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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 54 und 55)

Dem Wechsel der künstlerischen Anschauung, der sich bei den freien Künsten. insbesondere bei der Malerei. seit der Jahrhundert- 
wende in immer kürzeren Intervallen und gegensätzlichen Positionen vollzieht. steht die Tatsache gegenüber. daß auf dem 
Felde der angewandten Kunst. seit der Wiederbelebung des Kunsthandwerkes zu Ende des vorigen Jahrhunderts. die grund- 
sätzliche Erkenntnis über das Wesen der kunsthandwerklichen Schöpfungen unverändert geblieben ist. Seit John Ruskin und 
William Morris. seit der Stitbewegung in Holland. der Wiener Werkstätte in Österreich und seit dem Bauhause in Deutschland 
ist diese Einsicht zu einer allgemein gültigen Grundhaltung geworden. Diese Grundhaltung ist überzeugt. daß die kunstgewerb- 
lichen Schöpfungen. die Gestaltung der dem Alltag dienenden Geräte, nur dann ihre Aufgabe erfüllen. wenn sie lebensnahe 
Prägungen für die Umwelt des Menschen bleiben. wenn sie seiner persönlichen Lebenskultur zu dienen vermögen. wenn ihre 
Gestaltung. ihre Form und ihr Schmuck aus dem Charakter des Materials, der Funktion und den technischen Bedingungen 
resultieren. wenn ihre "Schönheit" schließlich von ihrer ..Wahrheit" herstammt. Diese Grundhaltung. die in der gegenwärtigen 
Phase durch eine weltweite technische Entwicklung. durch einen gemeinsamen europäischen Markt und durch die Angleichung 
der Lebensverhältnisse in den westlichen und nordischen Ländern international geworden ist und besonders günstige Bedingun- 
gen vorfindet, scheint die Kraft in sich zu haben. aufeinen originären Stil des zwanzigsten Jahrhunderts hinzuführen. Nicht nur 
der Kunsthandwerker. sondern auch der Konsument hat eine neue Beziehung zu den Dingen und Geräten des Alltags gefun- 
den. Der Stuhl. das Trinkglas, der Kerzenhalter. das Eßbesteck. der Bodenteppich. der gekauft und benützt wird. die Art und 
Weise der Umweltgestaltung. ist zu einer Aussage geworden. die gültiger und verpflichtender ist als das Bild. das an die Wand 
gehängt wird. 
Trotz eines beängstigenden Verschleißes an neuzeitlichem Formengut und eines ständig wachsenden Schroithautens der Zivili- 
salion schreitet der aus der grundsätzlichen Haltung entstandene Entwicklungsprozeß einer zeitgemäßen Formgestaltung. 
die Stil-Werdung des 20. Jahrhunderts. unablässig vorwärts. Der Einsatz und Beitrag der westlichen und nordischen Völker 
war zu verschiedenen Zeiten verschieden groß und bedeutsam. Waren es in den ersten Dezennien unseres Jahrhunderts die 
kontinentalen Länder. Holland. Österreich. Deutschland und Italien. die ihre Beiträge einbrachten. so sind es seit der Mitte 
des 20. Jahrhunderts vor allem die nordischen Staaten. die eine avantgardistische Position einnehmen. Neben Schweden. Däne- 
mark und Norwegen hat sich Finnland immer mehr in den Vordergrund geschoben. 
