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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 88)

Wanda Aschenbrenner 
ZWEI B1 S H E R 
UNBEKANNTE GEMÄLDE 
PAUL TROGERS 
Nach dem Erscheinen der Troger-Mnno- 
graphie zu Weihnachten 1965 tauchten 
diverse Troger-Bilder auf, von denen 
zwei bisher unbekannte besonders er- 
wähnenswert und vor allem einwandfrei 
gesichert sind. Das eine Bild, eine wert- 
volle Ölskizze in Wiener Privatbesitzl (Öl 
auf Leinwand, Höhe 40,7 cm, Breite 48 cm), 
ist der Entwurf für das Fresko im linken 
Kreuzarm des Domes zu Brixen in Süd- 
tirol und stellt eine Episode aus der Legende 
des hl. Kassian dar, des ersten Bischofs 
von Säben, des Patrons des Bistums 
Brixen. Der Heilige befindet sich auf einer 
Rompilgerfahrt und betätigt sich als Lehrer. 
Er ist in einem Scherenstuhl sitzend 
dargestellt, auf der Terrasse vor einem 
klassischen Gebäude, und unterrichtet heid- 
nische Kinder. Eine größere Anzahl von 
Knaben umringt ihn, die auf der Terrasse 
selbst oder auf den emporführenden Stufen 
verteilt sind und eifrig in Büchern lesen 
oder diskutieren. Die lernbegierigen Kinder 
bilden natürliche und anmutige Gruppen 
und einige wenden sich vertrauensvoll und 
interessiert an den Lehrer. Den Hinter- 
grund des mit einer schwungvollen Balu- 
strade und Schmuckvasen abgegrenzten 
Gebäudes bildet eine verdämmernde ita- 
lienische Landschaft. Am Himmel schwebt, 
von stimmungsvollen Wolkenbildungen 
umgeben, eine lichte, reizvolle Engelgruppe 
mit Bischofsstab und -mütze, mit Märtyrer- 
kranz und Palme, den Emblernen des 
Bischofs von Säben und des Märtyrers von 
Imola. Die Komposition ist außerordentlich 
harmonisch gestaltet, die für Troger so 
charakteristische Verbindungslinie von Fi- 
gur zu Figur verleiht der Darstellung 
Bewegung und Geschlossenheit. Eine be- 
sonders schöne, gut durchgezeichnete 
Gruppe bilden die auf der obersten Stufe 
der Treppe stehenden, einander zugewand- 
ten Knaben. Zu voller Harmonie trägt 
auch die ovale, das Bild umschließende 
Rahmung bei. Die präzise zeichnerische 
Gestaltung, wie wir sie aus den zahlreichen 
Graphiken des Künstlers kennen, die 
glänzende malerische Behandlung, die mo- 
dellierenden Helldunkeleffekte zeigen die 
unverkennbare Handschrift des Künstlers. 
Das Fresko stimmt rnit dem Entwurf weit- 
gehend überein. Diesem fehlt jedoch die 
rahmende Architekturmalerei des Freskos. 
Die abgerundete Formung ist beibehalten, 
nur nähert sie sich im ausgeführten Fresko 
mehr dem Kreis. 
Das Gegenstück dieses Freskos im rechten 
Kreuzarm zeigt den hl. Kassian als Bischof, 
wie er eine heidnische Götterstatue zer- 
stören läßt. Von diesem Fresko wurde noch 
kein Entwurf aufgefunden, auch keine 
Zeichnung, während die Ölskizzen aller 
übrigen Brixener Domfresken bekannt sind. 
Der Entwurf für das Chorfresko „Auf- 
nahme Mariä in den Himmel" befindet sich 
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im Tiroler Landesmuseum (Inv.-Nr. 1089). 
