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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 94)

stellte in ihnen nur mehr Ereignisse und 
Vorgänge dar, die als solche wesentlich und 
als solche für die Messe als Exempla similia 
ex minore gelten können: so wie Gott sich 
in die Unio mystica herabläßt, sich einem 
menschlichen Wesen mystisch zu einen; so 
läßt sich sein Sohn herab, Fleisch und Blut 
und die Menschennatur anzunehmen. Die 
Parallelität, die nur in der Herablassung als 
Möglichkeit und Wirklichkeit einer das Heil 
wirkenden Verbindung zwischen oben und 
unten, zwischen Gott und Mensch, besteht, 
ist auch so bedeutend genug. Hier dient 
das Heiligenbild einem Gottesaltar, und 
ergänzend zeigt das spätere Antependium 
vom Abendmahl nicht etwa den Verrat, 
sondern die Stiftung des Sakramentes. Ist 
die Herahlassung Gottes und die Erhebung 
des Menschen in die Unio hier ein Exem- 
plum für die den Menschen adelnde und 
erlösende Herablassung des Sohnes in die 
Inkarnation, so verschob sich doch im 
Laufe seines weiteren Lebens für Bernini 
der eigentliche Schwerpunkt in der Messe: 
die Ludovica Albertoni ist im Zustand des 
Sterbens gezeigt, da sie stöhnend ihre Seele 
ausstößt zu einer Unio mit Gott: diese 
Übergabe der Seele an Gott ist ein Ex- 
emplum für die Übergabe Christi als Opfer 
an den Vater. 
Für Bernini sind das Opfer und das Ver- 
lassenmüssen des Leibes, der, an die Erde 
hinabgedrückt, bleibt, als Bedingungen der 
Erlösung, die beherrschenden Gedanken 
seines Alters (vgl. auch Sangue di Cristo). 
In diesem späten Werk hat er Ludovica 
Albertoni zwischen dem Gemälde, in 
welchem die Mutter Gottes das Kind Gottes 
Menschen übergibt, und der wirklich statt- 
findenden Messe, in welcher Menschen den 
Sohn Gottes wieder Gott zurück-übergeben, 
dargestellt und sie dadurch, die ihre Seele ja 
zur Vereinigung mit Gott, erlöst, übergeben 
kann, förmlich zwischen die zwei Teile von 
dessen Bedingung eingebettet; und ihren 
Tod so in die Erlösung geborgen. 
Für die in der Cornarokapelle entscheidende 
Herablassung Gottes in der Inkarnation ist 
nicht nur Folge: die Möglichkeit seiner 
Herablassung und einer Erhebung des 
Heiligen in die Unio, sondern auch die 
völlige Auffahrt der Toten in sein Reich 
am jüngsten Tage. Auch dessen ist hier 
erinnert: denn wir sehen im Boden Gerippe 
der Toten dargestellt, die beten und sich 
freuen, weil sie über sich, im Gewölbe der 
Kapelle, den Himmel, zu dem sie empor 
dürfen, offen sehen: eine Folge und ein 
exemplum contrarium für die Herablassung 
des Sohnes. Zugleich aber ist die gesamte 
Ordnung so getroHen, daß in der Gottes- 
mystik der Therese der Vater, in der Messe 
der Sohn und hier der Heilige Geist ver- 
herrlicht sind. 
Erinnern wir uns der Messe, so folgt auf 
die Wandlung als innersten Teil des Kanon, 
nach einem expliziten Gedächtnis des 
Erlösungswerkes Christi (unde et memotes), 
unmittelbar eine doppelte Bitte, um die 
Gewährung von Gnaden im Leben und im 
Tode (supplices te rogamus), daß die, die 
vom Altar das Fleisch und Blut des Sohnes 
empfingen, mit allem Segen und aller Gnade 
des Himmels erfüllt werden möchten (omni 
benedictione caelesti et gratia repleamur), 
wo ur Therese ein Exemplum höchsten 
Maßes ist; und (memento etiam) daß ( ott, 
eingedenk auch der Toten, ihnen den Ort 
der Erquickung, des Lichtes und des 
Friedens ge iren möge (loeum refrigerii, 
lucis et pacis indulgeas). So hat Bernini hier 
einen Ort für das Ereignis des innersten 
Kanon gesehaßen, auf das die gan 
in Christus bezogen ist, so daß hier "durch 
Christus und mit Christus und in Christus 
Gott dem allmächtigen Vater in der Einheit 
des Heiligen Geistes alle Ehre und Ver- 
herrlichung wird (per ipsum et cum ipso 
et in ipso est tibi Den Patri omnipotenti n 
unitate Spiritus Sancti omnis hnnor et 
gloria)", mit welchen Wlorten der Kanon 
schließt. 
Damit ist hier ein Ort für die Zclebration 
der Messe geschaffen; genaue dem Ereig- 
nis der Wandlung mit seiner kung für 
die Lebenden und die Toten und sein n 
Bezug auf die Verherrlichung der Trinitat 
eine Stätte bereitet: Bernini hat diese Stätte 
aber nicht so aus der Gemeinschaft der 
Kirche herausgelöst gesehen, wie wir sie 
dargestellt haben, sondern die Kontinuität 
der Heilswirkung, deren Gedächtnis die 
che ist, mit dargestellt: so ist während 
der gegewiuirlzgerl Feier der Uesse als Er- 
innerungsopfer, ein aus diesem geflossenes 
exemplarisches Heilsereignis der l erkgzzrgqella 
lreil, die mystische Union der Therese, im 
Gedenken ebenso zurückerinnert, wie das 
V zftzige, aus der Messe fließende Heils- 
ereignis, die Auferstehung der Toten, im 
Gedenken voraus erinnert ist. In diesem 
rückerinnernden und vorauserinnernden, 
im Gegenwärtigen zusaxmnengenommenen 
Gedenken aber, das die . emplarische Heils- 
wirkung Gottes an den He _en in der 
Vergangenheit und die allgemeine Heils- 
wrkung der Herrlichkeit des Heiligen 
Geistes in der Zukunft. jeweils in der das 
Heil hier und heute wirkenden Messe, ver- 
sammelt, darf Berninis Begri von der 
Wirklichkeit der römischen Kirche ange- 
schaut werden.
	        

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