Auch für Finnland liegen die Anfänge in der Zeit des Aufbruches zur Moderne. Im Jahre 1875 wurde der Finnische Kunst- 
bewerbeverein gegründet, der zusammen mit dem Verband der finnischen Dekoratianskünstler Ornamo und dem Verein der 
Freunde der Finnischen Handarbeit die Förderung des finnischen Kunsthandwerkes vorantrieb. Wie überall waren die ersten 
Träger der Erneuerungsbewegung die Architekten. Aber schon die Finnlandschau auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 
zeigte. daß Finnland über einige starke Künstlerpersönlichkeiten auf dem Gebiet des Kunsthandwerkes verfügte. Und auf der 
Weltausstellung in Paris vom Jahre 1937 mußte eine gewisse Vorrangstellung finnischer Erzeugnisse bereits zur Kenntnis genom- 
men werden. Die erste Nachkriegsausstellung. die 1951 in Zürich gezeigt wurde und die von Tapio Wirkkala und seiner Frau 
Rut Bryk aufgebaut war, führte einer staunenden Mitwelt die Leistungen einer Nation vor Augen. die trotz einer ständigen 
Bedrohung ihrer nationalen Selbständigkeit sich einen ungebrochenen und konsequenten Schaffensrnut bewahrt hatte. Die 
kraftvolle nordische Eigenart. die den Ursprüngen noch näher zu stehen scheint. vermochte dem westlichen Formengut eine 
Prägung zu geben. die als eine gewisse Erfüllung der von den Wegbereitern der Moderne erhofften Fernziele angesehen wer- 
den rnuß. Das tlnnische Kunstgewerbe war in der Nachkriegszeit. wie Benedict Zilliacus sagte. zu einer "Speerspitze" des neuen 
Forrnschaffens geworden. die ..gegen weitentfernte Ziele geworfen" wurde. 
Mit der Ausstellung ..Finlandia". die gegenwärtig durch die europäischen Staaten wandert. hat Wien zum ersten Male Gelegen- 
heit, den sogenannten ..t"innischen Stil" in seinen besten Leistungen kennenzulernen. Achtundvierzig Aussteller zeigen die 
Schöpfungen von achtzig Entwerfern. Die Exponate reichen von den lndustrieprodukten bis zu individuell gestalteten Einzel- 
objekten. Die Bedeutung der industriellen Serienproduktion für die meisten Gebiete der zeitgemäßen Gebrauchsgeräte isl in 
Finnland rechtzeitig erkannt worden. lndustriebetriebe wie Karhula-Littala für Glas oder Wärtsilä-Arabia für Keramik sind 
sich trotz wirtschaftlich gebundener Voraussetzungen bewußt. in ihren Erzeugnissen die künstlerischen Situationen darzustellen. 
Es verwundert daher nicht. daß gerade diese finnischen Industrieprodukte heute auf dem Weltmarkt führend sind. Vor diesen 
Formen erscheint die Frage unwesentlich. ob ein gutes Gerät handwerklich oder industriell hergestellt ist. 
Die Schwerpunkte dieser Ausstellung liegen bei jener Gruppe von Arbeiten. für die Finnland schon immer ein hervorragender 
Exponent gewesen ist: bei den Erzeugnissen aus Glas und Ton und bei den Textilien. Die Entwerfer für Glas und keramische 
Produkte bedienen sich der schier unerschöpflichen Skala von funktionell richtigen Formen. Bei den Teppichen. den Druck- 
Stoffen und Boumwollgeweben steht jEdOCh die Farbe ganz im Vordergrund. In den langhaarigen. zotteligen Knüpfteppichen 
lebt die ungebrochene Kraft der alten finnischen Tradition, 
Alle Sparten. welche die Ausstellung zeigt. Glas. Keramik. Metall-. Holzarbeiten und Textilien, sind Leistungen eines Landes, 
das in der Gegenwart hart um seine Unabhängigkeit zu ringen hat. Das nordische Erbe und die ständige Wachsamkeit den 
äußeren Bedrohungen gegenüber ließ hier eine Gesinnung entstehen. die in der Klarheit. unbedingten Ehrlichkeit. im Sinn für 
Qualität und Nützlichkeit. in einer ursprünglichen Liebe zum Werkstoff und zur Farbe ihre bevorzugten Wesenszüge sieht. 
Die daraus entstandenen Leistungen scheinen uns daher ein Ausdruck für die besten Kräfte und Bestrebungen unserer Gegen- 
wart zu sein. die sich hier in einem klaren und eindeutigen Spiegelbild darstellt. jenseits aller extremen und "verfremdenden" 
Tendenzen. tn einer so mit ,.Stil" gestalteten Umwelt vermag der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts zu leben: als eine Per- 
sönlichkeit mildem Anspruch aufindividuelle Umweltgestciltung. mit dem Sinn für Qualität. mit dem Bedürfnis nach Sauberkeit. 
Klarheit und unbedingter Ehrlichkeit. 
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