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Metadaten: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 94)

durch vier Säulen, die zwei Bogenreihen 
tragen, Seitenschiffe abgeteilt sind und der 
eigentliche Eingangsraum quadratisch wird. 
Von hier führen einige Stufen in die 
Treppenhalle. Der durch die Treppe ein- 
genommene Raum ist entsprechend der 
Teilung der Vorhalle durch Säulen ab- 
gesteckt. Die Treppe setzt in der Mitte an, 
führt von einem mittleren Podest nach 
beiden Seiten zu wenig höheren Neben- 
podesten und von hier mit zwei Laufen in 
der Gegenrichtung des Mittellaufes auf das 
Geschoßpodest. Diese Treppe erhält ihren 
besonderen Reiz durch die beiden einge- 
schobenen Kurzläufe im Halbstuck und 
durch die Durchblicke durch die Bögen 
von den verschieden hoch liegenden Po- 
desten. Die Wölbung der Deckenfelder des 
die Treppe umgebenden Ganges mit Flach- 
kuppeln auf Pendentifs, die Bögen zwischen 
den einzelnen Jochen, ferner die Blatt- 
kapitelle der Pfeiler und Säulen bilden mit 
den Einzelformen der Treppe und des 
Geländers ein noch gut erhaltenes, einheit- 
liches Ensemble. 
Der Bau entstand, als die akademischen 
Architekten Eduard van der Nüll und 
August Siccard von Siccardsburg auf ihrem 
Höhepunkt standen. Das Arsenal war längst 
fertig 36, die Altlerchenfelder Kirche wurde 
1861 geweiht 37, bei den Aufgaben der 
Stadterweiterung wirkten beide an führen- 
der Stelle mit39. Eine solche bedeutende 
Stellung verfehlte nicht ihre Wirkung auf 
diejenigen zeitgenössischen Kollegen, die, 
ohne Stilschöpfer zu sein, doch gute und 
tüchtige Meister ihres Faches waren. So 
kann man, ausstrahlend vom Kommandan- 
turgcbäude des Arsenals in den späten 
fünfziger und den frühen sechziger Jahren, 
in Wien häufig solche romantisietende 
Architektur antreffen; um nur wenige 
Beispiele zu nennen: das Haus Floriani- 
gasse 939, das Militär-Technische-Comitee 
am Getreidemarkt 940, das Haus Baben- 
bergerstraße 541 und am Rande auch noch 
der Kopfbau des ehemaligen Kaiserin- 
Elisabeth-(WesQBahnhofes41, wobei die 
letztgenannten schon stark mit Renaissance- 
Dekorationen durchsetzt sind. Es gab 
damals aber auch noch nicht die intellek- 
tuelle Gegnerschaft der Renaissance- 
Historiker, wie Eitelberger, Lützow, Vin- 
centi und Doderer, gegen jene stilsuchende 
Architektur, wie sie sich in Wien im Nach- 
märz, in München unter Gärtner und 
Maximilian II. und in Berlin durch Persius 
und Stüler entwickelt hatte und der eine 
romantische Haltung durchaus eigen ist. 
Dabei war die klassizistische, vnrmärzliche 
Akademieschulung von Nobile und Spren- 
ger nicht spurlos an Fellner vorüber- 
gegangen. Sie ist erkennbar in der streng 
symmetrischen Gliederung von Grund- und 
Aufriß, der Flächigkeit der Architektur, bei 
der die Fenster fast bündig mit der Wand 
sitzen, überhaupt in der Hochschätzung 
der verputzten Wandtläche als Architektur- 
teil. Der einzige Teil der Fassade, in wel- 
chem die Wandstruktur völlig zurücktritt, 
ist der Mittelrisalit; die aufgelöste Front- 
mitte erfährt so vor der dichten Wand- 
22 
struktur der Breitfront eine außerordent- 
liche Steigerung. Dieser Teil der Fassade 
scheint auch nicht ganz unabhängig zu sein 
vom Bank- und Börsengebäude, das 
Ferstel 1856-1860 in der Herrengasse 
erbaut hatte; besonders die schmale Front, 
die in die Herrengasse blickt, zeigt einen 
ähnlichen Aufbauß. Die klassizistischen 
Ansätze reichen aber auch bis in Details, 
wie bei der stereometrischen Überführung 
der quadratischen Sockel der Pfeilervor- 
lagen in die aufsteigende Oktogonform. 
Was aber an diesem und anderen Bauten 
Fellners überrascht, sind die Elemente eines 
Gärtnerstils. Hierzu zählen die breiten, oft 
extrem gestreckten Baukörper etwa der 
Irrenanstalt, des Abgeordnetenhauses, der 
Handelsakademie, aber auch die gewollte 
IndiHerenz der Richtungen: Vertikale und 
