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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 88)

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Die Wirkung der geschwärzten Gravierung 
in den Tierfriesen auf einer niederländischen 
Trochusmuschel (Abb. 32) beruht in erster 
Linie auf dem Gegensatz zu der matt und 
glänzend schimmernden natürlichen Ober- 
fläche; in der Komposition paßt sich die 
bildliche Darstellung der Naturform an in 
einer Weise, die ihren Höhepunkt in dem 
unheimlich erscheinenden Fisch-Drachen- 
Kopf im Muschelinneren erreicht. 
Vor der weiblichen Gewandfigur antiki- 
schen Charakters erscheint auf Franckcns 
Wiener Bild (Abb. 31) die Ton- oder 
Marmorstatuette Christus an der Säule in 
dem von Frangois Duquesnoy geprägten 
Typ, der für das ganze 17. und frühe 
18. Jahrhundert vorbildlich wurde 24. Und 
Duquesnoys Figuren sind es auch, die 
neben den Werken der Antike in Sandrarts 
eigener Kunstkammer in Reduktionen 
ersten, beispielhaften Rang einnehmen: 
„Der Hercules, wie er zu Rom in Pal. de 
Farnese steht, in Gips. Die Griechische 
Venus, wie sie zu Rom in Pal. de Medices 
steht, von Gips . . . Die Susann von Fran- 
cesco (Duquesnoy), wie sie zu Rom steht . . . 
Der heilige Andreas zu Rom bey S. Pe- 
ter.. ." (Sandrart). - Ein kleines, 1662 
datiertes Specksteinköpfchen eines nieder- 
ländischen (F) Meisters (Abb. 33) zeigt 
die unmittelbare Einwirkung des Duques- 
noy'schen Susannentyps. Die Vorbilder- 
sammlung in der Werkstatt des deutschen 
oder flämischen Barockbildhauers, die wir 
aus zahlreichen Nachlaßinventaren, etwa 
des Frankfurters Justus Glesker, kennen, 
und die Kunstkammern der Fürsten und 
reichen Patrizier waren der Ort für die 
Aufstellung zahlloser Antikenreduktionen 
in Bronze, Gips, Ton oder Elfenbein. 
Bekannt ist der Briefwechsel des Fürsten 
von Liechtenstein mit dem Florentiner 
Bildhauer Massimiliano Soldani, die Über- 
sendung von Antikennachgüssen betreffend. 
Und selbst oder gerade für das 18. Jahr- 
hundert, die Zeit der Akademien mit 
ihrem Reglement, verdeutlicht eine 1732 
datierte Elfenbeinstatuette des sogenannten 
„Apollino" (Abb. 34) des auch in England 
tätigen Pieter II. Schecmackers noch die 
verpflichtende Vorbildlichkeit des antiken 
Formenkanons. Stichvorlagen mögen als 
Zwischenglied gedient haben, wenn der 
Bildhauer nicht selber auf der „Wander- 
schaft in die Fremde", „nach Rom, zu 
mutter und schul der Künste" die Originale 
nachbossierte. So fertigte Balthasar Stock- 
amer für den Florentincr Kardinal Leopoldn 
von Medici in Rom Antikenkopien in 
Elfenbein. 
Die noch im 16. Jahrhundert in Italien 
gegossene Bronze nach dem Kaiser-Marc- 
Aurel-Standbild (Abb. 35) steht für 
eine Reihe VOR Nachbildungen und Re- 
duktionen ßuCh aus dem 17. Jahrhundert, 
während Perels 25 machtvolle Elfenbein- 
gruppe Herkules mit dem nemäischcn 
Löwen (Abb. 36) in der Erfindung eine 
nur ein halbes Jahrhundert ältere ebenfalls 
italienische Bronze vorauszusetzen scheint. 
