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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 64 und 65)

GUSTAV STRATIL-SAUER Die kulturellen Beziehungen {wischen Österreich und Iran 
 
Frcihtrr von Hammer! 
ll (1774 - 1856). Nach ciner 
Jng von jos. Dnnhaunxer, 
en von Fr. Stöbcr 
Zum Thema der kulturellen Be- 
ziehungen zwischen Österreich und 
Iran darf man programmatisch ohne 
Überheblichkeit, aber mit Befriedi- 
gung die These aufstellen: Setzen wir 
die Bevölkerungszahl der einzelnen 
europäischen Staaten in Beziehung 
zur Vielzahl, Weite und Tiefe der 
kulturellen Verbindungen mit Iran, 
so steht Österreich mit Vorsprung 
unter jenen Ländern, die den höch- 
sten Wertigkcitsindex aufweisen, 
wenn es nicht überhaupt den ersten 
Rang innehat. Diese Tatsache ist 
schon darum bemerkenswert, weil 
unsere Heimat selbst in den Jahr- 
hunderten, in denen sie den Groß- 
mächten zugerechnet wurde, keine 
imperialen Überseeinteressen auf- 
wies, so dall die das Staatswappen 
Persiens zierende Sonne stets jen- 
seits des machtpolitischen Horizontes 
unserer Außenpolitik stand. Zudem 
wurden die reichen kulturellen Be- 
ziehungen lange Zeit gar nicht oder 
zumindest nur am Rande offiziell 
gefördert. Während gegenwärtig vor 
allem die kostspielige Teamarbeit die 
Stunde beherrscht, verlangte die 
Pionierarbeit von früher harte Per- 
sönlichkeiten, die es verstanden, 
Schwierigkeiten zu meistern. ja, 
gerade weil sich diese Menschen 
ohne Förderung durchzusetzen hat- 
ten, wurden sie zu Persönlichkeiten 
erzogen. Daß sie so ganz auf sieh 
selbst angewiesen blieben, hat viel- 
leicht erst den Erfolg ihrer Pionier- 
arbeit gesichert. 
Die ersten Beziehungen zwischen 
beiden Ländern entwickelten sich 
freilich auf politischer Ebene, da 
man im 16. und 17. jahrhundert 
hier wie dort den gemeinsamen 
mächtigen Feind im Osmanischen 
Reich sah. Schah Abbas, einer der 
wirklich Grollen der Weltgeschichte, 
schickte um 1600 zu Rudolf lI. 
Gesandtschuften, die von dem Habs- 
hurger auch erwidert vrurdcn. Dieser 
Kontakt, dem übrigens bereits ein 
anderer unter Karl V, vorangegangctl 
war, blieb politisch im Grunde 
erfolglos. 
lis war 1833 dem Friauler (also 
dem damaligen Österreicher) Colom- 
bini vorbehalten, Österreich erneut 
für Persien zum BcgrilT zu machen. 
Als nämlich die englischen Berater 
des Schahs aus Protest gegen die 
persischen Eroberungsabsichten ge- 
genüber llerat Teheran verließen, 
sprang Colombini in die Bresche 
und erwies sich als ein so geschickter 
Lehrmeister, daß bald auch weitere 
Österreicher, nämlich die Forscher 
W. Helfer und Th. Kotschy, will- 
kommen waren. Durch letzteren, 
der in Wien als Kustos am Natur- 
historischen Museum tätig gewesen 
war, wurde eine glanzvolle Reihe 
wissenschaftlicher Studienreisen er- 
olTnet. Ihm gelang 1843 im Elbrus- 
gebirge, das großenteils erst durch 
ihn der Wissenschaft erschlossen 
wurde, die erste Meisterung des 
höchsten Berges Irans, des sagen- 
umwobencn Demawend. 
1851 verpflichtete eine persische 
Mission in Wien sechs Lehrer an 
die Militärakademie nach Teheran, 
darunter auch Major Krziz, der seine 
Zöglinge in einem „Artillerie- 
unterricht" in persischer Sprache 
mit den Geheimnissen des direkten 
und indirekten Schießens vertraut 
zu machen suchte, obendrein aber 
auch mit ihnen den ersten Stadtplan 
von Teheran und die erste Um- 
gebungskartc der Hauptstadt auf- 
nahm. Die rührigste Persönlichkeit 
dieser Gruppe, Dr. Polak, wurde 
Leibarzt des Schahs und bildete 
zahlreiche Perser in seiner Medizin- 
schulc aus. Ein zweibändiges Werk 
über Persien, das er schrieb, gehört 
zu den Standardwerken über dieses 
Land. Polak brachte in sein neues 
Wirkungsgebiet auch Dr.  Tietze, 
den späteren Leiter unserer Geo- 
logischen Rciehsanstalt, der wert- 
volle Beiträge zur geologischen Er- 
forschung des Landes lieferte und 
erstmalig über dessen nutzbare Lager- 
stätten berichtete. Reiche Pionier- 
arbeit lcistete ferner der im Bau von 
Wegen und Tclegraphenlinien ein- 
gesetzte Tirolcr A. Gasteiger. 
Sehr günstig wirkte sich auf eine 
enge kulturelle Verbindung beider 
Länder aus, daß Kaiser Franz Joseph I. 
seinen Gast Schah Nasreddin mit 
zuvorkommender Höflichkeit be- 
handelte. Seit seiner Europareise 
berief der Schah deshalb besonders 
gern Österreicher zum Modernisieren 
seines Landes. Je nach der Überwind- 
barkeit der gegebenen Schwierig- 
keiten waren seither mit mehr oder 
mindcrem Erfolg Österreicher als 
militärische Ausbilder, als Reformer 
der inneren Verwaltung, bei der 
Post, im Münzumt, als Botaniker 
und als Geologen tätig. lm Osten 
des Reiches hatte der Geologische 
Dienst Indiens die Karticrung über- 
nommen, doch wurde auch diese 
Arbeit von einem Österreicher, C. L. 
Griesebach, durchgeführt. Der öster- 
reichische Vizekonsul C. vnn Call- 
Roscnburg, Porschungsreisender aus 
Leidenschaft, bestieg gleichfalls den 
Demawend, machte sich aber vor 
allem einen Namen durch seine 
gute Darstellung Mascndcrans, des 
Gartens von lran an der Kaspiküste. 
Während E. Diez den Nordosten 
des Landes kunsthistorisch studierte, 
machte B. Lehmann-Haupt im Nord- 
westen wertvolle Entdeckungen zur 
alten Geschichte. 
Besonders reiche lirgebni zeitigt: 
die Periode zwischen den beldenWclt- 
kriegen. An erster Stelle ist hier das 
Ehepaar Gabriel zu nennen, das, mit 
bescheidenen Mitteln ausgerüstet, drei 
große Forschungsreisen durch Ost- 
persien (1928, 1933 und 1937) unter- 
nahm. Dabei wurden bisher völlig 
unbekannte Gebiete durchzogen, im 
nie betretenen inneren der Wüste Lut 
weite Dünengürtcl und von den 
Stürmen geformte „Boulevards", 
nämlich gleich breiten Straßen aus- 
geblasene Hohlräume zwischen den 
Ablagerungen des Seelößes, ent- 
deckt und im Süden Irans Reste 
versunkener Kulturen und Rassen 
festgestellt. Später hat A. Gabriel 
umsichtig in seinem Buch über „die 
 
