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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 64 und 65)

Gosling: ..Er beginnt als extremer 
Expressionist. der wie so viele junge 
Künstler von innen nach außen arbeitet. 
lernt später langsam wie ein Impres- 
sionist zu sehen und absorbieren und 
verbindet schließlich beide Arten; 
dunkle. nordische Klaustrophobie 
macht einem Raum Platz. der aus 
Licht und Farbe geschaffen wird. Ein 
wilder Liebender und Hassender reift 
zu einem Pantheisten mit einem Äder- 
chen für anteilnehmende Mackerei." 
..Was die Gemälde anbelangt. ist die 
Überraschung der Ausstellung, dal} - 
entgegengesetzt zur allgemeinen Mei- 
nung - die späteren die besten sind . .. 
(in der Spätzeit) ist Kokoschka bemüht. 
seine machtvollen persönlichen Emo- 
tionen mit dem ebenso machtvallen 
Andringen der Naturwirklichkeit zu 
verbinden. Er ficht diesen Kampf auf 
jedem Bild aus. sei es nun ein Porträt, 
eine Landschaft oder eine iigurale 
Komposition. Der Mensch . . . steht im 
Mittelpunkt seines lnteresses; während 
der Mensch bei zeitgenössischen Künst- 
lern zu einem Stecknadelkopf zusam- 
menschrumpft. werden die Köpfe der 
von Kokoschka Porträtierten größer 
und größer. geladen mit Energie. 
Hoffnung und Leid. Besonders seine 
letzten Porträts sind Uberreiche Er- 
folge  sie haben die psychologische 
Einsicht der Frühwerke mit einer zu- 
sätzlichen Dimension für Farbe. Licht 
und Farm. Die unheimliche Goyeske 
Welt. . .durch die Kokoschka zu treiben 
schien. kam schließlich im Zeichen eines 
kostbaren Gleichgewichtes zur Ruhe. 
die ihn mit der sensualistischen Poesie 
der Renaissance und durch sie mit der 
von ihm so geliebten griechischen Antike 
verbindet." (Nach: The Observer 
Weekend Review. Sunday, September 
16. 1962.) 
BOLOGNA: 
5. BIENNALE ALTER KUNST 
Das klassische ideal des 17. Jahrhunderts 
in Italien und die Landschaftsmalerei. 
8. September-H. September 1962. Pa- 
lazzo dell'Archiginnasio. Katalog mit 
kritischen Texten van Francesco Archan- 
geli, G. C. Cavalli. Andrea Emiliani. 
Michael Kitsan. Denis Mahon, Amalia 
Mezzetti und Carlo Valpe, Vorwort von 
Germain Bcizin, wissenschaftliche Einlei- 
tung von Cesare Gnudi. Alle ausgestell- 
ten Werke abgebildet. 
Diese hochbedeutsame Ausstellung hat 
zum Thema die ,.antibarocke" Strö- 
mung der italienischen Malerei des 
17. Jahrhunderts, die sich zwar in 
Rom vollendete, aber unzweifelhaft in 
Bologna ihren Ausgang nahm, Sie 
bereitete den Boden für Poussin, 
Lorrain und Dughet. die drei großen 
Franzosen, denen Rom zum künstle- 
rischen Schicksal wurde, Nicht berück- 
sichtigt blieb in der Ausstellung das 
Wirken der niederländischen Roma- 
nisten. die gerade hinsichtlich der 
Landschaftsmalerei aus diesem Umkreis 
nicht wegzudenken sind. 
Ohne Zweifel ist die bis an die Grenzen 
des Möglichen komplette Vorstellung 
des Oeuvres von Poussin. Lorrain und 
Dughet das große, spektakuläre Ereig- 
nis der vorbildlich gestalteten Schau. 
