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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 88)

man sie kaum angreifen kann", „ein reiten- 
der Türck, welchen man ziehen kan", 
das sind echte Kuriosa und Stücke des 
Raritätenkabinetts. 
Ist der Pokal des uns namentlich noch 
nicht bekannten süddeutschen (P) Mono- 
grammisten B. G. ganz aus Elfenbein ge- 
schnitzt und gedrechsclt (Abb. 19) und 
gibt er den Einfluß niederländischer Stiche 
zu erkennen 19, so wirkt der hohe Humpen 
des in Augsburg tätigen Goldschmieds und 
Elfenbeinschnitzers Bernhard Strauß (Abb. 
20) sowohl wegen seiner absoluten Größe, 
der silbervergoldeten Fassung als auch 
durch die relative Größe der Götterfiguren 
an der Wandung und auf dem Deckel. 
Dargestellt ist eine Götterversammlung 
mit Minerva, Venus u. a. . . In dem auf dem 
Bild von Hainz (Abb. 18) rechts unten 
dargestellten Humpen liegt möglicherweise 
eine Arbeit des gleichen Werkstattkreises 
vor. Seit Erzherzog Ferdinand von Tirol 
hatte fast jeder Hof seine Drechselwetkstatt 
vor allem für Elfenbein, viele Fürsten w 
Kaiser Ferdinand III., Kaiser Leopold I., 
Kurfürst Johann August von Sachsen 
oder der Landgraf Carl von Hessen u. a. - 
gaben sich selber dieser Liebhabertätigkeit 
hin. Es ist hinlänglich bekannt, daß gerade 
Elfenbeinarbeiten aller Art, „Cupido sambt 
bogen und pfeil von helfenbein", „2 pocal 
von helfenbein in Nürnberg erkauft", 
„1 pulverl-lasche von helfenbein, schildkrot 
und ebenholtz", „1 Cruceiix von helfen- 
bein, 1 todtenkopf von helfenbein" u. a., 
wie sie gerade auch im Inventar der Herzöge 
von Sachsen-Laucnburg 1666 genannt wer- 
den, zu den beliebtesten Gegenständen der 
Kabinette gehören, besonders aber auch 
die im 17. Jahrhundert weit verbreiteten 
Pokale und Humpen mit bacchischen, 
mythologischen Darstellungen und Jagd- 
szenen, meist Hämischer oder süddeutscher 
Herkunft. 
Die Gedenkmedaille auf die Errichtung 
der berühmten Hamburger Michaelis-Kirche 
(Abb. 21), 1665 von Joachim Henne ge- 
schnitten, besitzt vor allem auch lokal- 
historischen dokumentarischen Charakter. 
Der Aufbau der Kirche seit 1649 ist auf 
das engste mit dem Namen des Bürger- 
meisters Barthold Moller verbunden, dessen 
Familienwappen links außen an dem Obe- 
lisken 7 typisch für das Emblemdenken 
des Barock isichtbar ist. v In ganz anderer 
Weise erweckt die viel- und kleinteilige, 
weniger geschnitzt als gepickte und ge- 
stoßene Elfenbeingruppe des Engelsturzes 
(Abb. 22) süditalienischer Provenienz das 
Interesse an der technischen Virtuosität, 
aus einem großen Stück des Elefanten- 
zahns den gitterartigen Figurenauf hau ent- 
stehen zu sehen. Neben dem Reiz des 
Kuriosen und Seltencn tritt der künstle- 
rische Aspekt weit zurück. 
Ohne Marken, jedoch wahrscheinlich Augs- 
burger Herkunft, zeigt die muschclförmige 
Fußschale aus Elfenbein (Abb. 23) mit 
silbervergoldeter Monticrung Z0, zu welcher 
Leichtigkeit der Formen der Künstler 
dieses vielleicht als Konfektschale ge- 
brauchten Tafelaufsatzes trotz des harten 
Werkstoiies gelangen konnte. Die Vorbilder 
der Goldschmiedekunst und des Bronze- 
gusses sind jednch nicht zu verleugnen. 
Trotz der gedrungenen schweren Baluster- 
formen des Stieles erscheint die venezia- 
nische Netzglasschale (Abb. 24) zumindest 
ebenso elegant und leicht in ihren Formen 
wie das Aehatgefäß links unten auf dem 
Gemälde von Hainz in der Hamburger 
Kunsthalle (Abb. 18). jedoch gehörten, 
wie aus dem Ambraser Inventar zu ersehen 
ist, nicht nur zweckgebundene Glasschalen, 
-pokale, -becher und -flaschen zum Bestand 
einer Kunst- und Wunderkammer, sondern 
vor allem kleine Schmuckstücke, Tiere, 
Blumen, Ketten u. ä., seltsamste Figuren 
der Fabel- und Komödienwelt. „Nlancher- 
ley schöne spiegel von cristall und andern 
schönen gläsern" (Hainhofer, Dresden). 
Waren Nürnberg, Augsburg und München 
auch gerade für die Elfenbeinkunst des 
17. Jahrhunderts von großer Bedeutung 
geworden, so stammen die Gläser nicht 
nur aus dem berühmten Venedig (Murano) 
und aus den Niederlanden, sondern immer 
häufiger auch aus den Glashütten und 
Malerwerkstätten Süddeutschlands, etwa 
aus Nürnberg, wohin man auch die beiden 
Gläser des Hainvfschen Bildes lokalisieren 
möchte. 
Schon ein erster Blick in die Räume der 
Gottornschen Kunstkammer der Herzöge 
von Schleswig-Holstein (Abb. 25) verrät, 
daß hier i ähnlich wie im Museo Cospiano 
- die „naluralirf in Gestalt von Gerippcn, 
ausgestopften Fischen, Muscheln und 
Schnecken den Vorrang vor den künst- 
lichen Raritäten, den Bildern oder Idolen 
haben. „Eine gleichmäßig raue Art der 
Menschen sind die Grönländer, welche in 
der Gottotfischen Kunstkammer . . . nach 
den Originalien von 1654 hereingebracht 
zu sehen." Welche unmittelbare Nähe 
Kunst- und Naturform gerade im Sinn 
der Werke der „Kunst- und Wunder- 
kammer" haben können, zeigt das Beispiel 
einer oberitalienischen Bronzeeidechse des 
16. Jahrhunderts (Abb. 26), der ein Natur- 
abguß zugrunde liegt. Es sei an dieser 
Stelle außer auf die frühen Bronzen Riccios 
nur auf die manieristischen Goldschmiede, 
und Bronzearbeiten der Jamnitzer-Werk- 
statt und auf die oft mit Kriechtieren aller 
Art gefüllten Schüsseln und Schalen Palissys 
verwiesen. Solche Einzelhguren haben 
meist nur rein abbildenden Charakter; das 
Interesse an der Naturform überwiegt. 
Von gänzlich anderer Art ist die Bedeutung 
eines in eine sehr feine Filigranfassung 
montierten Bezoarsteincs (Abb. 27). Die 
konzentrischen Schichten der Darm- bzw. 
Magenablagerung sind gut sichtbar, mit 
seiner Größe und dem Gewicht von 
210 Gramm übertrifft dieser Stein die sonst 
nur haselnußgroßen Stücke 21. Sie alle 
dienten als Amulett gegen das Böse, gegen 
Krankheit und Unheil. So forderte die 
Markgraf-in Sibylla Augusta von Baden den 
Bezoarstein von ihrer Schwester, als sie 
bei der Geburt des ersten Kindes seine 
glückbringende Wirkung erhoffte. Gerade 
solche bedeutungsbeladenen Gegenstände, 

	        

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