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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 91)

oberhalb des Tores sind die Rollen für die 
Zugbrückenketten noch sichtbar. Der An- 
bau stand an der Ostseite frei, über der 
freien Auffahrt war die Nordmauer des 
Innentraktes sichtbar. Über dem Westlich- 
sten Joch der Auffahrt erhob sich ebenfalls 
ein turmartiger Anbau, der etwas weiter 
nach Osten gereicht haben dürfte als die 
heutige Fassadenlinie, denn an der Naht- 
stelle zwischen der nördlichsten und der 
zweiten Fensterachse ist unter dem Putz 
eine vertikal verlaufende Erhebung in der 
Stärke der ausgerissenen Mauer zu sehen. 
Der südliche Fassadenteil, der über der 
Kapellendurchfahrt liegt, ist um ein Stock- 
werk niedriger als die Fassade. Das Türm- 
chen, das darüber noch sichtbar ist, könnte 
zur Kapelle gehören (die heutige hat 
keines), oder aber es ist damit die Bekrönung 
des sogenannten dritten Turmes gemeint, 
die später abgetragen wurde. Dieser dritte 
Turm erhebt sich nur um ein Geschoß über 
der westlichen Ecke des Südtraktes zwi- 
schen der kleinen Zisterne und dem Stiegen- 
haus. Um das Haupttor in der Ostfassade 
waren noch keine Figurennischen einge- 
lassen. Das oberste Stockwerk war nied- 
riger als jetzt und die Zwiebelbekrönung 
des Uhrtürmchens saß ein Geschoß tiefer. 
Damit ist im wesentlichen schon alles über 
den letzten Umbau des Schlosses gesagt, 
den Graf, später Fürst Paul Esterhazy 
1683 bis 1687 durchführen ließ. Nur eine 
Inschrift, die in der Kapelle eingemauert 
ist, nennt ein Datum, sonst sind bisher 
keine Archivalien gefunden worden, die 
über Bauzeit und Baumeister Aufschluß 
geben könnten. Den Beweis für die Authen- 
tizität der Stammbaum-Ansicht, die den 
Zustand des Schlosses, wie Simon Radäck 
es erbaut hat, viel richtiger wiedergibt als 
die beiden bekannten Stiche von Matthäus 
Greischer, liefert der Bau selbst. Fürst Paul 
ließ den ganzen Dachstuhl über den Innen- 
trakten mitsamt den Zimmerdecken des 
Obergeschosses abtragen, um sie auf gleiche 
Höhe mit den neu geplanten Bauteilen 
führen zu können, also vor allem dem Auf- 
bau über der nötdlichen Auffahrt, der 
Aufstockung des Südanbaues und der 
Kapelle. Die Spuren des alten Dachstuhles 
sind am Untergeschoß des Uhrtürrnchens, 
am großen Turm und an den Mauern des 
sogenannten dritten Turmes noch sichtbar 
und liegen mehr als 2 Meter tiefer als der 
Ansatz des heutigen, der in seiner ganzen 
Ausdehnung neu aufgerichtet wurde. S0 
haben alle Zimmer des obersten Stock- 
werkes jetzt flache Decken mit einem 
schmalen Stuckgesims. Aber auch im 
ersten Stock wurden teilweise flache Decken 
eingezogen, so daß nur noch wenige Räume 
die Kreuzgratgewölbe des Nikolaus-Baues 
erhalten haben, so die obersten Treppen- 
absätze der beiden Stiegenhäuser und ein 
Zimmer oberhalb des Einfahrtstores. Die 
Fenstereinteilung des Radäck-Baues zeigen 
nur noch zwei Achsen an der Südseite des 
dritten Turmes. Alle Fenster an der West- 
und Nordfront wurden auf gleiche Größe 
gebracht, dagegen erhielt der Südtrakt im 
ersten Stock hohe halbrund geschlossene 
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Fenster, im zweiten Stock bis zum Boden 
heruntergezugene rechteckige Türen mit 
„französischen" Balkonen. Der Baumeister 
unter Fürst Paul hat aus der noch immer 
winkelig verbauten Burg, die vielleicht so- 
gar noch die Erinnerung an den mittel- 
alterlichen Bau, ein lang gezogenes Vier- 
eck mit Ecktürmen, bewahrte, einen ge- 
schlossenen Block von mächtiger, straff ge- 
gliedetter Gesamtwirkung gemacht. 
Der Innenhof war in der Zeit Nikolaus" mit 
einer al fresco gemalten Scheinarchitektur 
geschmückt gewesen, die mit Pilastern und 
Gesims bis zur heutigen Fensteroberkante 
gereicht hatte. Reste von Mc-daillons mit 
Bildnissen von Heiligen und Kaisern sind 
noch auszunchmen, eine Inschrift 
einem religiösen Spruch an der Nordfront 
ist nicht mehr lesbar. Diese Dekoration 
wurde beim Umbau nicht nur übermalt, 
sondern größtenteils auch ahgekratzt, ihre 
Spuren kommen jetzt unter der schad- 
haften Tünche wieder zum Vorschein. 
Auf die letzte Bauzeit geht auch die Aus- 
gestaltung des Hauptportales am Torbau 
zurück, dessen Nischenfiguren denen am 
östlichen Schloßtor sehr ähnlich sind. Über 
dem Innentor des Torbaues steht in einer 
Nische eine steinerne Statue der Maria- 
zeller Muttergottes, unter der in einer In- 
schrift die Jahreszahl 1696 zu lesen ist. 
Wohl zur Erinnerung an eine große XVall- 
fahrt des Fürsten in diesem Jahre hier 
angebracht, dürfte sie auch als Abschluß- 
darum für den ganzen Bau anzusehen sein. 
Später ist nichts Wesentliches mehr weg- 
oder hinzugekommen, nur an der Einrich- 
tung hat sich manches geändert. In seinem 
Testament aus dem Jahre 1695 hat Fürst 
Paul bestimmt, daß das ganze Haus als das 
Stammschloß der Familie standesgemäß 
eingerichtet bleiben müsse, daß Möbel, 
Teppiche, Vorhänge und Bilder ebenso an 
Ort und Stelle verbleiben sollten wie die 
Schatzkammer und die umfangreichen Be- 
stände an Waffen und Kriegsmaterial und 
die Fahnen. Nach der Fertigstellung des 
neuen Schlosses in Eisenstadt hat die 
Familie selbst ia nicht mehr hier gewohnt, 
sondern nur noch zeitweise einen Teil der 
Räume benützt, wovon noch die schönen 
Rokoko-Kaehelöfen in den Zimmerfluchten 
des obersten Stockes zeugen. Die riesigen 
Kamine der Innentrakte wurden erst im 
19. Jahrhundert abgetragen. Es wurden 
aber weiterhin alle Dinge hierher ver- 
bracht, die der Familie wcrt waren, auf- 
gehoben zu werden. Im 18. Jahrhundert 
hatte Forchtcnstcin seine Bedeutung als 
Festung wehrtechnisch verloren, aber es 
war als Ganzes zur Schatzkammer und zu 
Anfang des 19. Jahrhunderts zum Museum 
geworden. lirst zu dieser Zeit kam ein 
großer Teil der Familien- und Kaiserbilder 
aus anderen Schlössern hierher ebenso wie 
die Bestände der Eisenstädter Jagdkammer, 
die nun zusammen mit den VUalIen der 
Esterhzizfschen Regimenter und den ein- 
gebrachten Beutestücken aus den Kriegen 
aus drei Jahrhunderten eine der groß- 
artigsten privaten Waffcnsammlungen Euro- 
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