Horizontale heben sich gegeneinander auf 
und bewirken eine weitgehende Flächen- 
neutralität auch bei stärker reliefierter 
Wand. Giirtnerdetails sind aber auch die 
mehrmals anzutreffenden Gesimsleisten über 
Bogenfenstern und die Rilfelbänder. Eine 
ungewöhnliche Form ist auch der Versatz der 
Dachfirste, wie ihn Fellncr an den Pförtner- 
häusern des Irrenhauses geübt hat, und die 
oktogonalen Pfcilervorlagen linden sich in 
Gärtners Werk zwar nicht in München, 
sondern am Rathaus in Zittau (Sachsen) 44. 
Doch hat es wenig Wahrscheinlichkeit, daß 
ein solch abgelegener Bau in Wien bekannt 
War, es sei denn durch Bekanntschaft mit 
oder Schülerschaft bei Gärtner. Über die 
zeitweilig engen Beziehungen zwischen 
Wien und München, wobei besonders in 
der Baukunst lange Zeit München der 
gebende Teil war, ist im einzelnen wenig 
bekannt, doch ist es nicht schwer, sich 
München als das Ziel einer kürzeren Reise 
vorzustellen oder als Station einer Reise 
von oder nach Italien. Auch für Fellner ist 
nach 1837 ein Aufenthalt in München 
denkbar, bisher aber nicht nachgewiesen, 
sowenig wie eine immerhin mögliche 
Italienreise 45. 
Was den nüchternen Zweckbau der Handels- 
akademie so qualitätvoll erscheinen läßt, ist 
die Bescheidenheit der Formensprache bei 
solider Durchführung im Handwerklichen. 
Dabei fehlt es nicht an idealistischer Ge- 
sinnung, an Stilwillen, denn bei aller 
Betonung des Praktischen hat Fellner sich 
doch über das Neueste auf seinem Fach- 
gebiet stets auf dem laufenden gehalten. 
S0 muß er neben Försters Allgemeiner 
Bauzeitung auch die Berliner „Zeitschrift 
für Bauwesen" und später auch die „Deut- 
sche Bauzeitung" gelesen haben". Auch 
hat sich Fellner literarisch versucht in einer 
Erwiderung auf eine Schrift von Ferstel 
und Eitelberger 47. Diese Schrift verrät, wie 
sehr Fellner ein Mann solider Praxis war, 
der noch stark mit dem Handwerklichen 
verbunden war. 
S0 gehört der ältere Fcllner noch zu jenen 
Alt-Wiener Architekten, die in der ersten 
Zeit der Ringstraßenbebauung und abseits 
von den öffentlichen, ärarischen Baustellen 
für eine solide, formal anständige Bebauung 
SOtgtCn. 
ANMERKUNGEN 36 - 47 
1a 
n 
u 
n 
an 
41 
42 
u 
u 
4.x 
4a 
u 
Schlußstcinlcgung am B.Mai 1856, 5.11. A.Srrubl, Das 
k.k. Waßcnmuseum im Arsenal, 1961, S. 35. 
Franz Rieger, Die Alderchenfelder Kirche, cin Meister- 
werk der bildcndm Kunst. Wien 1911. 
k. v. Eizelbcrger. Ed. v. d. Nüll und Aug. vßiccnrdsburg. 
' Zeirschr. 1'. bildende Kunst, 4., 19169, b 1771", u. 2141.: 
c preisgekrönten Eurwurfe zur Erweiterung dcr uncrcn 
Süd! Wim, 1859, von demselben. 
Erbaut 1352153 durch Franz Auennann. k.k, Stadtbau- 
meistcr; Bauherr war Jos. Michael lfwcnlhal. 
Erhzut 1862164 durch die Geniedirckrinn, 
Erbaut 1864165 durch Philipp Thciß (E), llürgerl. Stadi- 
baumeisler; Bauherr war die Priv. Staatsbahn . 
Erbaut ISSBISO nach Plänen von Morirz Löhr. 
Als Teilnehmer an dem Konkurs Pur das Dnnk- und 
Börscngcbäude in der Herrengassc halle Fcllncr sich auch 
zweifellos srhr intensiv mit den Verschiedenen Konkur- 
reuzprojckmn befaßt; Fellner erhielt krinrn der l'un! 
Preise (Deutsches Kunstblatr, 6, 1855, S. 407). 
zu Friedrich v. Gärtner s. Klnux Eggen. Die Hauptwerk: 
F. v. G" 1963, Das Rathaus in Zillau wurde nach Plänen 
Gärtners 183571345 durch Carl August Schrnmm erbaur. 
s. 3.: W. Magrilz. Au: dem SchaRbn und Wirken Pro- 
fessor C. A. Schramms. in: Deutsche Architektur 6. 1957, 
(10). 589. 
Ä. V. Wurrn-Amkreuz, n. a. (7., S. 9. schrcibt: , 
zur Ergänzung seiner Ausbildung große mm 
nummm hau: " 
HßiTminn, 1a. 0., S. 39 und Killer. 
Wie soll Wien bauen. Zur ßdcuchruxig das 
liehen Wohnhauses" der Herren Prof. R. vun lznclbcrgcr 
und Archirekr Heinr. Ferne], mit cinigcn Bemcrknn n 
über Wiener Baugrselze von Ferdinand Fclhrcr, Archi- 
n-kt. Wien 1860. 
 
 
 

	        

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