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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 64 und 65)

im strahlenden Licht des attischen 
Himmels, lernte er die Fülle und den 
Ernst der griechischen Kunstwerke 
kennen. lsl es schon für den Nicht- 
bildhauer ein unvergefiliches Erleben. 
dem Kolbträger der Akropolis gegen- 
über zu stehen. um wieviel mehr muß 
hier ein Künstler ergriffen werden! 
Und Silveri ist ein Ergriffener. 
Hier traf er täglich die Götter in der 
Gestalt des Menschen, Hier. in und um 
Athen. traf der Künstler aber auch 
täglich - es waren für die Griechen 
die bittersten Jahre nach der Nieder- 
lcige 7 in manch armen, hungernden 
Menschen Gott. Wie konnte es anders 
möglich sein, als daß dieser Mann, 
ebenso wie dieser Künstler von dem 
Gotte ergriffen wurde? Der Mann hülle 
vielleicht diese Ergriffenheit vertan. 
vergessen, verspielt. wie sie tausende 
vertan und verspielt haben, die trotz 
der Erschütterungen der Kriegsjahre 
wieder in ein mit der Zeit nur zu 
genußreiches Leben zurückgekehrt sind, 
der Künstler nicht! Wie konnte es 
hier anders möglich sein. als daß er 
auch von der Erscheinungsform des 
Gottes ergriffen wurde? Wie konnte 
es anders möglich sein, als daß dieser 
Mensch dem Menschen treu blieb? 
..Nach ist das Kapitel Mensch nicht zu 
Ende und in unserer Zeit, wo der 
Mensch auch mit dem Herzen [in die 
Maschine' zu kommen droht, erst recht 
nicht". sagte einmal Silveri und meinte 
dazu: dem Künstler ist es aufgetragen 
..aus den Stücken wieder ein Ganzes 
zu machen. das Ganze zu sehen". Also 
gerade das Gegenteil von jenen ma- 
dernen Meistern, die alles in seine 
Bestandteile auflösen. Analysen ziehen 
und konstruktiv letzte Substrate neben- 
einander setzen wollen. Denn das 
Ganze ist Geist, Körper und Seele. Der 
Körper steht aber in der Mitte und 
trägt die beiden anderen Glieder des 
menschlichen Seins, gibt ihnen die 
Möglichkeit. hier und so zu sein, die 
Möglichkeit. zu sein wie sie sind, 
Der menschliche Körper war die Er- 
scheinungsform. in der die Alten Zeus. 
Athene, Apollo und alle ihre Götter 
dachten und abbildeten. aber auch die 
Erscheinungsform, in der der dreieinige 
Gott des Christentums sich in dem 
Schoße einer einfachen Frau inkarnierl 
hat. Der Bildhauer, von diesen beiden 
großen abendländischen Strömen, dem 
hellenistischen und dem christlichen. 
getragen, findet nach dem Kriege zu 
einer neuen, freieren Aussage. Nicht 
wie man glauben müßte. noch mehr 
bedrückt und noch mehr von den 
Lasten des Dämonischen im Menschen 7 
durch die Kriegserlebnisse hervorge- 
rufen 7 kündend. nein, befreit von 
allen Vorbildern und künstlerischen 
Einflüssen, hat Silveri nun einen größe- 
ren Menschen gefunden, Freilich, nicht 
den gewöhnlichen Menschen. sondern 
den Gott-Mensch. Christus. Nicht, daß 
er jetzt erst Christus gefunden hätte. 
aber diesen Christus! Nicht mehr der 
leidende und veranstaltete Mensch, nein. 
der strahlende. auferstandene Gott! 
Verklärt, auch auf dem Opferholz. Mit 
weit ausgebreiteten Armen. nicht wie 
bei der frühen Wiener Kreuzigung 
gemartert und verzerrten Angesichts. 
Oh, ein leuchtender Gott. ein Apollo 
streckt nun die Arme aus. Weit streckt 
er sie auseinander. um alle bei sich zu 
empfangen, alle an seinem Mysterium 
teilhaben zu lcssen, um allen sein Licht 
zu bringen! 
Wir hnden im Schaffen des Künstlers 
schon bald nach dem Kriege Hinweise. 
die das Gesagte erhärten. Hier ist etwa 
der Entwurf für den großen Altar von 
Donawitz zu nennen, der in der 
Materialauswahl und Bearbeitung ein- 
malig geworden wäre. Aus eloxierten 
Blechen geformte Engel 7 die. je 
weiter sie von der das Zentrum bil- 
denden Gestalt Christi entfernt sind, 
um so weniger menschenähnlichen We- 
sen gleichen 7 schießen wie Raketen 
durch den Raum. Der freischwebende 
Heiland, eine schmale. mit einem ein- 
fachen. enganliegenden Kleid angetane 
Figur, die ihre beiden Arme weit aus- 
einander zum Himmel hebt. ist ein 
lodernder Brennpunkt. 
Ebenso sehen wir in dem großen Auf. 
erstandenen der Abtei Seckou den 
Lichtbringer. ja, dieser Christus ist 
selbst das Licht. Diese schlanke Gestalt, 
die, auf den Zehen eine Stufe herab- 
schreitend. sich vom Leichentuch zu 
lösen beginnt, die zum Himmel wei- 
sende Gebürde, die züngelnden Hände, 
die sparsamen. aber diesen Eindruck 
noch vermehrenden Falten des Tuches, 
das alles scheint zu brennen. Ein zum 
Himmel lodernder Leib! Die sich selbst 
verzehrende Opferflamme! 
Immer mehr und mehr geht der Künst- 
ler in den folgenden Jahren zum Skulp- 
tieren in Eisen und Bronze über. Ma- 
)er Mensch als Koordinatenkreuz 
l 
lexunder Silveri, Prophel. Eisenguß, 
'11. 1,60 m 
lexunder Silveri. Chnsiusdeluil vom Ahor- 
ruzifix der Frunziskanerknrche in Graz. 
ußeisen. H. 2,20 m 
Alexander Silveri, Rucheengel. Eisenguß. 
. 50 cm 
Alexander Silve Baum auf verbrannter 
Erde. Modell für Eisen 

	        

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