Der Louvre und die Londoner National 
Gallery haben nebst zahlreichen an- 
deren Museen in aller Welt ihre Be- 
stände fast ohne Rückhalt zur Verfügung 
gestellt. Besonders beglückten die zahl- 
reichen erlesenen Handzeichnungen, 
deren größte Zahl aus der Sammlung 
in Schlot} Windsor stammt, 
Keinesfalls sollten über den Franzosen 
die italienischen Wegbereiter übersehen 
werden. Die Ausstellung ist daher 
richtigerweise so aufgebaut. daß der 
Rundgang bei Annibale Carracci be- 
ginnt (wobei den Lunettenbildern der 
Galleria Doria-Pamphilij das Haupt- 
interesse gebühren dürfte) und dann 
über Reni zu Domenichino führt. der 
als Landschaftsmaler allererster Klasse 
zur Geltung kommt; auch bei seinen 
figuralen Arbeiten ist begreiflicher- 
weise der intimere und damit persön- 
lichere Anteil des Gesamtwerkes stärker 
berücksichtigt (Bildnis Monsignor G. B. 
Agucchi, York, City Art Gallery). Der 
Weg führt weiter zu Albani. der sich 
hier als Feinmaler von Rang (etwa einem 
Poeleriburgh vergleichbar) offenbart, 
dessen Landschaften jedoch von uner- 
hörter. seelentiefer Intensität sind (Danzci 
di Amorini, Florenz, Ufüzien). Damit 
sind wir auch schon bei Nicolas Poussin. 
bei dem weitgehend das gleiche Phä- 
nomen beobachtet werden kann wie 
bei den Vorgenannlen i nämlich die 
fast kornpromißlose Trennung von 
Landschafts- und Figuralmalerei, eine 
Tatsache, die in der Titelgebung der 
Ausstellung bereits entsprechend berück- 
sichtigt wurde. Poussin zeigt sich wieder 
einmal als eines. Ja vielleicht das er- 
drückend große Vorbild für gewisse 
Strömungen der Malerei des 19. Jahr- 
hunderts; besonders wäre zu unter- 
suchen. inwieweit die Nozarener in 
seinem Schatten stehen... Geistige 
Väter der Romantik des 19. Jahr- 
hunderts sind hingegen ohne Zweifel 
Claude Larrain und Gaspard Dughet. 
Im Schatten der Giganten steht in 
durchaus würdiger Weise das Werk 
der etwas Kleineren, der G, B, Viola. 
Lanfranco, Bril, Tasst etwa; sogar 
kleinformatige Arbeiten von Pielro da 
Cortona konnten berechtigte Aufnahme 
in die Ausstellung hnden, von Andrea 
Sacchi, G. F. Romanelli. G. F. Grimaldi 
nicht zu reden. Einige wenige Plastiken 
von Algardi und Du Quesnoy erweitern 
das Gesamtbild. Interessant ist die Ein- 
beziehung von Werken Adam Els- 
heimers in die Schau; hier handelt es 
sich um die Berücksichtigung einer 
grundsätzlichen Haltung. die eben den 
Geist der Zeit ausmacht. 
Der Ausstellungskatalog wird, wie seine 
Vorgänger bei den Biennalen vergan- 
gener Jahre, zum unübergehbaren 
Standardwerk für den mit den Pro- 
blemen des Zeitabschnittes befallten 
Fachgelehrten werden. 
Ernst Köller 
 
Nicolcis POUSSHW, Ldllklktitltil Htll Ofpli 
Euridyke, Pult}. Louvie (Ausschnitt) 
TREVISO: AUSSTELLUNG 
CIMA DA CONEGLIANO 
Ende August bis Mitte November 1962. 
Satune dei Trecenzo. 
Das Hauptanliegen einer wissenschaft- 
lichen Ausstellung. die dem Schaffen 
eines einzigen Künstlers gewidmet ist. 
muß in der Rekonstruktion seines 
Lebenswerkes beruhen: die unmittel- 
bare Kollationierung von Gemälden. 
die in aller Welt verstreut sind, kann 
alleine letzte Erkenntnisse und Schlüsse 
hinsichtlich der Bestätigung und Ab- 
erkennung von Zuschreibungen liefern. 