Erforschung Persiens" eine gründ- 
liche Darstellung vom Wachsen 
unseres Wissens über Iran gegeben. 
Auch das Ehepaar Stratil-Sauer be- 
reiste speziell Ostpersien und die 
Wüste I.ut und hat in zahlreichen 
Veröffentlichungen darüber manche 
geographische Fragen geklärt. H. 
Bobek, wiederholt und 1958]?) sogar 
als Austauschprofcssor in Iran tätig, 
konnte Forschungsergebnisse vor- 
legen, die sich speziell dem Norden 
des Landes wie auch allgemein- 
geographischen Problemen widmen. 
Auf Grund eingehender Studien 
arbeitet K. H. Rechinger an einem 
umfassenden Werk über die Flora 
und H. Löffler an einer entsprechen- 
den Limnologie lrans. 
Da alle die genannten Forscher in 
unserer Bundeshauptstadt ansässig 
sind, hat man Wien bereits als das 
Mekka der Iranforschung bezeichnet. 
Zudem dürfte Wien aber auch als 
die Quelle der Iranistik angesprochen 
werden dank der einmaligen Er- 
scheinung Hammer-Purgstalls. Die- 
sem 1774 geborenen Orientalisten 
und späteren Präsidenten der von 
ihm gegründeten Wiener Akademie 
der Wissenschaften danken wir es, 
daß der Zauber der persischen Dich- 
tung nicht nur uns erschlossen wurde, 
sondern sogar die deutsche Literatur 
stark becinflußte. Goethe wurde 
durch die Lyrik von Hans, die 
Hammer-Purgstall ins Deutsche 
übertragen hatte, zu seinem West- 
üstlichen Diwan angeregt, und 
Rückert, Platen und Schack, 
Schlechta-Wssehrd und Rosen- 
zweig-Schwanau hoben weitere 
kostbare Schätze aus der persischen 
Literatur. Bis in unsere Zeit strahlt 
das uns durch Hammer-Purgstall 
erschlossene poetische Leuchten, sei 
es in den Worten von Rilke oder 
'l'rakl, sei es in Vertonungen von 
Schubert, Schumann, Brahms und 
Wolf. 
Die hohe 'I'rarlition der Iranistik 
wird heute von H. W. Duda weiter- 
getragen, der auf diesem Gebiet ein 
Buch über das Motiv von Ferhad 
und Schirin, das große Werk der 
persischen romantischen Liebesepik, 
geschrieben, den persischen Histo- 
riker Ibn Bibi der wissenschaftlichen 
Welt zugänglich gemacht und das in 
Persien so beliebte satirische Epos 
Obeid Zakanis „Katze und Maus" 
einer breiteren Öffentlichkeit vor- 
gelegt hat. Neben Abhandlungen 
über persistische Probleme sorgt 
er auch dafür, daß an der Wiener 
Universität die neuesten Literatur- 
und Sprachentwicklungen in die 
persischen Studien einbezogen wer- 
den, während die altpersische Ge- 
schichte durch F. W. König ver- 
treten ist. 
Die Kette der Wechselbeziehungen 
schließt sich durch eine österreichi- 
sche Gewerbeschule und ein Kultur- 
institut in Teheran. So ist von un- 
serem kleincn Land aus viel ge- 
schehcn, um eine innige Verbindung 
mit dem künstlerisch außerordent- 
lich begabten Volke Irans zu ge- 
winnen und zu erhalten. 
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