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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 54 und 55)

Alte Wohnräume, im Museum aufgestellt, sind eine 
problematische Sache. Nicht so sehr darum, weil 
sie, allzu fühlbar „deplaciert" und zweckentfremdet, 
dem Durchschnittsbesucher trübselig öde erschei- 
nen, als geisterte dort der fade Alltag von einst; 
zumeist ist ja nur die Einrichtung echt, das Gehäuse 
aber recht und schlecht nachgebildet, ein natürlicher 
Kern in künstlicher Schale, und diese leialbheit wird 
gerade der interessierte oder sachkundige Besucher 
unangenehm emptinden. 
Den Besuchern des llistorischen Museums der 
Stadt Wien präsentiert sich innerhalb der vor einigen 
Monaten eröffneten Schausamrnlung des 19. und 
20. Jahrhunderts eines der schönsten Wiiener 
FImpire-Interieurs in voller Wirklichkeit: ein Salon 
aus dem heute noch bestehenden Palais Geymüller 
in der Xvallnerstraße, strahlend in Weiß und Gold 
und mit tiguralen und ornamcntalen Wanddekora- 
tiunen, die kunstvoll mit Temperafarben auf Seide 
gemalt sind. Den llaupteffekt bilden vier lebens- 
große, schwebende Frauengestalten, in zartfarbige 
Schleier gehüllt, die pompejanischen Fresken nach- 
gebildet sind. Um die vier Hauptfelder sind kleine 
proportionale Felder mit allegorischen Gestalten 
und längliche Ornamentfelder symmetrisch an- 
geordnet, und das ganze System wird durch Friese 
zusammengefaßt, oben durch einen Ornament- 
frics, unten durch einen Bilderfries mit regelmäßig 
wechselnden Motiven. Die spielenden Tritonen, 
die bunten Vögelchen und die reliefartigen Köpfe, 
die wir hier finden, sind ebenfalls aus der pompe- 
janischen Wandmalerei entlehnt. Die Felder aus 
brauner oder goldgelber Seide heben sich kräftig 
von dem Untergrund aus taubengrauer Seide ab, 
von dem sie überdies zartprofilierte weiß und goldene 
Llmrahrnungen trennen. Die Dekoration wird ver- 
vollständigt durch vier typisch klassizistische Supra- 
purten en grisaille, die vermutlich die Lebens- 
alter darstellen, durch zwei hohe Wandspiegel und 
einen Kamin aus grauem Bardigliomarmor mit 
Bronzebeschlägen und Fayenceverkleidung. Um 
Raumausschmückung zur vollen Geltung 
zu bringen, ist bei der Aufstellung im Museum auf 
Mobiliar weitgehend verzichtet worden - es 
beschränkt sich auf zwei Konsoltische und, nebst 
einigen anderen dekorativen Dingen, auf eine große 
Prunkvase der Wiener Porzellanmanufaktur von 
1817. Übrigens waren derartige Gesellschaftsräume 
auch zu ihrer Zeit eher spärlich eingerichtet, aus 
Gründen, die tief im ästhetischen Empfinden der 
Epoche wurzelnl). 
