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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 90)

die hohe Wertschätzung Ferdinands, mit 
dem ihn herzliche Beziehungen verbanden 77. 
Bereits sein erstes Grazer Bild zeigt den 
völlig anderen Ton, der nun vorherrscht. 
Es ist eine Apotheose der Gegenreformation 
in der an der Stelle eines Autodafes luthe- 
rischer Schriften vom Erzherzog 1600 ge- 
stifteten Antoniuskirche. In spätmanieri- 
stisch verschrankter Figurenkomposition 
sehen wir rechts am Rande den jugendlichen 
Ferdinand in voller Rüstung knien, wie er 
eben von der Religio Schild und Schwert 
überreicht bekommt (Abb. 6)73. Was unter 
Karl nie geschah, jetzt triEt es zu: der 
katholische Regent läßt sich in der Gesell- 
schaft von Heiligen als militanter Streiter 
wider den Unglauben darstellen, Wobei 
Harnisch und Schwert die Unbeugsamkeit 
seines Vorgehens deutlich vor Augen 
führen. Wie sehr Ferdinand seine Einstel- 
lung zum Protestantismus im Bild propa- 
giert wissen wollte, beweist die Tatsache, 
daß er sich noch zweimal in gleicher Auf- 
machung und Funktion abbilden ließ79. 
Daneben mußte de Pomis auch die Stif- 
tungstätigkeit des Hofes, die der katholi- 
schen Seite wieder Boden unter die Füße 
gab, im Bilde verherrlichen. Auf einem 
weiteren Bild der Antoniuskirche (Abb. 7) 
sehen wir links unten die Erzherzoginxxiitwe 
als Stifterin des Klarissinnenklostcrs im 
Paradeis, das an Stelle der 1599 gesperrten 
protestantischen Stiftsschule errichtet 
wurdeöü. Das auch hier zu beobachtende 
enge Beisammensein mit beliebten Heiligen 
der katholischen Kirche soll für die Recht- 
mäßigkeit der Sache des Hofes in der 
Glaubensfrage sprechen 31. De Pomis' Rolle 
als Hofkünstler ist also die eines Propagan- 
disten für den katholischen Glauben und 
für die Regentenfamilie, die diesen Glauben 
mit Macht durchsetzte. Seine eigene Lei- 
stung ist es dabei, wie er sein italienisches 
Formengut, das vom venezianischen Spat- 
manierismus (Tintoretto) gespeist ist, diesen 
steirischen Verhältnissen anpaßte und damit 
eine Hofkunst schuf, wie sie Weder in 
Wien noch in München oder Prag anzu- 
treßien war 32. Als höfischer Porträtist ist er 
allerdings, wie Heinz nachgewiesen hat, 
dem Rudolfinischen Malerkreis verpflichtet, 
wozu ihn sicher die Grazer Arbeiten der 
Aachen und Heintz d.  angeregt haben 
werdenß}. Die Totenbilclnisse der Erzher- 
zoginwitwe Maria und der Erzherzogin 
Maria Anna seien als Beispiele ange- 
führt34. 
De Pornis war der erste Hofmaler, der im 
steirischen Boden Wurzeln schlug und auf 
den allmählich erwachenden heimischen 
Kunstbetrieb, der sich mit dem Wieder- 
erstarken der katholischen Kirche auch 
außerhalb von Graz zu regen begann, be- 
deutend einwirkte. Dies gelang ihm, scheint 
uns, vor allem dadurch, daß er in seiner 
Weiteren Tätigkeit für den Hof und den 
steirischen Adel seinen Malstil in Richtung 
auf den strengen Barock hin wandelte, 
wozu als charakteristische Werke das 
Christusbild im Grazer D0m35 und das 
Hochaltarblatt der von ihm für die Eggen- 
berger gebauten Mariahilferkirche genannt 
seien, Welches bezeichnenderweise zu einer 
der meist kopierten Mariendarstellungen des 
steirischcn Barock wurde S6. 
Der allgemeine Aufschwung der Malerei 
unter Ferdinand, an dem nun auch immer 
mehr Nichtitaliener mitwirkten, sei am Bei- 
spiel der bemalten Decken von Schloß 
Tausendlust bei Graz aufgezeigt, köstlichen 
Grotesken, am Ende des 16. Jahrhunderts 
entstanden, mit typisch nordischer Lebens- 
lustsymbolik (Abb. 8) 57. 
Der protestantischen Kunst war mit Ferdi- 
nands Politik allerdings bald der Boden ent- 
zogen. Nicht nur, daß jeder Kirchenbau 
fortan verboten war, wurden darüber hinaus 
noch durch eingesetzte „Religionsrefor- 
mationskommissionen" die bisher bestehen- 
den Bauten mit seltener Gründlichkeit dem 
Erdboden gleichgemacht 38. Erhalten hat 
sich aus dieser Zeit nur ein Bilderzyklus in 
Tipschern bei Gröbming von 1597 bis 1599, 
bezeichnenderweise in einem zum Betsaal 
adaptierten Privatraum 39. 
Als Ferdinand 1619 als Kaiser Graz verließ, 
