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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 94)

Hans-Christoph Hoffmann 
DIE WIENER HANDELS- 
AKADEMIE - DAS ERSTE 
ÖFFENTLICHE GEBÄUDE 
DER RINGSTRASSE 
UND SEIN ARCHITEKT 
FERDINAND FELLNER D. 
Nicht das im Auftrage des Kaisers und aus 
Mitteln des Stadterweiterungsfonds erbaute 
Opernhaus War das erste Öffentliche Gebäude 
der Ringstraße, sondern die am 12. Oktober 
1862 eingeweihte 1 Handelsakademie auf 
der „Baugrube Nl am Glagis vor dem 
Kärntnertor", heute begrenzt von Karls- 
platz, Akademiestraße und Giselastraße 2. 
Der Bauherr war der 1857 gegründete „Ver- 
ein der Wiener Handelsakademie", dessen 
eifrigster Förderer der Bankier Friedrich 
Freiherr von Schey war 3, dessen Palais nicht 
weit von dieser Universität der Kaufleute 
am Opernring lag4; Architekt der Handels- 
akademie aber war Ferdinand Fellner d. Ä. 
Ferdinand Fellner5 stammte aus einer 
Familie, die mit dem Baugewerbe der Stadt 
Wien innig verbunden war. Das Zimmer- 
geschäft an der Rossauerlände, später wurde 
es in den Alsergrund verlegt, betrieb schon 
der Großvater Fellner; der Vater Joseph 
Fellner war bürgerlicher Stadtzirnmer- und 
Baumeister und von ihm übernahm jacob 
Fellner, gleichfalls Stadtzirnmermeister, die 
Firma, von der er berichtete: „Dieser Werk- 
platz ist durch die großartige Ausdehnung 
des Betriebes merkwürdig, indem der- 
gleichen außer den Werften zu Triest und 
Pola in Österreich nicht zu finden ist"6. 
Und er rühmt weiter, daß der maschinell 
außergewöhnlich gut eingerichtete Betrieb 
innerhalb von nur vier Wochen die Riegel- 
wände für das provisorische Abgeordneten- 
haus liefern konnte. Später treHen wir die 
Firma Jacob Fellner auch am Bau des Opern- 
hauses7. 
Der jüngere Bruder Jacobs, Ferdinand, 
wurde Architekt. Nachdem er die poly- 
technische Schule absolviert hatte, besuchte 
er von November 1834 bis Ostern 1837 die 
Architekturschule der Akademie; er schloß 
diese Ausbildung aber nicht mit einer 
Prüfung ab H. 
Die früheste datierte Arbeit haben wir crst 
1848 in der Landes-Irrenheilanstalt vor 
uns9. Die Pläne zu diesem ausgedehnten 
Bau sollen einer anderen Quelle zufolgelv 
vom kaiserlichen Rat Ignaz Ritter von 
Nadherny stammen ll. Das kann sich jedoch 
nur auf die Anordnung von Raumgruppen 
nach psychiatrischen Grundsätzen handeln. 
Die sehr strenge Architektur mit Rund- 
bogenfenstern in allen Geschossen, den 
Bogenleisten über den Fenstern des Haupt- 
geschosses, die auf Konsolen aufliegen, 
aber auch den breiten Risaliten mit Rah- 
mung, weisen stark nach München in 
Gärtners Umkreis. Die Anlage der Vor- 
halle mit der in der Mitte anlaufenden 
Haupttreppe wird typisch für Fellner. 
