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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 88)

schwung Ungarns beitragen. 
Ungefähr zur gleichen Zeit aber begann 
Vince Stingl, ein Kleinbürger aus Sopron, 
sich mit Experimenten zur Porzellanher- 
stellung in Herend zu befassen. Da er arm 
war und nicht über genügend Kapital ver- 
fügte, dazu noch eine kinderreiche Familie 
zu versorgen hatte, mußte er mit Darlehen 
arbeiten und war also ständig in finan- 
zieller Bedrängnis. Trotz aller Schwierig- 
keiten gelang es ihm jedoch um 1838]39, 
Porzellan herzustellen. Sein Unternehmen 
kaufte im Jahre 1840 Moric Fischer, der 
schon 1839 als Pächter einer Steingutfabrik 
in Papa aufscheint. Da dieser über ein an- 
sehnliches Kapital verfügte und sehr ambi- 
tioniert war, außerdem auch Talent zur 
Porzellanmalerei besaß, waren alle Voraus- 
setzungcn gegeben, die eine günstige Ent- 
Wicklung garantierten. 
Fischer und seine Söhne erregten mit 
ihrem Unternehmen das Interesse Lajos 
Kossuths, der als Wortführer der indu- 
striellen Entwicklung sie mit allen ihm zu 
Gebote stehenden Mitteln förderte und 
propagierte. Auch konnte sich Fischer zur 
selben Zeit den Beistand seines Gutsherrn 
Karoly Esterhzizy sichern, der ihm die 
ersten Kunstporzellane zur Nachahmung 
lieh und seine Teilnahme auf der Wiener 
Gewerbeproduktenausstellung in die Wege 
leitete. Die wohl gelungenen Nachahmungen 
erregten in Wien allgemeines Aufsehen und 
damit war die künstlerische Richtung, in 
der sich die Produktion weiterhin entfalten 
sollte, entschieden. 
Als die Herend-Fabrik ab 1850 auf den 
großen internationalen Ausstellungen ihre 
Porzellane zeigte, die zumeist Stilkopien 
nach den Glanzleistungen der Porzellan- 
manufakturen des 18. Jahrhunderts waren, 
erntete sie wohlverdienten Beifall. Die 
Zeitgenossen rühmten die nachahmende 
Tätigkeit, deren Produkte sich kaum von 
den Originalen unterscheiden ließen. Doch 
nicht nur auf Stilkopien, auf „Wiederbe- 
leben und Wiedergabe", sondern über- 
raschte bei den Ausstellungen „mit kleinen 
Rätseln", wie Jakob Falke im Jahre 1873 
feststellte. Diese Bemerkung Falkes bezog 
sich in erster Linie auf die technischen 
Bravourleistungen der Fabrik, auf die be- 
weglichen Scharniere und Ketten aus Por- 
zellan. 
In der Zeit, in der Moric Fischer die Heren- 
der Fabrik leitete, wurde, trotz wirtschaft- 
licher Schwankungen, die einmal eingeschla- 
gene Richtung der künstlerischen Produk- 
tion beibehalten. Zu Beginn der neunziger 
Jahre versuchte man dann, eine Art ungari- 
schen Nationalstil in der Porzellanherstel- 
lung zu prägen. Dieser wagemutige Ver- 
such zeitigte sogar schöne Resultate. Es 
entstanden die Dekore von orientalischen 
Blütenzweigmotiven in Unterglasur- und 
Überglasurmalerei, deren sattes Blau mit 
den zusätzlichen Farben Purpur und Gold 
gut harmoniertcn. 
Um die Jahrhundertwende verschloß man 
sich auch in Herend nicht den neuen Ten- 
denzen des Jugendstils. Fischers Enkel 
Jenö von Farkashazy erwarb mit diesen in 
Dekor und Form außerordentlichen Por- 
zellanen viele Auszeichnungen, so z. B. 
1900 in Paris, Petersburg, St. Louis, 
Mailand und Turin. Was man heute an der 
Porzellankunst von Herend schätzt, sind 
weniger die erstaunlichen Nachahmungen 
und technischen Bravourleistungen, sondern 
das, was die Firma in ihrem beinahe 
lßüjährigen Bestand an originellen und 
charakteristischen Porzellanen hervorge- 
bracht hat. Das sind in erster Linie die 
Erzeugnisse mit dem für Herend eigen- 
tümlichen Blumen- und Früchtedekor 
sowie den köstlichen kleinen und grüßeren 
Vogelplastiken. Der Fachmann wird diese 
Erzeugnisse sowie die in ostasiatisehem 
Porzcllanstil sofort auf Grund ihres künstle- 
rischen Charakters als Arbeiten der Porzel- 
lanfabrik in Herend erkennen. 
 
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