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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 93)

Hans Widrich 
SALZBURGS 
ALTE SCHATZKAM M ER 
In den nördlichen Oratorien des Domes 
zu Salzburg veranstaltet das Salzburger 
Metropolitankapitel jedes zweite Jahr eine 
Ausstellung, die zur Erhellung der Ge- 
schichte der Erzdiözese beitragen soll. 
1965 wurden die Schönen Madonnen aus- 
gestellt, deren Präsentation beim breiten 
Publikum auf ein außerordentliches Inter- 
esse stieß, darüber hinaus aber auch den 
Kunsthistorikern neue Erkenntnisse brachte. 
Heuer wird vom 11. Juni bis zum 15. Sep- 
tember „Salzburgs alte Schatzkammer" 
gezeigt. Der vorliegende Aufsatz wurde 
vor Eröffnung der Ausstellung geschrieben 
und will deren bedeutendste Aspekte auf- 
zeigen. Das Gelingen dieser Schau stellt 
den Schlußpunkt einer spannenden Affäre 
dar. 
Die unzähligen Besucher des Salzburger 
Domes ahnen nicht, daß über dem Domplatz 
sich einst Salzburgs „Gallerie bey Hof" 
befand. In den Jahrzehnten der Ernied- 
rigung des Landes im vergangenen Jahr- 
hundert ging das Wissen um den seiner- 
zeitigen „Staatsschatz" verloren. Schon 
1883 wies eine zufällig entdeckte Spur nach 
Florenz, doch erst seit den Aufnahmen zur 
Österreichischen Kunsttopographie wurde 
das Interesse der Forschung auf die Be- 
stände der „Argenteria", der Schatzkam- 
mer des Palazzo Pitti, gelenkt. Die ent- 
scheidenden Ergebnisse brachten erst die 
intensiven, mit Sachkenntnis und Gespür 
betriebenen Forschungen von Kurt 
Rossacher, der darüber in dieser Zeitschrift 1 
berichtet hat. In seiner großen Publikation 
„Der Schatz des Erzstifres Salzburg 7 
Ein Jahrtausend deutscher Goldschmiede- 
kunst"? konnte Rossacher nach Ent- 
deckung zahlreicher bisher unbekannter 
Objekte erstmalig einc wissenschaftlich 
fundierte Rekonstruktion des Bestandes 
an Goldschmiedekunst zum Zeitpunkt der 
Säkularisation des Erzstiftes 1803 vorlegen. 
Das umfassende Werk kann im gewissen 
Sinne als Vorwegnahme der Ausstellung, 
die in Parallele dazu aufgebaut wird, an- 
gesehen werden. Der Autor verweist in 
ihr auf 239 Gegenstände aus dem erzstift- 
liehen Schatz. Ein großer Teil davon, 
vor allem liturgisches Gebrauchsgerät, ge- 
hört heute dem Salzburgcr Domkapitel. Die 
113 wertvollsten Pretiosen stehen dagegen 
in Florenz; allein davon hat Rossacher 
102 Stücke selbst entdecktl Einzelne Werke 
fand er in öffentlichen und privaten Samm- 
lungen in Salzburg, Wien, München, Paris, 
Rom, New York und London. 
Als der Reichsdeputationshauptschluß von 
Regensburg 1803 dem geistlichen Fürsten- 
tum ein Ende setzte, wurde die religiöse 
Gewalt von der staatlichen, der kirchliche 
Besitz vom landesfürstlichen getrennt. Als 
neuer Landesherr zog der durch Napoleon 
aus Florenz vertriebene Großherzog von 
Toskana und nunmehrige Kurfürst von 
Salzburg, Ferdinand I., ein. Er nahm mit 
dem Land auch dessen Kleinodien in 
Besitz, ließ sie vorübergehend in Buda 
vor den anrückenden Franzosen in Sicher- 
heit bringen und später - als er zum Groß- 
herzog von Würzburg avancierte - dorthin 
nachsenden. 1814 konnte er wieder nach 
Florenz zurückkehren. Die Schätze, die er 
an den einzelnen ehemals geistlichen Höfen 
angesammelt hatte, nahm er mit sich. 
Nach der Vertreibung der Habsburger aus 
der Toskana gingen sie in den Besitz des 
italienischen Staates über. Der Verlust des 
Schatzes ist für Salzburg außerordentlich 
beklagenswert. Trotzdem rnuß festgehalten 
werden, daß Ferdinand ihn rechtmäßig 
übernommen hat und von seinem Nach- 
folger, dem Österreichischen Kaiser, nie 
zur Rückgabe aufgefordert worden ist. 
