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Volltext: Alte und Moderne Kunst XI (1966 / Heft 89)

Kunst höchst sublimierter realistischer For- 
men konnte dieses stilisierte Leben an- 
schaulich machen. Dennoch darfdie Pionier- 
leistung dieser Miniaturrnaler nicht unter- 
schätzt werden. Auch der Boucicaut-Meister 
und die Brüder von Limburg haben die 
bildliche Darstellung in die dritte Dimen- 
sion geweitet und haben die Figuren zudem 
in einer neuen Weise als Charaktere be- 
griffen. Wenn sie dennoch primitiver 
erscheinen, so ist, wie schon angedeutet, 
zu betonen, daß die Brüder von Limburg 
bereits um 1400 tätig gewesen sind. Viel- 
leicht noch vor der Jahrhundertwende hat 
ihr Onkel Maelwael sie an den Pariser Hof 
gebracht, und 1402]03 haben sie, ebenfalls 
in Paris, in burgundischen Diensten ge- 
standen. Und der Boucicaut-Meister, der 
um 1402 in Italien gewesen sein muß, hat 
gegen 1410 spätestens die ersten überlie- 
fetten Miniaturhandschriften geschaffen. 
Der Kreis läßt sich erweitern. Das um 
1410 entstandene Reisealtärchen, das soge- 
nannte Norfolk-Altärchen (Rotterdam, Mu- 
seum Boymans-van Beuningen), das den 
dargestellten Heiligen zufolge in Maastricht 
oder im Bistum Lüttich, also im Geburts- 
raum der Brüder van Eyck entstanden ist, 
erscheint den Hubert van Eyck zuge- 
schriebenen Miniaturen im lNiailand-Turiner 
Stundenbuch immerhin so verwandt, daß 
wenigstens ein lokaler Zusammenhang 
angenommen werden darf. Das nur noch 
in Reproduktionen überkommene Bild der 
Muttergottes mit Heiligen, ebenso die 
Figürchen in Randszenen wie der Ver- 
spottung Christi oder der Einsegnung 
eines Friedhofes sind in Haltung, Gebärde 
wie auch Faltcnspiel überraschend gleich 
geartet und zudem von gleich hohem 
Niveau. Mitunter sind diese Figürchen in 
ihren elegant stilisierten Gewändern zum 
Auswechseln ähnlich. Und weiterhin sind 
Beziehungen zu dem 1415 datierten Gebet- 
buch der Maria von Geldern (Berlin, 
Staatsbibliothek, cod. germ. 4042, z. Zt. 
Tübingen) und zu der Zeichnung einer 
vornehmen Gesellschaft in Uppsala aufzu- 
zeigen. Das Norfolk-Altärchen dürfte um 
1410 anzusetzen sein, die Tres riches 
Heures in Chantilly sind um 1413-1416, 
das Mailand-Turiner Stundenbueh ist zwi- 
schen 1415 und 1417 zu datieren. Diese 
Daten verbieten, ein Schüler-Lehrer-Ver- 
hältnis vorauszusetzen. Ob es anzunehmen 
ist, wenn man ältere Handschriften Pauls 
von Limburg, die vor 1404 illuminierte 
Bibel Philipps des Kühnen (Paris, Biblio- 
theque Nationale, Ms. fr. 166) oder das um 
1405 ausgestattete Brevier Johanns Ohne- 
furcht (London, British Museum, Ms. Add. 
35.311 und Ms. Harley 2897), einbezieht, 
mag vorerst eine offene Frage bleiben, mit 
Gewißheit aber läßt sich sagen, daß hier 
im limburgisch-gelderischen Raum seit 
spätestens 1400 eine künstlerische Situation 
gegeben gewesen war, der die Kunst der 
Brüder van Eyck entwachsen konnte. Aus
	        

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