Und es spricht für die Qualität der Vor- 
bereitung einer solchen Ausstellung. 
wenn das gebotene Bild schon zu Anfang 
ein geschlossenes und gerundetes ist. 
In dieser Hinsicht ist die Schau von 
Werken Cima dd Conegiidnds CllS 
besonders geglückt zu bclcttltnert. 
Was der Giorgione-Ausstellung in 
Venedig nlcht gelungen war, nümlich 
die Vorstellung einer greifbaren. sich 
klar von der Umwelt abhebenden 
Künstlerpersönlichkeit, ist der Ver- 
52 
anstaltung in Treviso schier restlos 
geglückt; Gian Battista Cimo (l459l60 
bis 'l5l7l18) offenbart sich in ihr als 
alles andere denn als Neuerer - im 
Gegenteil, er ist erzkonservativ. ein 
Bremsschuh der Entwicklung, wenn man 
so wtll. einer. der den Geist des Mittel- 
alters bis tief in die Renaissance weiter- 
trügt, ein gar nicht so geheimer .,letzter 
Gatiker". Er hat sich von den Großen 
seiner Zeit (Bellini vor allem) gar nicht 
erst freimachen wollen. er blieb stets 
ein bescheidener Handwerker im edel- 
sten Sinne des Wortes, dem es darum 
ging. zahlreiche Aufträge zur Aus- 
stattung van Kirchen gewissenhaft und 
nach besten Kräften redlich zu er- 
ledigen. Trotzdem ist Cima kein 
nschlechter" Künstler; unter den so 
poetisch begabten Malern seiner Zeit 
ist er der Erzpoet schlechthin, und seine 
Landschaftshintergründe. Vorbildern 
der engeren Heimat entnommen, sind 
von reinster Rßmüftllk durchdrungen. 
Seine HeiligenFiguren sind wett (lGVOH 
entfernt, zu individuellem vorzudringen, 
sie sind und bleiben Typen. aber von 
so edler Natur, von solch inniger Ver- 
haltenheit und seelischer Stille. doß die 
Frage nach einem Mehr oder Anders 
nicht aufkornmt. 
Die Ausstellung selbst ist nicht sehr 
groß, sie umfaßt 88 Nummern e keine 
ganz echte Zahl, wenn man bedenkt, 
daf) bei mehrtelligen Altorwerken jedes 
einzelne Stück seine eigene Bezifferung 
hat. Es erweist sich. dafl die Kunst 
Cimas. was weiters nicht verwunderlich 
ist, sich nur sehr bedingt entwickelte, 
sein Lebenswerk ist von durchaus 
statischem Charakter, das die Neu- 
erungen jüngerer Zeitgenossen nicht 
wahrhaben will. S0 ist etwa zwischen 
dem Altarwerk des Museo Civico in 
Vicenza (Thronende Madonna mit 
Kind zwischen St. lakobus und St. t-lie- 
ronymus) von 1489 und dem HI. Petrus 
auf der Kathedra mit den l-leiligen 
Johannes d, T. und Paulus sowie einen 
musizierenden Engel (Mailand. Brera). 
dem letzten sicheren Werk des Künstlers 
(1516). kOUfTi irgendein subslanlieller 
Unterschied festzustellen und vollends 
die lange Reihe der Bildnisse der 
Madonna mit dem Kind zeigt kaum 
irgendwelche Spuren einer Wandlung. 
Der Katalog von Luigi Menegazzi ist 
vorzüglich. Ernst Köller 
 
Cirna da Concgiiaiiii. Aiissciiiiiii at 
donria rnil dem Kind zwischen do 
engel Michael und dem tiLAndreas. 
Galleria Nazionale
	        

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