Auf einem Ebenholz- oder mit Elfenbein 
eingelegten dunklen Holzsockel, in der 
rahmenden Umgebung eines dunklen Kunst- 
kammerschrankes, erzielt die zum Teil 
spiegelglatt polierte Elfenbeingruppe erst 
ihre eigentliche, dem barocken Betrachter 
in all dieser Gegensätzlichkeit willkom- 
mene Wirkung. Zusammen mit einer großen 
Halbedelsteinkanne, Perlenschnüren, Mu- 
scheln, Korallen, emaillierten Anhängern 
und 2 Silberschalen mit Trägerflguren 
erscheint auf dem heute noch in Berlin! 
Köpenick erhaltenen Gemälde des Georg 
Hintz (Abb. 37) eine der PetePschen 
Herkulesgruppe mit dem Löwen verwandte, 
die die Beliebtheit des Themas und des 
Materials erweist. Überhaupt scheint die 
Vorliebe des Malers den Elfenbeinwerken 
zu gelten; der Pokal in der Mitte ist - 
von Details abgesehen - der gleiche wie 
der auf dem Hamburger Bild dargestellte, 
der Humpen links zeigt auf seiner Wandung 
das wohl für dieses Gefäß beliebteste Motiv 
des Barock - ein Kinderbacchanal in der 
Art der Schnitzer Jean Mansel, Jan Cosyns, 
Scheemackers u. a. aus der Nachfolge 
Duquesnoys und Faydherbes. 
Im Typ - mit dem kurzen Lauf - etwas 
von den dargestellten Reiterpistolen ab- 
weichend, zeigt die italienische Steinschloß- 
pistole des frühen 18. Jahrhunderts auf den 
Beschlägen ornamentale und Figürliche 
Treib- und Gravierarbeit (Abb. 38). Diese 
Waffen wirken merkwürdig fremd in dem 
Ensemble der „Curiosa und Rariteyten". 
Nicht zu den „antiquei-i", sondern zu den 
„modernen" Vorbildern zählt das Werk 
Berninis, als des für die Bildhauerei des 
17. Jahrhunderts nördlich der Alpen we- 
sentlichsten italienischen Bildhauers. Die im 
Sinne manieristischer Ideale wieder stark 
gedrehte Gruppe des Raubes der Proserpina 
(Abb. 39) nach Gianlorenzo Berninis auf 
eine Ansicht komponierter Marmorgruppe 
in der Galleria Borghese in Rom ist das 
Werk eines niederländischen Schnitzers. 
Sie übersteigt in der Größe schon die Art 
der typischen Kunstkammerstücke und 
fand möglicherweise Aufstellung auf einem 
„postamentW vor oder zwischen den 
Schränken eines Kabinetts oder in einem 
ausgesprochenen „bildersaal". In der glän- 
zend dunklen Tönung des Holzes wird 
oEensichtlich der Charakter einer Bronze 
nachgeahmt. Der kraftvollen, aber etwas 
derben Form der Umwandlung des Schnit- 
zers fehlt 7 nicht nur wegen des anderen 
Materials ä das, was Sandrart an Bernini 
im hohen Maße lobt, „Daß niemal einige 
solche Arbeit weder von denen Antichcn 
noch modernen gesehen worden, sintemal 
der Marmelstein so zart und sauber, ia 
besser als das Wachs gemeistert worden." 
Werk zweier Künstler am Prager Hofe 
Kaiser Rudolfs II., des Edelsteinschneiders 
und Kristallschleifers Ottavio Miseroni 
und des Goldschmieds Paulus van Vianen, 
ist die monumentale Jaspiskanne mit einer 
Nereide und hieerdrachen (Abb. 40). Denn 
„Mayenkrüge. Mancherlay schöne silberne 
trinckhgeschürr. treffliche schöne Christal- 
line geschürr, auf mancherlay art. Schöne 
Agatine: und Jaspine geschürt, in gold 
gefasset", wie es in Hainhofers Innsbrucker
	        

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