MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 94)

Die Medaille hat ihren Weg durch die jahr- 
hunderte als Porträtmedaille begonnen. 
Ihre Wiege stand in Verona, wo der auch 
als Maler hochberühmte Antonio Pisano, 
genannt Pisanello, während des Konzils 
von Ferrara l438j39 den vorletzten byzan- 
tinischen Kaiser johannes VIII. Palaeologus 
für eine Medaille modellierte, die man als 
die früheste datierbare bezeichnen kann. 
Ihr folgten weitere Werke dieses begnadeten 
Künstlers, denen sich in Italien alsbald die 
Werke anderer Medailleure zugesellten. W0- 
durch Pisanello angeregt wurde, sich in 
diesem bis dahin unbekannten Kunstzweige 
zu betätigen, ja ihn eigentlich zu schaffen, 
wissen wir nicht. Gefördert aber wurde die 
Medaille jedenfalls durch den Kult der 
Persönlichkeit im Zeitalter der Renaissance, 
die den Uomo universale anstrebte und in 
dem kleinen Medaillenrund ein Mittel sah, 
hervorragende Männer und Frauen einem 
exklusiven Kreise von Zeitgenossen be- 
kannt zu machen und damit ihr Angesicht 
für die Nachwelt zu erhalten. Das Material 
dieser Bronzegüsse, die nur in einer be- 
schränkten Anzahl von Exemplaren her- 
gestellt werden konnten, ist ja weit wider- 
standsfähiger als alle anderen Stoffe, auf 
denen uns Bildnisse überliefert sind. 
Um die Wende zum 16. Jahrhundert wurde 
die Medaille dann auch in Deutschland 
heimisch, auch hier zuerst als Porträt- 
medaille. Gepflegt wurde sie zunächst 
hauptsächlich in Süddeutschland und da 
insbesondere in den reichen Handelsstädten 
Augsburg und Nürnberg. In Österreich war 
es kein geringerer als Kaiser Maximilian I., 
der den neuen Gedanken aufgriff, weil er 
ihm das Fortleben des Andenkens an seine 
Person und an das Erzhaus gewährleistete. 
Neben dem Hof und dem Adel ließ sich 
auch das Bürgertum, besonders das Wiener, 
gerne auf einer Medaille porträtieren oder 
wenigstens durch sein Wappen verewigen. 
Auch in Österreich war es zunächst vor- 
wiegend die Gußmedaille, die diese künsta 
lerische Aufgabe erfüllte. Aber neben ihr 
begann dann alsbald auch die Präge- 
medaille eine Rolle zu spielen, die ebenfalls 
von Maximilian bewußt gefördert wurde. 
In der Münzstätte zu Hall in Tirol ließ er 
sogar Schaumünzen in Gold und Silber 
herstellen, deren Gewicht dem damals 
gangbarer Münzsorten wie Taler in Silber, 
Dukaten in Gold entsprachen und als 
Mehrfaches dieser Nominale in erster Linie 
als Geschenke des Herrschers an seine 
Getreuen gedacht waren. Sie konnten zwar 
auch als Zahlungsmittel dienen, eine Eigen- 
schaft, die der eigentlichen Medaille sonst 
abgeht, aber schon ihr prunkvoll und sorg- 
fältig ausgeführtes Bild unterscheidet sie 
weit von den Kurantmünzen, weshalb man 
auch sie der Medaille zurechnet. Die eigent- 
liche Kunstmedaille aber bevorzugte noch 
viele Jahrzehnte lang die Gußtechnik, die 
durch ihre weichen Formen und feinere 
Durchmodellierung ganz andere Effekte 
erzielen kann, als die weitaus schärfer 
konturierte und daher härter wirkende 
Prägemedaille. 
Deren Herstellung hat schon im 16. jahr- 
10 
hundert eingesetzt, aber erst von etwa 1620 
an wurde durch sie die Gußmedaille immer 
mehr und mehr aus ihrer dominierenden 
Stellung verdrängt. Ihre leichte und zahlen- 
mäßig kaum begrenzte Vervielfältigungs- 
möglichkeit hat ihr dann den Weg in 
weiteste Kreise geebnet. Das Bildnis ist 
nicht mehr ihr eigentlicher Zweck, viel 
wichtiger wird seit etwa dem Dreißig- 
jährigen Kriege die Festhaltung wichtiger 
Ereignisse aller Art. Die Medaille, die als 
Produkt des Humanismus entstanden ist, 
wird nunmehr zum metallenen Flugblatt 
und in ihrer Gesamtheit zu einer Historia 
metalliea, deren Qualität durch die Massen- 
produktion natürlich leidet. 
Solange die Mehrzahl der Kronländer der 
ehemaligen Donaumonarchie ihre eigenen 
Münzstatten besaßen, haben diese, die eine 
mehr, die andere weniger, auch die Me- 
daille kultiviert, natürlich vor allem die 
Prägemedaille, deren Stempel von den 
beamteten Stempelschncidern geschnitten 
wurden. Es hat viele sehr tüchtige Leute 
unter ihnen gegeben; manchem von ihnen 
gebührt der Ehrentitel eines Künstlers. 
Aber eine noch größere Anzahl hat es nicht 
über den Rang eines tüchtigen Stempel- 
schneiders hinaus gebracht. Den größten 
Anreiz gab es natürlich dort, wo sich auch 
eine mehr oder weniger ständige Residenz 
befand: Wien, Prag, Innsbruck und, kürzer 
als in den anderen erwähnten Städten, auch 
Graz. Aber nicht nur der Herrscher ließ 
sich in Medaillen verewigen, sondern auch 
sein Hof und das gehobene Bürgertum. 
