächte 
der Finsternis und der Barbarei, die der 
Erzengel Michael in die Tiefe stürzt. 
Der Entwurf ist der Ausführung an 
Dynamik weit überlegen. Der Künstler 
wölbt über dem großen Festsaal des 
Treppenhauses, einem der glanzvollsten 
Räume des deutschen Rokoko, einen 
kühnen künstlichen Himmel, in dem die 
Naturgewalten, Winde und Wolken, eins 
werden mit den Gestalten aus der christlich- 
heidnischen Bildungswelt des Barocks. 
Die Freskierung der Decke erfolgte nach 
der Neugestaltung des Treppenhauses durch 
Balthasar Neumann bis 1750. Carlone, der 
in den Schlössern Mitteleuropas schon 
bedeutende Leistungen erbracht hatte (Linz, 
Landhaus, 1717, Wien, Belvedere, Ansbach, 
Passau und Ludwigsburg), hat hier den 
durch ihn entwickelten Typus der Huldi- 
gungsallegorie zu einem besonders glanz- 
vollen Höhepunkt geführtl. Wenn wir 
Carlones Brühler Treppenhausdecke mit 
der zweiten berühmten Treppenhausfres- 
kierung in Deutschland, mit Gianbattista 
Tiepolos Fresko in der Residenz zu Würz- 
burg, vergleichen, fällt dieser Vergleich hin- 
ANMERKUNGEN l-5 
l Katzlog Christie's. i. April 1966. Nr. 89. Abbildung. 
TVgI. Kurfürst Clcmcns August, Landcsherr und Mäzen 
des 18. jahrhundcrts, Ausstellung in Schloß Auguslusburg 
zu Brühl 1961. Katalog. Tnfcl 8. S, HBtT. 
1 Vgl. die Kompusiliun a" a3 11m frühzr enlstpndcnen 
Linzcr Decke des Landhzuscs. di: durch eine Olxkizz: 
überliefert ist. - Klar: Garn. Carlo Caxkmcs Linux 
Drckcngcmäldc, m: „Alte und Moderne Kunst" aonsas. 
ÄKIIXI Garis, Cirlu Cnrlone und die Dcckcnmalerei in 
Wien m Anfang des 1a. jahrhundcnx. in: "Am Historiae 
Axtium". Acadcmizc scientizrunx Hungariczd, V1". 
Fasc. 374. Budapest 1962. S. 26m. 
5 Der Zuschlz zrfxllglc zum höchsten. bisher fur eine 
Ölskizze bcm llen Preis: 3500) Guinrtn. das sind 1000117 
Dollar.
	        

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