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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 89)

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Jetzt bin ich, glaube ich, so weit. daß ich auch 
Träume malen kann. Alles Figürliche. abgesehen 
vom Porträt, ist für mich eine Geschichte. Die 
Darstellungen des Mittelalters und Max Beckmann 
kommen mir dabei zu Hilfe." 
Aus diesen Worten lassen sich Stil und Ethos in 
Marie Lauise von Motesiczkys Werk erkennen. 
Das Abenteuer und die Mühe. gefühlsmäßig und 
gedanklich in die sichtbare Welt einzudringen, 
ist heute fast vergessen. Aber für Marie Louise 
von Motesiczky war die Einstellung zum Malen 
von Anfang an dieses Beteiligtsein, diese Wechsel- 
wirkung zwischen sichtbarer Welt und dem. was 
sich im Geist des beobachtenden Künstlers ab- 
spielt, 
Für sie bedeutet Kunst nicht die Realität zu ko- 
pieren. sondern die Erfahrungen. Empfindungen 
darzustellen: zu fühlen. zu träumen und Bilder 
zu schaffen. an denen die Wett und der Künstler. 
die Schöpfung und der Mensch gleichen Anteil 
haben. Die Natur mußte gewissenhaft studiert 
werden. denn selbst in einem verinnerlichten Bild 
mußten Licht und Formen, Raum und Massen 
gestaltet werden. Das Bild, die Poesie. der Traum 
mußten überzeugend wirken, so daß andere 
dazu gebracht werden konnten, es mit den Augen 
des Malers zu sehen, seine Vision mitzuerleben, 
Als die höchste Erfüllung von Marie Louise von 
Motesiczkvs künstlerischem Ziel könnte man an- 
sehen. was die Geschichte jener mittelalterlichen 
Nonne berichtet, die, eingächlassen in ihrer 
Zelle, das Leben nur wie durch einen Spiegel 
betrachten kann und die alles, was sie sieht, in 
einen großartigen Wandbehang einwebt; oder 
wiederum wie die Legende von dem chinesischen 
Maler, der so eins wurde mit seinem Bild, daß er 
darin vollkommen verschwand. 
Die Analyse nur eines einzigen ihrer Bilder 
(„Das alte Lied") möge hier genügen. um uns 
eine Vorstellung von der Einheit der objektiven 
und subjektiven Realität zu geben. in der sie die 
Grundlage ihrer Kunst erkennt. Eine alte Dame 7 
die Mutter der Künstlerin i liegt zu Bett. Eine 
Freundin ist zu Besuch gekommen, die immer 
erscheint, um von sich selbst und ihren Sorgen zu 
erzählen. Aus der Position. wie die Mutter im 
Bett liegt und aus dem Ausdruck ihres Gesichts 
können wir herauslesen. wie ängstlich besorgt 
sie ist, daß ihre Freundin sie nicht zu früh wieder 
ihrer Einsamkeit überlasse - die Furcht, daß 
etwas Aufregendes, etwas Lebendiges. Wichtiges 
damit verschwinden könnte, Die alte Dame lauscht 
einer Erzählung. die für sie ein Versprechen von 
neuem Leben bedeutet. Die Freundin trägt einen 
roten. mit Hermelin verbrämten Mantel; ihre 
Erzählung wird durch das Harfenspiel versinn- 
bildlicht. Ein Kakadu. der der Freundin das 
Leben schwermacht (der wohl für einen Menschen 
steht). sitzt auf der Harfe und verdirbt das Lied, 
Die alte Dame scheint um so belebter, je unglück- 
licher ihre Freundin wird. die wiederum hofft. 
durch ihr Klagen innere Beruhigung zu finden. 
Obwohl die Freundin in einem Mantel von vollem 
tiefem Rot erscheint. ist es die alte Dame. von 
der das Licht eines intensiven inneren Erlebens 
ausgeht. Marie Louise von Motesiczky hat ihre 
Mutter so gemalt. wie sie sie immer schon gesehen 
hat. Für sie ist die Mutter eine so herkömmliche 
Person wie Homer oder Äsop. Sie hat nicht 
einfach das Gesicht der Mutter abgemalt. sondern 
das Gesicht dargestellt das sich niemals ver- 
ändert: eine Situation. die immer da war. vertraut 
wie ein altes Lied aus den Kindheitstagen 7 
„Das alte Lied". 
Die Künstlerin fühlte einen inneren Zwang. dieses 
Bild so zu malen, wie es ist: den Ausdruck auf 
dem Gesicht. das sie so sehr liebt. die Gesten, 
die der Szene eine tiefere Bedeutung geben. Sie 
fühlte den Zwang. es aus der Realität und Ver- 
gönglichkeit auf eine höhere Ebene zu heben. 
Romantik? Nein. Es ist das .,ewig Menschliche" 
in der Kunst. der Sinn der Wirklichkeit. geformt 
im Feuer einer poetischen Konzeption. Und es 
sind alles Porträts: die Mutter. die Freundin. 
der Vogel. der Hund unter dem Bett - dünn 
gemalt. als wären sie mit durchsichtigen Tinten 
aufgetragen. Und das war in der Tat das künst- 
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