hatte sich das Kunstleben schon einiger- 
maßen konsolidiert. Zwar dominierten 
Italiener in der Baukunst nach wie vor und 
hielten die meisten Stellen besetzt90, doch 
kann gerade in der Malerei ein immer 
häungeres Aufseheinen deutscher Namen 
konstatiert werden. Dies führte letztlich zur 
Gründung einer am 4. jänner 1622 von 
Ferdinand bestätigten Malerkonfraternität, 
in der sich die Grazer Maler und Bildhauer 
gegen fremde Meister absicherten9l. Ihr 
Urheber war niemand anderer als de Pomis, 
der seine führende Rolle auch nach dem 
Weggang seines Protektots bis zu seinem 
Ableben1633 geschicktbehaupten konnte. 
Von den namentlich bekannten Malern des 
frühen 17. jahrhunderts heben sich neben 
de Pomis zwei mit je einem erhaltenen Werk 
bestimmbare Meister hervor. Der eine, 
Jakob Klingko, war Hofmaler bei Ferdinand 
und zeigt in einem Marienbild mit Gio- 
vannino von 1618 ausgesprochen deutsches 
StilgeprägeW. Anders dagegen Hans Heinz, 
der ab 1620 in Graz nachweisbar ist und hier 
1635 verstarb93. Sein Altarblatt mit der 
Himmelfahrt Mariä in der Kapelle des 
Grazer Landhauses von 1631 (Abb. 9) ist 
venezianisch beeinflußt und steht wie der 
reife de Pomis auf der Stilstufe zwischen 
Spätmanierismus und Frühbarock94. Über 
Heinz sind zur Zeit noch Forschungen im 
Gange im Zusammenhang rnit der Eruie- 
rung der Meister des deutsch-römischen 
Skizzenbuches von 1609[11 in Wolfen- 
büttel, und es ist dabei auf neue Ergebnisse 
zu hoPfen95. 
Sehen wir also in Graz, initiiert von de P0- 
mis, ab dem 2. Jahrzehnt bereits den Früh- 
barock heraufkommen, so ist in der übrigen 
Steiermark noch ein längeres Beharren auf 
spätmanieristischen Vorbildern vor allem 
deutscher Künstler zu beobachten, die in 
Nachstichen eine große Verbreitung 
fanden. So geht etwa die Taufe Christi am 
rechten Scitenaltar von 1645 der Pfarr- 
kirche von Murau auf eine Komposition 
des Hans Rottenhammer zurück (Abb. 10, 
11)96, während das Oberbild am rechten 
Seitenaltar von Sehöder der von H. v. 
Aachen für Il Gesü gemalten und 1588 von 
E. Sadeler nachgestochenen Geburt Christi 
entlehnt ist (Abb. 12, 13) 97. Doch war dieses 
Mißverhältnis am Ende des 17. ]ahr- 
hunderts ausgeglichen, als Adel und Kirche 
in gleicher Weise als Auftraggeber in Er- 
scheinung traten. 
Wenn wir von den über 50 Jahren Gtazer 
Hofmalerei auf Grund der exklusiven 
Bestimmung ihrer Hervorbringungen auch 
nur das Werk des de Pomis als von direktem 
Einfluß auf die weiteren künstlerischen Ge- 
schehnisse in der Steiermark erkennen konn- 
ten, so müssen wir doch festhalten, daß in 
diesen bewegten Jahren ein geistiger Prozeß 
der Erneuerung, des Aufnehmens das Land 
bewegt hatte, der dann den Grund legte für 
die Entstehung einer eigenschöpferischen, 
blühenden Barockkunst. 
ANMERKUNGEN 68 - 97 
"E Die Stadtpfarrkirdxc zum Heiligen Blut in Graz, Graz 1916, 
S. 30T. e Kohlbach, Die gotischen Kirchen in Graz, Graz 
1950, S. ZHf. 
70 Wasller. Kunstleben, a. a. O S. 112, 166. 
71 Dcrs" Kunstlcben, cl. a. 0., . 1135 - Thiel, Die landes- 
(ürsllichc Burg, a. a. 0., S. 23f. - Georg Troescher, 
Kunst- und Kürßdßlwändetllngün ih Mitteleuropa soo bis 
1800, 2. Bei, 1954, S. 432 (dort weitere Literatur). 
71 Heinz, Studien, a. a. 0., S. 125 f. 
73 Wastler, Kuusllcbcn, a. a. 0., S. 1246". 
74 Heinz, Studien. a. a. 0., S. 129 und K32. 
75 Wastler, Klmstleben, a. a. 0., S. 224, Anm. 194 - Heinz, 
Studien. a. a. 0., S. 129i 
76 Heinz, Studim, a. a. 0.. S. 136. 
11 Nebehay, a. a. 0.. dort alle wichtige Litclilut. 
18 Dies., a. a. 0 s. 19m - Kohlbach, Die barocken Kirchen 
in am, 21.2.0 s. 41. 
w Einnnl in dem Bild "Allegorie Qüf Erzherzog Ferdinand 
von lnncrösbexreich als Gegenreformator" in der Alten 
Galerie am joanncum, gemalt von de: Pomis um 1514. 
siehe dazu Nebehay, a. a. 0., S. 93m und, ll., s. 7r i 
Keehh, Katalog. a. a. 0., s. 2l r. (dort alle weitere Literatur). 
Die zweite Demelliihg, ausgeführt in Fresko, beßndex sich 
im dCI elliptischen Kuppel über der Grabkapellc das Grau: 
Mausoleum: und enlsprich: in ihrer Kompnsilinll dem 
20 
  
