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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 93)

 
 
VON HAMBURG NACH 
lELGOLAND" 
 
Aus der Ansprache Professor Dr. Gerhard Wieteks 
zur Eröffnung der vom Altonaer Museum in Baden 
bei Wien veranstalteten Ausstellung 
Die norddeutsche Landschaft, deren Horizont tief 
liegt und die den Blick am Nächstliegenden vorbei 
in die Ferne führt, kommt dem Betrachter nicht 
entgegen. Eher entzieht sie sich ihm, bietet mehr 
Himmel als Erde und laßt - nach allen Seiten 
geöffnet 7 den Menschen, der in ihr ist, nicht in 
sich selbst ruhen. Sie weckt das Verlangen nach 
dem Unbekannten, das hinter oder über ihr ist, 
das romantische Suchen nach Bedeutung und 
Deutung, welches iener glückhaften Gewißheii 
überschaubaren Besitzes im Wege steht, die dem 
Biedermeier eigentümlich ist. Wer an der See 
wohnt, hat gar nicht die Möglichkeit, hohen Zielen 
entgegenzustreben, ihm fehlen gleichsam die 
natürlichen Voraussetzungen zur emporgesteiger- 
ten barocken Apotheose. er lernt früher und leichter 
1 Galionsfiguren „S-rvanlight", _,Florence Holm" und 
..sEbib-d", 1B30lt840. Holz, aefaßt, 153 und isbmi 
z Eduard Ritter (iszo-issz) flüttl Rudolph HCtFdOFff 
(isib-ieovi, D05 Blockhaus und der Binnenhafen 
von Hamburg, um ibso. Liiiibg-bbiiie, 25,5X3S(TW. 
Hamburg, Äilßmlef Museum 
3 lDCQb cisnsicriisos-ims), Am Strand bEt Blcnkenese, 
iaziz. oi Guf LSlFVNGVld, zzzxsmm Hamburg, 
Altcnaer Museum 
 
2 als die Höhe die Weite zu ermessen und im be- 
ständigen Ausloten der Tiefe eine wesentliche 
Voraussetzung seiner Existenz zu begreifen. So 
erschweren die geringen Niveauunterschiede des 
Landes. auf dem er lebt, die Gegensötzlichkeit 
zwischen oben und unten, so, wie das gemäßigte 
Klima die Kontraste zwischen heißen und kalten 
Temperaturen und Temperamenten mildert. Der 
flüchtig-schöne Augenblick zählt zumeist nur als 
Bestandteil eines größeren Ganzen. zu dem er 
summiert wird, und der Rhythmus der Gezeiten 
des Meeres ist so beständig wie der wechselnde 
Wind, der die Orientierung zur Pflicht macht und 
die Richtungsbezogenheit fordert. 
Diese Charakterisierungsversuche mögen genügen, 
um die Voraussetzungen anzudeuten, aus denen 
die Kunst und Kultur einer Landschaft sich ent- 
wickeln mußte. die in des Wortes zweifacher 
Bedeutung ihre Menschen zum Handeln bestimmte. 
Es kann keinem Zweifel unterliegen. daß eben 
hier und nicht auf dem Gebiete der schönen Künste 
und Wissenschaften die historische Leistung Ham- 
burgs im 19. Jahrhundert gesucht werden muß. 
nämlich im Ausbau und der Entwicklung seines 
Hafens zu einem Tor der Welt. Der Weg aber. den 
jedes - gleich woher kommende  Schiff pas- 
sieren muß. das in diesen Hafen einfahren oder ihn 
verlassen will, ist der Weg .,Von Hamburg nach 
Helgoland", den wir zugleich als Titel für unsere 
Ausstellung gewählt haben, 
Hamburg, das war auch schon im 19. Jahrhundert, 
auf welches sich unsere Ausstellung beschrankt, 
Deutschlands größter Hafen, ein Umschlagplatz 
für alle Güter dieser Erde. die auf großen und 
kleinen Segelschiffen von und zu nahen oder fernen 
Gestaden befördert wurden, das war ein Sammel- 
platz der Auswanderer. die - aus welchen Grün- 
den auch immer ? dem alten Kontinent den 
Rücken kehren und in unbekannten Breiten ihr 
Glück versuchen wollten. Hamburg, das war aber 
auch ein Ort, zwischen dessen hohen, noch mittel- 
alterlichen Fachwerkhäusern und -schuppen der 
langen Fleete und Gange sich niederdeutsche 
Sprache und Lebensart um so hartnäckiger zu 
behaupten schien. ie bunter und vielfältiger die 
Hautfarbe und das Gebaren fremder Reisender 
und Matrosen sich amlungfernsleig. aufder Reeper- 
bahn oder in der Grollen Freiheit bemerkbar 
machte 
Helgoland, die fast ZOO km von Hamburg ent- 
fernte, von der freien Nordsee umbrandele rote 
Felseninsel, war crst am Ende des 19. Jahrhunderts 
endgültig an Deutschland gelangt. Seit 1807 hielten 
es die Engländer besetzt, die ungewollt den Ruhm 
der Insel auch im Binnenland mchrtcn, als sie 1864 
österreichischen Ftotieneinheiten unter ihrem 
Admiral Tegetlhoff zu einer ihrer letzten See- 
schlachten i gegen die Dünen - und den sich 
unter Preußens Hegemonie entwickelnden Neu- 
Deutschen zur Nationalhymne verhalfen: jeden- 
falls zu ihrem Deutschland über alles preisenden 
Text, den Hoffmann von Fallersleben 1541 auf 
dem englischen Helgoland niederschrieb. also zii 
einer Zeit. da seine weit von hier entstandene 
Melodie, Haydns österreichische Kaiserhymne, 
längst ein aufgrößere Zusammenhänge weisendes, 
übernationales Besitztum geworden war. , . 
Hamburg und Helgoland wollen jedoch auch in 
unserer Ausstellung nicht ausschließlich, sondern 
als Angelpunktc einer Wegcstrccke betrachtet 
werden, an der die charakteristischen Zuge einer 
bestimmten Landschaft abgelesen werden können 
und die Kulturgeschichte eines diese beiden Angel- 
punkte übergreifenden Lebensraumes vorstellbar 
wird, eines Lebensraumes, für den das Wasser 
Segen und Verderbnis. Arbeit und Vergnügen. 
Nähe und Ferne zugleich bedeutet. Ohne dieses 
Element gäbe es keine Höfen und Inseln, nicht die 
ihm abgerungenen. unter seinem Spiegel liegenden 
Marschen oder die steil abfallenden. von den 
Landsitzen der Kaufleute bekrönten Ufer, es gäbe 
keine Schiffe und keine Werften. keine Fischer und 
keinen Fischfang, und es götie vor allem nicht jene 
unmittelbare Verbindung mit der großen. weiten 
Welt, die leder Wellenschlag zwischen Hamburg 
und Helgoland selbst an den verstecktesten Strand 
zu tragen scheint. _ 
Gerhard Wietek 
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