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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 90)

In vollkommener Harmonie von Bewegung 
und Empfindung erleben Roß und Reiter 
die Himmelserscheinung. Der Wille, „in 
Stein zu malen", drückt sich auch in der 
einansichtigen bildmäßigen Konzeption der 
ganzen Nische mit dem rauschenden Vor- 
hang als Hintergrund deutlich aus. Wie 
unnachahmlich Berninis Gestaltung ist, 
erweist der Vergleich mit Cornacchinis 
Statue Kaiser Karls des Großen, die das 
Gegenstück zum Konstantin werden sollte. 
Bei Cornacchini blieb alles jedoch nur 
gezierte repräsentative Pose (Abb. 14). 
Diese malerische Gelöstheit der Gestaltung 
rief bei den zeitgenössischen Kritikern 
jedoch keineswegs Bewunderung hervor. 
Gleich nach der Weihe erhob sich von allen 
Seiten erbitterte Entrüstung. Die vatika- 
nische Bibliothek bewahrt ein Pamphlet auf, 
aus welchem in drastischer Weise diese 
heftige Empörung über die „unwürdige" 
Gestaltung des Konstantin hervorgeht37. 
Der viel zu klein geratene Kaiser sitze wie 
ein Alle auf einem Kamel, das Denkmal sei 
einerseits unnatürlich phantastisch, ander- 
seits vulgär naturalistisch. Es atme eher den 
Geist eines „barone di Campodifiore" 1x als 
den eines „Imperadore di Campidoglio". 
Schließlich erinnert der Autor an die ähnlich 
unwürdige Gestaltung der hl. Thercsia 
Berninis in der Kirche Santa Maria della 
Vittoria. wodurch eine der reinsten heiligen 
Jungfrauen entweiht und geschändet worden 
sei. 
Diese zeitgenössischen Stimmen machen uns 
das Neue und Bedeutende der Gestaltungs- 
weisc Berninis völlig klar. Das Unverständ- 
nis der Zeitgenossen sollte schließlich dem 
alternden Meister einen schweren und 
demütigenden Schicksalsschlag zufügen: 
die Ablehnung und teilweise Zerstörung 
seiner zweiten Reiterligur, des Standbildes 
des Sonnenkönigs. In diesem Werk wollte 
Bernini seine beim Konstantin gewonnenen 
Erkenntnisse und Leistungen in einer großen 
freistehenden Reiterligur krönen. Schon vor 
der Vollendung des Konstantin hatte Ber- 
nini anläßlich seines Pariser Aufenthaltes 
1665 den Plan für die Reiterstarue Lud- 
wigs XIV. erörtert. Die Arbeit an der 
Porttätbüste Ludwigs war nur eine Vorstufe 
dieser größeren Idee. Fasziniert von der 
Gestalt des absoluten Herrschers und 
beseelt von seinem Wunsche, dessen Reiter- 
standbild zu gestalten, nahm er mit Ingrimm 
alle demütigenden Intrigen des Pariser 
Hofes in Kauf. Ein unveröffentlichtes 
Skizzenblatt dieser Zeit 39 zeigt die leicht 
mit der Feder hingelegten Pensieri eines 
Reiters, umwuchert von Karikaturen und 
Fratzen der verhaßten Cavalieri Francesi 
(Abb. 15). 
Der in der Villa Borghese aufbewahrte 
Tcrrakottaentwurf zeigt die Rcitcrfigur des 
Sonnenkönigs in einer großen, majestätisch 
vorwärtssprengenden Bewegung (Abb. 16). 
Es mag uns heute unverständlich erschei- 
nen, daß die fertige Figur in Frankreich 
vollkommen abgelehnt worden ist, ja sogar 
als Majestätsbeleidigung gewertet wurde. 
jahrelang lag sie unabgeholt in Berninis 
Atelier, bis sie schließlich doch noch nach 
Frankreich gebracht wurde. Dort hat man 
sie durch häßliche Änderungen und alberne 
Zutaten in ein Standbild des Marcus 
Curtius travestiert und im Versailler Park 
verschwinden lassen 40. 
So ist der Konstantin Bcrninis einzige 
Reiterstatue, die unversehrt erhalten ge- 
blieben ist. Das Himmelszeichen „In hoc 
signo vinces", das dem Kaiser erschienen 
ist, hat auch den Künstler geleitet. Auch wir 
stehen noch geblendet in seinem Banne, 
wenn wir vor seiner gewaltigen Schöpfung 
stehen, am Fuße der Herrschertreppe, die 
hinaufführt zum Palazzo Angelico der 
Päpste.
	        

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