Dieser Bau wurde 1852 bezogen, und von 
nun an ist Fellner häufig für Staat und 
Kommune tätig. 1851-1853 finden wir 
ihn beschäftigt mit Umbauten im Alten 
Rathaus in der Wipplingerstraße. Hier baute 
er im zweiten Stock, über dem lWagistrats- 
saal, den Sitzungssaal des Gemeinderates 
i dem er selber 1868-1870 als Vertreter 
des Bezirkes Rossau angehörtell 7 neu 
einll. Der Saal war für seine Zeit be- 
deutend eingerichtet: an den Wänden hatte 
er künstliche Marmorverkleidung, die Decke 
zeigte „reiche Plastik" in Stuck mit den 
Emblemen der Irinungen, der Künste, der 
Industrie und des Handels. Die Wand hinter 
dem Präsidium war durch vier Karyatidcn 
und Reliefs von Hanns Gasser geschmückt, 
während Adam Rammelmayer als Um- 
rahmung für die Zuschauerlogen zwei 
Zinkplastikcn - „Austria" und „Vindo- 
bona" - schuf. 
Wenig später baute Fellner für die Stadt 
eine Kommunal-Realschule im Bezirk Wie- 
denl4, bei deren innerer Disposition schon 
eine Reihe von Details erkennbar werden, 
die Fellner bei der Handelsakadernie weiter- 
führte. Die Schule wurde 1871 von Ober- 
ingenieur G. Haussmann erweitert. 
Der bedeutendste Kommunalbau Fellners 
war jedoch das Bürgerversorgungshaus an 
der Währinger Straßel5. Es wurde 1858 
bis 1860 für 550 O00 fl. erbaut und bot 
600 armen Bürgern Obdach 16; 1929 wurde 
es demoliert. 
Das Gebäude lag an der Straßenspitze der 
Währinger und der Alserbachstraße (Spital- 
gasse). Es war von der Spitze so weit zurück- 
genommen, daß sich hier eine dreiteilige 
Front entfalten konnte: dreiachsige Front- 
abschnitte faßten ein fünfachsigcs Mittel- 
stück mit 3fs-Risalit ein. Die Abschnitte 
waren durch Pilaster über polygonaler 
Grundform gegliedert, der mittlere Pavillon 
außerdem hervorgehoben durch eine plastik- 
geschmückte Attika". Die Fenster dieses 
Baues hatten durchweg waagreehte Ver- 
dachungen. Sie waren einfach gefaßt, wobei 
Fenster und Brüstungen Felder bildeten, 
die Fenster des 1. und 2. Geschosses aber 
zusammengcfaßt waren. Die Seitentraktc 
mit den Wohn- und Pflegeräumen waren 
ein Geschoß niedriger als der Frontbau. - 
In der Achse des Einganges lag die An- 
staltskirche derart angeordnet, daß der 
Blick vom Eingang auf den Hauptaltar 
Fiel, die Vorhalle also zu einer Vorkirche, 
einem Paradies wurde. Zugleich war diese 
Vorhalle aber auch der Schnittpunkt aller 
Verkehrswege des Hauses, eine Art Dreh- 
scheibe, die sich in allen Geschossen wieder- 
holte. Dieser Eindruck wird unterstützt 
durch die Art der Treppenführung, bei 
welcher die Treppe mit den seitlichen 
Laufen beginnt und sich im Mittellauf 
trifft. Es konnte jedoch nicht in Erfahrung 
gebracht werden, ob sich die Vorhalle auch 
in den oberen Geschossen zur Kirche 
öffnet. 
Die Abbildungen 1i9 mit freundlicher Genehmigung des 
Historischen Muwums der Stadt Wien. 
14 
Ein anderer in der Nähe des Bürgerver- 
sorgungshauses gelegener Bau Fellncrs ist 
heute schon fast gänzlich vergessen: vor 
dem ehemaligen Schottentor, an der rechten 
Seite der Währinger Straße, lag das 
provisorische Abgeordnetenhaus, auch 
„SchmerlingtheateW genannt. Das Haus 
war durch die von Schmerling vcrfaßten 
und am 26. Februar 1861 erlassenen Staats- 
grundgesetzc für die Reichs- und Landes- 
vertretungen notwendig geworden und 
wurde am 1. Mai 1861 nach einer Bauzeit 
von nur 6 Wochen eröffnet 18.
	        

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