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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 89)

(Brüssel, Bibliotheque Royalc, Ms. 11.041) 
erscheinen so verwandt, daß man die 
Werkstätten in Brügge suchen möchte. 
Aber das ist nicht einwandfrei ausgemacht, 
vielleicht sind sie auch etwas südlicher zu 
lokalisieren, denn eine vierte Handschrift, 
die Pelerinages de la vie humainc des 
Guilleaumc de Deguileville (Brüssel, Ms. 
10.176), wahrscheinlich das früheste Zeugnis 
dieser Gruppe, noch aus dem ausgehenden 
14. Jahrhundert, ist aus einer Werkstatt 
des Artois hervorgegangen9. Keine dieser 
Handschriften gehört zur Gruppe der 
Stundenbücher und ähnlicher geistlicher 
Manuskripte. Ihre soziale Funktion war 
eine durchaus andere. Die Astrologische 
Handschrift ist wohl vom Herzog von 
Betty geschenkt worden, dennoch kann 
sie ebensowenig wie die anderen zur 
Kategorie der höfischen Handschriften ge- 
zählt werden. Die Miniaturen i es sind 
mehr oder Weniger lavierte Federzeich- 
nungen _ sind nicht kleine Gemälde, die 
Landschaften, Bauten, Kostüme und man- 
cherlei Beiwerk ausführlich schildern, viel- 
mehr sind sie mehr skizzenhaft angelegt, 
und häufig sind sie ungerahmt, so daß die 
Figuren frei auf der Blattfläche stehen. 
Nur sie waren den Malern wesentlich; 
Raum, Architektur und Landschaft waren 
dagegen kaum Problem, überhaupt sind 
italienische Anregungen wenig zu be- 
merken. Aber in den Figuren haben die 
Maler Alter und Häßlichkeit, Leid und 
Gemeinheit höchst lebendig anschaulich 
gemacht. In der Wiesbadener und der 
Brüsseler Handschrift ist gemeines Volk 
ganz ungeschminkt geschildert; plump ge- 
bärdcn sich die Figuren, die in die Alltags- 
tracht der Zeit gekleidet sind, ordinär, 
häßlich, verderbt sind die Gesichter. Mit 
neuzeitlich kühl-sachlichen Augen sind sie 
geformt. 
Nicht sosehr Stilistik als vielmehr Schil- 
derung wollen diese Miniaturen sein. 
Schönheit und Reinheit, Jugend und llri- 
sche waren nur bedingt die Ideale der 
hlaler. Damit unterscheiden sie sich tief- 
greifend von den zuerst genannten Tafel- 
und Buchmalereien aus Brügge und Gent, 
stehen sie zumal in schärfstem Kontrast zu 
den Miniaturen der Hofmaler, eines Jacque- 
mart de Hesdin, eines Boucicaut-Meisters, 
der Brüder von Limburglo. Der burgun- 
dische Hof mit seiner ritterlich-romanti- 
schen Atmosphäre ist fern. Fragt man aber 
nach den Anfängen dieser realistischen 
Richtung, so muß auf Jean de Bandol 
(Bondol), dem l-lennequin aus Brügge, 
verwiesen werden. Nicht erst zur Zeit der 
Brüder van Eyck War Brügge die Geburts- 
stätte einer neuen, auf die Natur als einer 
Quelle aller Gestaltung blickenden Kunst, 
schon eine Generation zuvor War von hier 
ein erster Anfang ausgegangen i freilich 
in sehr anderer Richtung. 
Jean Bandol hat sowohl in den mit ihm 
persönlich oder doch mindestens werk- 
stattlich oder schulmäßig zu verbindenden 
Handschriften, vor allem in der 1371 für 
Charles V. xiollendeten i signierten - 
Bibel (Haag, Museum Meeranno-West- 
reenianum, Ms. 10 B. 23) wie auch in den 
von ihm entworfenen und von Nicolas 
Bataille in den Jahren 1376-1381 für den 
Bruder des Königs, den Herzog von Aniou, 
gewebten Apokalypse-Teppichen in Angers 
dem Realismus zu einem ersten Durch- 
bruch verholfenll. W'ie in jenen eben be- 
sprochenen Handschriften äußert er sich 
am auffallendsten in den Gesichtern der 
Figuren, in ihrer Mimik, er wird aber auch 
schon in ihren Gebärden und Bewegungen 
deutlich, und höchst neuartig selbständig 
hat Bandol bereits Tiere und Pflanzen 
gesehen, hat er vielteilige Architekturen, 
reiche Baldachine, kleine Landschaftsma- 
tive geschildert. Raum und Tiefenbewe- 
gungen waren ihm schon Probleme, die 
Landschaftssegmente erscheinen schon als 
Aktionsbiihnen. Die Farben wechseln in 
den Teppichen noch korrespondierend von 
Bildfeld zu Bildfeld, das ist wie vieles 
andere traditionell, auch die Falten und 
Konturen sind zumeist noch im Sinne der 
französischen Schönschrift stilisiert, aber 
wie sich im Kolorit auch freiere, realistische 
Kombinationen Finden, so sind die Ge- 
wänder allgemein weicher geformt, und 
in diesen reicheren Schattierungen deutet 
sich der neue malerische Stil des folgenden 
Jahrhunderts an. Eine Handschrift des 
13. Jahrhunderts war, wie eine zeitge- 
nössische Eintragung besagt, Bandol zum 
Vorbild gegeben worden, er ist nichts 
weniger als ein Kopist gewesen. Nur im 
allgerneinsten ist er der gcwiesenen Vorlage 
gefolgt, im einzelnen hat er alles neu 
erfunden, er hat es in einer ausgesprochen 
realistisch-prosaischen Weise erfunden und 
geformt. Noch bevor Jacquemart de Hesdin 
und die anderen Hofmaler ihre Kunst der 
schönen Kantilene entwickelt hatten, war 
ihnen in Bandol also ein Widerpart er- 
standen. Neben ihnen, den Meistern einer 
höüschen Marchenkunst, begegnet er in 
seinen Werken als Prosaist; so ist er ihnen 
um mehr als ein Jahrzehnt vorausgegangen. 
Er suchte sprechende Gebärden und leb- 
hafte Mimik, und er gab, wo es der lnhalt 
verlangte, auch häßliche Physiognomien. 
Verquält sind in der Bibel von 1371 die 
Gesichter der weinend-klagenden Mütter 
im Kindermord, finster blickt der Sämann 
in der Darstellung der Flucht nach Ägypten. 
Eine ausgesprochen bürgerliche Stimmung 
atmen Bilder wie die Geburt des Kindes 
oder die Anbetung der Könige. Nicht 
wenige Köpfe erscheinen als Bildnisse; im 
Dedikationsbild ist Charles V. schonungs- 
los in seiner stupiden Häßlichkeit porträ- 
tiert. Da wird es deutlich, ein erster Bürger- 
maler, ein Meister einer in die Neuzeit 
weisenden Prosa ist Bandol gewesen, auch 
wenn er in hÖFlSChCH Diensten tätig ge- 
wesen ist. Natürlich darf scine Art nicht 
als ein ausschließender Gegensatz zu der 
Kunst der Hofmaler verstanden werden. 
Wie Jacquemart de Hesdin, die Brüder 
von Limburg, der Boucicaut-Meister Pio- 
niere gewesen sind, die altniederländische 
Malerei hätte ohne sie niemals erstehen 
können, so ist Bandol umgekehrt nicht 
nur Realist gewesen. Manche schönschrift-
	        

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