Bild der Alten Galerie. Nebehay schreibt auch diese Arbeit 
de Pomis zu. a. 2. 0.. s. 99, und ll., s. slr. e Ulrich 
oelierbuuer, zur Restaurierung des Mausoleums in Graz, 
in: osrerreieluselie Zeitschrift für Kunst- und Denkmal- 
pflege. x. ]g., 195a, s. 110m, weist dagegen näCil, daß 
diese Kuppel erst von 1688 bis 1695 zusgeschmückt wurde, 
das ilLlf Ferdinand bezügliche Fresko also erst in dieser Zeit 
entstanden sein könnte. Dann hätte de Pomis' Bild nOCh 
so Jahre nach seiner Entstehung als Vorlage gcdicnt. 
w Nebchay, a. a. 0., s. 4m.  Kohlbach. Die barocken 
Kirchen, a. 3. 0., s. 42. 
M Hiezu wäre K101i"! das große Altarbild rrii: der Himmelfahrt 
und Krönung Mariens, verbunden mit der Aufnahme der 
Erzherzogin Maria in den Himmel, anzufuhrcix, dds 
ursprünglich als Hnchaltarbild des Klarissinnenklosters 
diente und sich lieure in der Alten Galerie befindet. Sich: 
dazu: Kurt Woisetschlägcr, Meisrerwerlre der Barock- 
mzlenzi im Landesmuseum Joanneum Graz, Joannea, Bd. l. 
Wien 1961. S. IOO (dort alle Weitere Literatur). 
uNcbehay. 3.3.0 9.3981 
Ü Heinz. Studien. . . 0., S. 13111". 
3' Beide Bildnisse beündcn sich, wie auch nllc anderen 
Ponräts der sleirischen Linie, seit dar Auflösung der 
Gxazer Kunstkammcr was in wien (jetzt Kunsthislorisches 
Museum). Wastler, Kunstleben, a. a. 0., s. 185 e Heinz, 
srudien, 121.0. 5.13211 
H Entstanden 1519 Ncbchay, 3.11. 0.. s. mit, und 11., 
s. 12. Der Stilwundel des de Pomis ist iielier auf eine 
  
zwischen m17 und 1611 liegende Italienreise Zurückzu- 
rnnren. - Gertmde Aurcnhammer, nie Handzcichnungen 
des 17. Jiis. in Öshcrreich, 195a, s. s7r. 
M Entstsnden 1611; Nehehay, a. a. 0.. s. 7m, und 11., 
s. a1. 
v Dehio. Steiermark, a. a. o. 
w Mnttiies. Evangelische Kirchenbautcn. a. a. 0. 7 Wastlcr, 
Die protestantische Kirche zu Scharfcnau bei Sachsenfeld. 
in: Miltheilungcn des historischen Vcrcins für Steiermark, 
xxxvm. Heft, 1x90, s. m. 
w gnkinn. Ein pxoteslantischcr Bildzyklus in steierninrk. in: 
Osterreichische zeirseiirirt riir Kunsl- und Denkmalpflege, 
Jg. XI, 1957, s. an". 
w Wasllcr, Die Verwclsthung der ßnnrrseisrerzniirr in Graz 
im XVII. Jnirriinntierr, in: Mitthcilungcn der k. k. Ccntml- 
Commission, xrx. ]g., N. F., 1x93, s. 17311". 
M Wastlcr, Die Ordnung der von Peter de Pomis gcgxündcltil 
Mxler-Confzalernitäl in Graz, Graz o. I, 
91 Wastler. Kunstlcbcn. z z. O S. 191 7 Artikel in Thicmc- 
Becker, XX. Bd., 192 
93 Wasller, Kunstleben. a. a. O S. 191 7 Artikcl in Thicrnc- 
Becker, XV. 1341., 1922 (unv. Haintz). 
W Wasrler, Landhaus, a. a. O.. S. 25T. 
95 Friedrich Thune. Ein dCuKS römisches Skizzenhuch von 
1609 bis 1611 in der Herzog-August-Bibliothck zu Wolfcn- 
nuttei, Berlin 1960. s. 171. 
v6 Woisetschläger - Maycr, n. a. 0., s. 377a 
W Dies, a. a. 0., s. 27911. 
 

	        

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