Angesichts der folgenden Wirren kann 
sogar angenommen werden, daß die Kunst- 
werke nur durch diese Verschleppung vor 
dem Untergang bewahrt worden sind. Sie 
beFinden sich heute zwar an einem fremden 
Standort, aber in ihrer relativen Geschlos- 
senheit lassen gerade die Schätze in Florenz 
den Glanz der einstigen Sammlung ahnen. 
Vor der Säkularisation sind die Schatz- 
kamrnerstücke an drei Örtlichkeiten auf- 
bewahrt worden: die liturgischen Geräte 
als „Domschatz" in den beiden Sakrisreien, 
die Geschirre und Geräte der höFischen 
Repräsentation in der „Hocherzstiftlichen 
Silberkammer" der Residenz, die Samm- 
lungen der „Kunst- und Wunderkammcr" 
in der „Großen Gallerie bey Hof" im 
zweiten Obergeschoß des heute zur Erz- 
abtei St. Peter gehörenden Traktes am 
Dornplatz. 
Rossacher geht in seinem Buch und im 
Einleitungstext des Ausstellungskataloges 
auf die Geschichte des Schatzes ein. Obwohl 
aus dem Mittelalter weder Scharzverzeich- 
nisse noch Heiltumsbücher erhalten sind, 
legen Vergleiche mit Stücken in St. Peter 
und einige spärliche Nachrichten die An- 
nahme nahe, daß in Salzburg ein Zem 
mittelalterlicher Goldschmiedekunst 
standen hat. Die Qualität der Werke 
1400 dokumentieren die wenigen, biz: 
Gefäße in Florenz, die für die Hofhal 
auf der Hohensalzburg angeschafft xvo 
sind, und das Legatenkreuz Leonhards 
Keutsehaeh (l495wl5l9). Die folge- 
Bauern- und Bürgerunruhen und die ( 
benskämpfe nach der Reformation brac 
die Salzburger Goldschmiedekunst 
Erliegen. Erst nach dem Konzil von T1 
als Erzbischof Johann Jakob von K 
Belasy (156071586) den Hof in die l 
verlegte, kamen neue Impulse. Am 
kalsten förderte Wolf Dietrich von 
tenau (158771612) das Werk der ur 
senden Erneuerung. Er ließ die Resi 
neugestalten und erteilte den Au 
zum Neubau des Domes. Daß er r 
der Goldschmiedekunst eine zentrale 1 
zuwies, erkennt man an der Beru 
der hervorragendsten Künstler an 
Salzburger Hof: Paulus van Viancn 
Utrecht, Hans Karl aus Nürnberg, l 
Mentz aus Fulda und Paul Hühner 
Augsburg. Trotz seines tragischen E 
konnte der Fürst Wenigstens in den C 
schmiedewerken sein gigantisches Kor 
zur Durchführung bringen. 
Im 17. Jahrhundert erreichte die K: 
und Raritätenkammer durch Ankäufe r 
scher und holländischer Meister und 
schiedenartiger Kleinplastiken ihre hö4 
Blüte. Um 1700 zeigen noch Fischer 
Erlachs Bauten den ungebrochenen W 
zur Erneuerung. In den Jahrzehnten 
Rokoko hingegen richtete man sich 
der jeweiligen Mode und begnügte 
mit der Herstellung von Meßkelchen 
Tafelgeräten. Häufig wurde mehr als 
Tonne alten Silbers für ein neues Se: 
geopfert. Geblieben ist davon nur 
prächtige vergoldete Reisegarnitur des 
bischofs Hieronymus Graf Colloredo. I 
rend im 16. Jahrhundert 90 Prozent 
alten Schätze eingeschmolzen worden 1 
um zum großartigen Neuen umgestaltx 
werden, gab dieser aufgeklärte Fürst 
reiche wertvolle Werke dem „Gok 
prägen" preis. Er hatte sogar den l 
die Prachtgeschirre Wolf Dietrichs 
liquidieren. Salzburg zeigte demnach st 
vor der Säkularisation kaum noch 
Kraft, für die Kostbarkeiten der Trad 
Opfer zu bringen. 
ANMERKUNGEN l. 2 
1 An: und moderne Kunst. Jahrgan 1962. Mai-Juni, 
September-Oktober und Novcmher- ezember. 
1 Rcsidcnz Verlag, Salzburg 1966.
	        

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