Für das großartige Hauptkuppelfresko 
„Anbetung des göttlichen Lammes" gibt 
es zwei Fassungen von Ölskizzen, in der 
Österreichischen Galerie in Wien (Inv.- 
Nr. 4223} und im Diözcsanmuseum in 
Brixen (Inv.-Nr. 185). Auch die Zeichnung 
im Budapester Museum der schönen Künste 
(Inv.-Nr. Sßjl K) zeigt eine Teilskizze zu 
dem Hauptkuppelfresko. Im Salzburger 
Privatbesitz befindet sich ein Entwurf für 
das Orgelchorfresko, und die Ölskizze für 
das Fresko „Die Fußwaschung" in der 
Sakristei besitzt das Bozener Stadtmuseum. 
Im Jahre 1753 verfertigte Troger auch ein 
großes Altarbild für den Dom „Die Marter 
des hl. Kassian", zu dem drei Ölskizzen 
vorhanden sind: im Landesmuseum Fer- 
dinandeum in Innsbruck (Inv.-Nr. 1268), 
in der Österreichischen Galerie in Wien 
(Inv.-Nr. 2169) und im Stadtmuseum in 
Bozen (ehemals im Museum Bruneck). Es 
ist zu hoffen, daß sich auch die Ölskizze 
für das Fresko im rechten Kreuzarm Findet, 
dann wären die Entwürfe für das in den 
Jahren 174871750 geschaffene Hauptwerk 
Trogers im Brixener Dorn vollzählig. 
Das zweite Bild (Öl auf Leinwand, 11OX 
131 cm) hat Kurt Rossacher in Rom unter 
der Bezeichnung „Österreichischer Maler" 
entdeckt und befindet sich nun im Besitze 
der Residenzgalerie in Salzburg als würdiger 
Vertreter Trogefscher Kunst. 
Infolge der außerordentlich stark ausge- 
prägten Bildcharakteristika dieses Künstlers 
wurde es sogleich Paul Troger zugeschrie- 
ben. Die ausdrucksvolle Sprache der Hände, 
die harmonische Kompositionslinie, die 
natürlich-erzählerische Darstellung, die an 
seinen Lehrer Giambattista Piazzetta er- 
innernde, die Gestalten forrnende Hell- 
dunkelmalcrei sind für Troger kennzeich- 
nend. Die beiden Männer auf der linken 
Seite des Bildes zeigen große Ähnlichkeit 
mit den Gestalten der Zuhörenden auf den 
von Troger signierten und datierten Bildern 
„Christus bei Nikodemus" und „Der 
zwölfjährige jesus im Tempel" im Ursu- 
linenkonvent in Salzburg-Glasenbach. Ge- 
sicht und Gestaltung der weiblichen Figur 
läßt ebenfalls an den Venezianer Piazzetta 
als Vorbild denken. Bei der hervorragenden 
Restaurierung durch Edmund Blechinger 
kam auch die Signatur „P. Troger fec." 
rechts unten zum Vorschein. 
Das Bild ist voll Anmut und Ausdrucks- 
kraft, voll Ausgeglichenheit, voll Licht- und 
Farbsymbolik. Das Licht konzentriert sich 
auf das Mittelstück Frau und Kind, streift 
die sprechenden Hände und gliedert durch 
Lichtrcflexc die anderen Gestalten in die 
Szene ein. Die Mitte des Bildes nimmt eine 
Frau in modischer Kleidung ein, die mit 
anmutvollcn Bewegungen einen Knaben 
hält, der die Ärmchen ausbreitet und mit 
dem linken Fuß auf einen goldenen Kron- 
reif tritt. Rechts von beiden, etwas tiefer, 
sitzt unter einem Baldachirx auf einem 
Thronsessel eine männliche Gestalt mit 
einem Überwurf über der linken Schulter, 
der auf der rechten mit Spangen gerafft 
wird. Den Körper umschließt ein enges 
Gewand. Der Mann wendet sich mit 
ausdrucksvoll erhobenen Händen zur Mit- 
telgruppe. Ihm gegenüber, auf der linken 
Seite, blicken zwei Männer mit großer
	        

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