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Inhaltsverzeichnis: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 64 und 65)

 
Naturbeobachtung erarbeitete Theorie bezeichnete. Hodler selbst schreibt in seinem Aufsatz „Über die Kunst" (hg. 1913): „ . . . So 
oft ich in der Natur den Reiz der Dinge am stärksten spüre, ist es immer der Eindruck von Einheit. . ." Diese Einheit der Dinge 
wird durch deren zahlreiches Auftreten in ständiger Wiederholung bewirkt. Die endlose Reihung gleichartiger Baumstämme in einem 
Wald, die Reihung der Kornähren des Feldes usw. sind die Beispiele, die Hodler für seine Theorie anführt. Das Gemälde „Buchen- 
wald" (189O)5) ist in der Wahl des Naturausschnittes bereits eine radikale Demonstration dieser Lehre. Auch das menschliche 
Antlitz (Abb. 7) ist für l-lodler ein Mittel zur Sichtbarmachung des Parallelismus in der Natur. In seinem Selbstbildnis von 1900 macht 
er den Betrachter auf die Gleichartigkeit beider Gesichtshälften aufmerksam, deren unpaarige Organe aus je zwei vertikal-spiegelbild- 
lichen Hälften bestehen, während die paarig angelegten Organe (Augen und Ohren) einander gegenseitig wiederholen. Während der 
Parallelismus sich in der Darstellung einer Einzelgestalt automatisch in einer einachsigen Symmetrie erschöpft, wird er in den mehr- 
figurigen Kompositionen, die fast das gesamte Oeuvre Hodlers im Verlauf der neunziger Jahre ausmachen, voll sichtbar. Die Menschen 
auf diesen Darstellungen sind den gleichen Prinzipien unterworfen wie dic Elemente der Landschaft. llodler schreibt darüber in seinem 
Aufsatz „Über die Kunst": „ . . . Wir wissen und wir empfinden es alle in gewissen Momenten, daß das, was uns Menschen eint, 
stärker ist als das, was uns trennt . . ." Das gleiche Schicksal von Geburt und Tod ist für die gesamte Menschheit verbindlich, ebenso 
wie das Empfinden von Freude oder Trauer. „ . . . Ist ein Gegenstand angenehm, so vermehrt die Wiederholung seinen Reiz, drückt er 
Trauer oder Schmerz aus (Abb. S), so erhöht sie die Traurigkeit . . . So bewirkt also die Wiederholung eine Steigerung der Intensität." 
Die Empfindung wird also im Gegensatz zur Tradition der Romantik nicht in die Landschaft, sondern in den Menschen selbst verlegt 6), 
der sie durch seine Mimik und Körperhaltung sichtbar macht. In diesen Kompositionen bevorzugt llodler die Fünftigurengruppe, 
die eine Betonung des Bildzentrums ermöglicht. 
Der Erfolg, den das Gemälde „Nacht" in Paris hatte, brachte dem Künstler auch in der Schweiz die zuvor versagte Anerkennung. 
Dieser Erfolg, der zeitlich mit dem Beginn der vollen künstlerischen Selbständigkeit Hodlers zusammenl-iel, barg allerdings auch Gefahren 
in sich. Im Laufe der neunziger Jahre entstand im Gefolge der „Nacht" eine lange Reihe von Mehrtigurenkompositionen mit 
allegorisierenden Titeln und zahlreichen Repliken, so daß die künstlerische Weiterentwicklung Hodlers im Schema zu erstarren drohte. 
Das Gemälde „Der Tag" (1. Fassung 1900, vgl. Abb. 4) mit fünf monumentalen weiblichen Aktliguren, die deutlich in der Art des 
gleichzeitigen jugendstils konturiert sind, bildet den Abschluß dieser nunmehr hauptsächlich durch Wiederholungen fortgesetzten 
Reihe. Der Gleichartigkeit der Menschen im Sinne des Parallelismus zuliebe opfert Hodler neben der natürlichen Personengruppierung 
auch die Linearperspektive, indem er alle Figuren ohne Rücksicht auf deren Abstand von der Bildebene gleich groß wiedergibt. In den 
Historienbildern Hodlers wird die Strenge der Komposition in gewissen Grenzen gemildert, weil hier Konzessionen an den zeitlichen 
Ablauf der Ereignisse gemacht werden mußten. Im „Rückzug bei Marignano" (1898, Abb. 6) ist die Bewegung des Schreitens 
der Soldaten erkennbar, wenn sie auch zugunsten größtmöglicher Monumentalität und Erhebung ins Überzeitliche abstrahiert 
wurde. 
Die Landschaftsmalerei spielt bei Hocller in den neunziger _]ahren eine untergeordnete Rolle, sie wird aber nach 1900 um so intensiver 
betrieben. Für die Landschaft behalten die am Menschen sichtbar gemachten Ordnungsideen ihre Gültigkeit. Dem Betrachter werden 
dadurch neuartige Naturausschnitte geboten, wie etwa im Gemälde „Waldbach" (1904). Hier werden die immer wiederkeh- 
renden Einzelteile der Naturelemente Stein, Wasser, Erde, Pflanzenwelt und Himmel durch eine strenge Einteilung in Horizontal- 
streifen zu Einheiten zusamrnengefaßt. An Stelle eines Zentrums bildet der dunkle Streifen des Baches eine kräftige Horizontalachse, 
unterhalb und oberhalb welcher sich die Landschaft in endlose Weiten fortgesetzt denken läßt. Die Dimensionen vergrößern sich noch 
um ein Vielfaches in den Fernsichten der Alpenlandschaften, die das Hauptthema der letzten Schaffensjahre Hodlers bilden. Schon im 
- aß"... 

	        

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