Wien als Metropole war natürlich der 
Mittel- und Ausstrahlungspunkt der höfl- 
schen Medaille, die gleichzeitig auch ein 
Teil der erwähnten Historia metallica war. 
In Wien und Prag waren es die Kaiser, hier 
besonders der kunstsinnige Rudolf II., in 
Innsbruck Erzherzog Ferdinand und in 
Graz sein Bruder Erzherzog Karl und dessen 
Sohn, der als Ferdinand II. dann auch die 
Kaiserkrone trug. 
Die etwa mehr als fünfzig jahre (1564 bis 
1619), da Graz eine Residenz war, fallen 
kunstgesehiehtlich betrachtet in die Zeit 
der Spätrenaissance oder des ebenfalls aus 
Italien gekommenen Manierismus, der auch 
in den in Graz entstandenen Medaillen 
deutlich zum Ausdruck kommt. Erzherzog 
Karl war zwar nicht von jener außergewöhn- 
lichen Kunstbegeisterung erfüllt wie sein 
Bruder, der Ambraser Ferdinand und sein 
Neffe Kaiser Rudolf lI., aber auch er ist an 
der Medaille nicht teilnahmslos vorüber- 
gegangen, zumal es damals gleichsam zur 
hölischen Etikette gehörte, sich in einer 
Medaille verewigen zu lassen. Von einigen 
aus seiner jugendzcit stammenden Stücken 
abgesehen, hat er sich dann als regierender 
Herr von einer ganzen Reihe großer 
Medaillenkünstler verewigen lassen, von 
Pastorino und von dem wichtigsten Ver- 
treter des Italianismus in Österreich, dem 
Trientiner Antonio Abondio. Auch der 
Grazer Münzeisenschneider Hans Zwigott 
hat eine Medaille auf ihn geschaffen, die 
aber künstlerisch auf einer tieferen Ebene 
steht als die Werke der beiden Italiener. 
Ebenso besitzen wir Medaillenporträts von 
Karls Gemahlin Maria von Bayern von der 
Hand des berühmten Amsterdamer Bronze- 
bildners Hubert Gerhard, der vorzugsweise 
in München und Innsbruck tätig war. Von 
ihm stammt u. a. auch das Grabmahl des 
Hoch- und Deutschmcisters Erzherzog 
Maximilian in der jakobskirche zu Inns- 
bruck. 
Aber erst unter Karls Sohn Ferdinand 
kommt es in der Steiermark selbst, und 
zwar in Graz, zu einer allerdings rasch 
wiederum verwelkendcn Medaillenblüte. 
Der Künstler, der sie schafft, ist der aus 
Lodi im Mailändischen stammende Gio- 
vanni Pietro de Pomis (geb. um 1565, 
gest. 1633). Vor Graz war er in Innsbruck 
bei Erzherzog Ferdinand tätig gewesen, 
wo er sowohl mit Hubert Gerhard wie auch 
mit dem niederländischen Bildhauer Alex- 
ander Colin, dem Schöpfer der Grabmäler 
Ferdinands und der Philippine Welser in 
der Silbernen Kapelle zu Innsbruck, in 
freundschaftlichem Verkehr stand. Sowohl 
Gerhard wie auch Colin waren auch als 
Medailleure tätig, was sicher auf ihren 
Freund Pomis abfärbte. 
Pomis aber war nicht nur Medailleur; er 
war auch Architekt, Festungsingenieur und 
Maler von hohen Qualitäten. Das Grazer 
Mausoleum, dessen ersten, nicht zur Gänze 
in dieser Form ausgeführten Entwurf er 
ebenfalls in einer Medaille, vielleicht seiner 
schönsten, festgehalten hat, ist ebenso sein 
Werk wie die Fassade der Kirche des vom 
Fürsten Eggenberg erbauten Minoriten- 
klosters, die auch den Leichnam des Künst- 
lers beherbergt. Das Hochaltarbild dieser 
Kirche gilt als seine reifste Schöpfung auf 
malerischem Gebiete. 
Ferdinand II. war ihm ein verständnisvoller 
Förderer und Gönner, sowohl als Regent 
von Innerösterreich als dann später als 
Kaiser. Aber ungleich seinem Urahn Kaiser 
Maximilian I., der in der Medaille, wie an- 
gedeutet, eines der Mittel sah, sich selbst 
und damit auch seinem Hause ein Denkmal 
zu setzen, betrachtete Ferdinand die Me- 
daille als ein Zeugnis seiner gegenrefor- 
rnatorischen Bestrebungen. Pomis beschritt 
denn auch diesen ihm olfenbar vorge- 
schriebenen Weg. Nicht nur, daß er seinen 
Herrscher auf den Rückseiten einiger 
Medaillen symbolisch als Bezwinger der 
Häresie feierte, verewigte er auch die beiden 
Hauptvertreter dieses Gedankens, den Seek- 
auer Bischof Martin Brenner, den „Ketzer- 
hammer", und den Admonter Abt Johannes 
Hofmann in großartigen Bildnismedaillen. 
Überdies schuf er für einige neugeschai-fene 
Institutionen, die gleichfalls der Gegen- 
reformation dienten, Grundsteinrnedaillen, 
so für das Kapuzinerkloster in Radkersburg 
(1618), für die jesuitenkirche in Bruek an 
der Mur (1608) und die Grazer Universität 
(1607). Während seine sonstigen Medaillen 
- durchwegs Güsse - ein ziemlich flaches 
Relief, eine sorgfältige Durchmedajllierung 
der Körperformen, Verzicht auf allzu große 
Detaillierung zugunsten stärkerer plasti- 
scher Wirkung zeigen, sind diese Grund- 
steinmedaillen ihrem Zwecke entsprechend
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.