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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 90)

Die Eigenhändigkeit des Bozzettos steht 
außer jedem Zweifel. Die OberHäche zeigt 
lebendig die ungeglattete Spur der erfinden- 
den Hände des Meisters, seinen unmittel- 
baren Tocco. Im Vergleich mit seinen aus- 
gefeilteren Tonmodellen stehen seine Boz- 
zetti noch gleichsam im Rohbau der Inven- 
tion vor uns. 
Die Einordnung dieses Bozzettos im Werde- 
vorgang des Konstantin wird noch durch 
besondere Dokumente erhärtet, die der 
Meister mit seinem Modellierholz einge- 
tragen hat. Sie sind eine wichtige Quelle für 
die Geschichte der Konstantinsfigut. Neben 
der Dtaperie des Vorhanges ist rechts oben 
neben mehreren Buchstaben die Zahl 
65 cingeritzt 14 (Detail, Abb. 11). In diesem 
]ahre sind die Arbeiten an der Scala Regia 
schon weit vorgeschritten. Am 1. Juni 
meldet der Polier, der Capo-mastro, daß 
Treppe und Kolonnaden fertig sind. Nun- 
mehr mußte an die Aufstellung der Figur 
gedacht werden und die Gestaltung des 
Hintergrundes und des Sockels gelöst 
werden. 
Bernini selbst tritt im Juni 1665 seine Reise 
nach Paris an, um die Büste des Sonnen- 
königs und das Projekt für den Umbau des 
Louvre zu schaffen. Vor seiner Abreise hat 
er 1665 den hier erstmals veröffentlichten 
Idealentwurf für die Aufstellung an der 
Scala Regia vorgelegt. 
Der Bozzetto trägt jedoch noch ein wei- 
teres interessantes Dokument. Unterhalb 
der Zahl 65 ist mit dem Modellierholz 
die technische Montageskizze eingetragen. 
Im Querschnitt wird gezeigt, wie die senk- 
recht stehenden Reliefplatten und die rück- 
wärtige Stützplatte die profilierte horizon- 
tale Deckplatte tragen sollen. Außerdem ist 
die, Verankerung der Figur mit Zapfen 
eingezeichnet. (Die Drapierung des Hinter- 
grundes war nur in Stuck auszuführen, der 
an der Wand befestigt wurde.) 
Mit der Erstellung dieses Idealbozzettos 
war die Aufgabe jedoch noch lange nicht 
gelöst. Bis zur Aufstellung 1670 sollten 
noch weitere fünf Jahre vergehen und zwei 
Päpste (Clemens IX. und Clemens X.) 
gewählt werden. Nach der Rückkehr aus 
Paris im Dezember 1665 waren noch 
mancherlei technische Probleme zu lösen. 
Heute sehen wir in den beiden Seiten- 
feldern des glatten Sockels der Statue zwei 
getarnte Türen eingelassen (Abb. 13). Diese 
„Porticelle" führen zu einem Treppen- 
aufgang, der einen Stock höher im kleinen 
„Cortile del Matesciallo" mündet, von 
welchem aus man zum zentralen San- 
Damasus-Hof des Palazzo Angelico gelangt. 
Diese unscheinbare Nebentreppe ist für den 
internen Betrieb des Vatikans von großer 
Bedeutung. Ihr Verlauf war Gegenstand 
mancher Überlegungen. Fraschetti 15 bildet 
einen Plan Berninis aus der Sammlung 
Busiri-Vici ab, der die Neugestaltung des 
Cortile San Damaso zum Gegenstand hat. 
Inmitten des Hofes ist eine olfen nach oben 
mündende Treppe eingezeichnet. Dieser 
nicht verwirklichte Treppenlauf beweist, 
daß die heute im Sockel der Statue be- 
ginnende Treppe im ursprünglichen Plan 
Berninis erst im unteren Teile des langen 
Korridors vorgesehen war. Der Beginn der 
Treppe lag wohl nahe der heutigen - erst 
in späterer Zeit angelegten - Scala Pia. 
Bei der endgültigen Beschlußfassung über 
den Treppenverlauf hat man wohl die Ein- 
richtung - oder auch die Beibehaltung - 
des kürzeren Verbindungsweges verlangt, 
der vom Fuße der Scala Regia über den 
Cortile del Maresciallo führt. 
Damit war Bernini gezwungen, den Sockel 
des ldealbozzettos zu ändern. Die Treppen- 
türen wurden im Sockel eingebaut. Die 
Lösung zeigt großen Geschmack und bildet 
einen besonderen illusionistischen Geistes- 
blitz des Meisters. So erklärt sich das Weg- 
fallen der geplanten Sockelreliefs. 
Die neue Lösung ist in der letzten Modell- 
zeichnung festgehalten, die das Museum der 
Bildenden Künste in Leipzig besitzt. Mit 
der Genauigkeit eines Architekturrisses ist 
der glatte Sockel gezeichnet (Abb. 12). 
Diese Zeichnung ist daher heute mit 1666 
genau datierbarlß. 
Um die Beweisführung an Hand der Quellen 
deutlich zu machen, sei im folgenden das 
Werden des Konstantin kurz chronologisch 
rekonstruiert. Die schon bei Fraschetti 
größtenteils publizierten Archivalien sind 
im Werkskatalog bei Rudolf Wittkower 17 
kritisch zusammengestellt. Der Fund des 
Bozzettos bringt in der Reihung und 
Wertung der Zeichnungen einige Änderun- 
gen mit sich. 
13 p 
 
 
12 
I3 
um: Modelluichnung summa mit vertinfanrhtcm 
Sockel, 166a. Leipzig, Muscurn der Bildenden Künste 
um! des ausgzfühnm Sockels mit Eingängen zur 
Nebentreppe zum San-Dzmasus-Hul" 
ANMERKUNGEN 14717 
"Die mninng der cingcrilztcn Zahl es als jzhrcszahl 
(uns liegt nahe, da in der Werksgeschichl: dEf Hozzeno 
1664165 zntstanden sein nniß. Damit sind aber die 
anderen eingeritztcn Buchstaben und Zahlen nicht "um. 
Einem GCSPIÄCH mit Prof. Irving Lavin (New York) ver- 
dank: ich die Anregung. G21} dicsc: Zahl auch auf 
Zahlungen (Scudi a) oder auf Maßanpben bezogen Waden 
könnle. 
15 Fraschexli, a. z. 0., S. 312. Die bei Brauex-Wixtkower 
unter Nr. 164: abgebildete Zeichnung des Planes des 
nördlichen Korridor: sieht hingegen bereit die Neben- 
u-eppe vom Fuß der Scala Regia himer der geplanten 
8 
Aufstellung der Konslantinsügur vor. Diese Zeichnung ist 
wuhl zwischen was und 166a cntslanden. 
w Bei Drauer-Wißkower (a. a. o. unter Nr. 12 abgebildet. 
n; Drapicrcntwurf bezeichnet. urch den nunmehr vor- 
liegenden Bozzeuo kann dies: Zeichnung nun exakt 
frühestens 166:, datiert werden. Nach 1666 ist sie 
kaum mehr möglich, da in diewm Jahr: die 
Vorarbeiten fur den Sockel begonnen haben. Die 
Rcilcrügur und die Draperie sind auf diesem mm mit 
eanee eher lässigen Routine eingetragen, wähzcnd der 
Sockel mit größter Pedanlcri: ausgeführt ist. Dies: Zeich- 
nung ist daher als Modellzeichnung für den Sockel zu 
WEIKEII. 
11 A. z. 0.. s. 2331214. 

	        

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