Der Salon befand sich ehemals im ersten Stockwerk 
des rechtsseitigen Hoftraktes des Palais in der 
XVallnerstraße 8. Das um 1688 für Feldmarschall 
Graf Aeneas Sylvius Caprara errichtete Gebäude 
hat oftmals den Besitzer gewechseltl). im Dezember 
1798 kauften es die Brüder Joh. Heinrich und 
Joh. Jakob Geymüller um 135.524 Gulden. Wenige 
Monate zuvor hatte dort Bernadotte als erster Bot- 
schafter der Republik Frankreich am Wiener Hof 
residiert, und hier war es auch am 13. April 1798 
zu jenem berühmten Krawall um die erstmals in 
Wien gehißte Trikolore gekommen. Die aus Basel 
gebürtigen Brüder Geymüller, schon damals best- 
diese 
bekannte Bankiers, ließen das Palais oHenbar bald 
nach dem Ankauf im Geschmack ihrer Zeit um- 
gestalten; das Jahr des Umbaues und auch die damit 
beauftragten Künstler haben sich bisher nicht fest- 
stellen lassen. Damals ist unser Pompejanisches 
Zimmer entstanden. Über das verschwenderische 
Treiben im neugeadelten Hause Geymüller hat 
u. a. Castelli in seinen Memoiren berichtet. Man 
wetteiferte mit den alten Familien in Luxus und 
suchte sie zu übertreifen. Zuzeiten gehörte den 
Geymüller Schloß Pötzleinsdorf, der „Kaisergarten" 
(nachmals Palais Erzherzog Rainer) und, neun 
Jahre lang, auch das Schloß der Grafen Fries in 
Vöslau. Von diesen Besitztümern blieb nach dem 
Zusammenbruch des Bankhauses im Jahre 1841 
nur das Palais in der Wallnerstraße im Besitz der 
Erben Joh. Heinrich Geymüllers, die erst 1897 
an Franz Freiherrn von Puuthon verkauften. Von 
diesem erwarb es 1904 der niederösterreichische 
Landesausschuß, der dort einige Räume dem in 
Gründung befindlichen Niederösterreichischen Lan- 
desmuseum überließ. Bei den Instandsetzungsarbei- 
ten zwischen 1907 und 1909 ist unser Pompejanisches 
Zimmer recht eigentlich entdeckt worden: die 
Wanddekoration fand sich wohlverborgen hinter 
einer tapezierten Holzverschalung, eine sehr leb- 
hafte Dokumentation des raschen Geschmacks- 
Wandels im 19. Jahrhundert. Damals wurden auch 
in einem anderen Empire-Salon des Hauses antiki- 
sierende Fresken aufgedeckt. Arthur Roessler hat 
über die Auffindung der beiden Interieurs 1909 
berichtet-l). Es ist trübselig, zu sagen, daß die gut 
erhaltenen Fresken vor kurzer Zeit mit Zustim- 
mung des Bundesdenkmalamtes neuerlich über- 
tüncht worden sind. 
Das Pompejanische Zimmer war als Gegenstand 
der Sammlungen des Niederösterr. Landesmuseums 
ab 1911 öifentlich zugänglich. Vancsa hat im Muse- 
umsführer von 1918 ein paar Worte darüber ge- 
schrieben4). Als das Landesmuseum 1923 in das 
Palais Clary-Aldringen, l., Herrengasse 9, über- 
siedelte, nahm es das Zimmer einfach mit. Die 
Wandverkleidung mit den Seidentapeten und den 
beiden Spiegelmotiven, die Türen, Spaletten und 
der Marmorkamin wurden aus dem Raum gelöst 
und im neuen Haus wieder aufgestellt, wobei die 
Fensterwand in Anpassung an dortige Gegebenheiten 
etwas verändert werden mußte. Im Palais Gey- 
müller verblieben die Fenster, die Verkleidung 
der Eingangstür und natürlich die Stuckdccke, 
ansonsten kahle Wände. S0 seltsam ausgeschlachtet 
zeigt sich der Raum noch heute. Im neuen Landes- 
museum hat man anscheinend dem Pompejanischen 
Zimmer keine besondere Bedeutung mehr beige- 
messen, der Museumsfiihrer von 1925 verschweigt 
es. Schließlich wollte man den Salon überhaupt 
los sein. 1940 wurde er über lntervention der 
damaligen Reichsstatthalterei vom damaligen 
Museum des Reichsgaues Nicderdonau den Städti- 
schen Sammlungen ins Eigentum übertragen; als 
Gegenleistung übergaben die Städt. Sammlungen 
den Kettlacher Fund (aus den Beständen der Samm- 
lung Franck) als Dauerleihgabe 5). Das kostbare 
und überaus empfindliche lnterieur lag dann jahrelang 
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