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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 95)

VVIK- aunu wenn... {A615 AVlGLLAlnulx-Vuuaöylxuaa; 
in allen Einzelheiten wörtlich darzustellen 
bemüht war, zeigt auch seine Lösung des 
Details mit der Darstellung Gottvaters. 
Hier lag ein schwieriges Problem vor. Im 
Evangelium heißt es: „Da überschattete sie 
eine lichte Wolke und eine Stimme von oben 
erscholl: Dieses ist mein geliebter Sohn . . ." 
Gottvater durfte somit nicht sichtbar sein. 
Wenn wir Berninis Zeichnung für die Putten 
im Scheitel des Ovals der Glorie - heute 
in der Windsor Library 30 - betrachten 
(Abb. 27), dann sehen wir in einer Reihe von 
Varianten ein Hiegendes Puttenpaar. In der 
Ausführung der Glorie sind diese Putten 
etwas höher vorhanden. Zwischen ihnen 
aber ragt heute als etwas unmotiviert an- 
mutende Neuetung ein dritter Engel weit 
in das Oval der Glorie hinein. Sein Kopf 
und seine Schultern sind unsichtbar, Rumpf 
und Beine ragen nach unten. Mit dieser Zu- 
tat hat Bernini das im Scheitel des Reliefs 
nur Hach eingetragene Motiv Gottvaters 
dem Blick des Beschauers entzogen. „De 
nube", wie das Evangelium es verlangt, er- 
tönt seine Stimme, nur dem Priester unten 
am Altar bleibt er noch leicht sichtbar. 
Durch die Einfügung der Transüguration 
lösen sich aber auch noch andere Unge- 
reimtheiten der Glorie sinnvoll auf. Der 
unten rechts in das Oval ragende Wolken- 
zacken der Glorie bildet zu den ähnlich er- 
regt verlaufenden Faltenkanten des Elias 
eine kompositionell entsprechende davor- 
liegende Begrenzung. Damit wird in einer 
vorderen Bildebene die Wolke als Kulisse 
von der Verklärung abgehoben. Ähnlich 
sinnvoll fügen sich die scheinbar unnötig 
weit vorragenden Engelsköpfe auf der 
Wolkenkonsole links in die neue Kompo- 
sition ein. Unter dem Arm des Moses mit 
den Gesetzestafeln haben sie die gleiche 
Rolle einer Kulisse, ohne Wichtige Stellen 
des Bildes zu verdecken. 
Das Licht der Verklärungsszene, das nun 
aus der tief gestaffelten, reich gegliederten 
Wolkenmasse bricht, hat keinen ovalen 
Umriß mehr. Berninis Schöpfung - bis ins 
letzte die große Idee realisierend - wird 
bekrönt durch die Vorstellung des Kreuzes, 
das in diesem Lichtfeld erscheint. Der 
Strahlenausschnitt hat ungefähre Kreuz- 
form, ebenso die Gestalt Christi. Damit 
steht die Lösung wiederum irn Dienste der 
Idee: Die Verklärung als Vorausschau der 
Erlösung durch den Kreuzestod. 
Diese nach allen Gesichtspunkten des Evan- 
geliums und der Ikonologie wohldurch- 
dachte Komposition kann nur nach ausführ- 
lichen Beratungen zwischen dem Künstler 
und seinem Bauherrn, Papst Alexander VII., 
unter Mitwirkung bedeutender Theologen 
wie des jesuitengenerals Gian Paolo 
Oliva 31 entstanden sein. Leider sind uns 
bisher keine Archivalien über diese Vor- 
gänge bekannt geworden. 
Technisch ist die Herstellung dieses Mittel- 
feldes als großer figurengeschmückter Fen- 
sterrahmen zu denken (Abb. 14). Auf die 
ovale, mit radiären Eisenverstrebungen ver- 
sehene Konstruktion war der plastische 
8 
zu befestigen. Die Gestalt Christi war sta- 
tisch leicht im Schnittpunkt der Eisenstäbe 
zu befestigen. Die Öffnungen waren zu ver- 
glasen,die Vorderseiten der Eisenstege waren 
so wie der ganze Figurenschmuck zu ver- 
golden. Gleich der heutigen Glasscheibe ist 
dann das Ganze von rückwärts einzusetzen. 
Mit der Einfügung der Verklärung wird 
Berninis Altarwerk mit der Cathedra nun- 
mehr erst zum Hochaltar und zu einer 
Schöpfung von größter Geschlossenheit 
und Schönheit. Über dem Thron Petri er- 
hebt sich nun als letzte Steigerung die Vision 
Petri am Berge Tabor. Das Bild des licht- 
umfiuteten Christus in der Verklärung in- 
mitten der Engelsglorie in der aufbrechen- 
den Wolke gibt darüber hinaus dem ganzen 
weiten Raum in der Längsachse jenes 
christliche Zielbild, das die hohe Bedeutung 
des Ortes erfordert. 
DAS MOTIV DER TAUBE IM BILD- 
PROGRAMM VON NEU-ST.-PETER 
Durch Herbert Siebenhüners 32 Darstellung 
des Baugeschehens in den Jahrzehnten 
zwischen dem Kuppelbau Michelangelos 
und den Ausstattungsarbeiten unter Papst 
Paul V. (1605-1621) kennen wir das jahr- 
zehntelange Ringen um die Innenausstat- 
tung. Im großen Kuppelbezirk bildeten 
die Apostelgräber die architektonische Mitte. 
Die Bildthemen galten anfangs vorwie- 
gend dem petrinischen Bilderkreis. Auf- 
wendige Projekte für Papstdenkmäler wur- 
den immer mehr zurückgestellt, beste- 
hende Grabmäler verlegt. In der Person 
des Kardinals Cesare Batonio tritt erstmalig 
ein überragender Autor eines „Concetto" 
auf. Die „Congregazione della Fabrica di 
San Pietro", eine Versammlung von Kardi- 
nälen, erhält unter Papst Paul V. erstmals 
umfassendere Befugnisse 33. 
Nach Abbruch des Hochaltars und der Tri- 
buna von Alt-SL-Peter waren vor allem zwei 
wichtige Aufgaben zu lösen: Erstens die 
Errichtung aller für den Gottesdienst not- 
wendigen Elemente und zweitens eine der 
Architektur des Bauwerkes entsprechende 
würdige Neuaufstellung der großen Reli- 
quien. 
Bei diesen Aufgaben tritt uns schon unter 
Urban VIII. der junge Gianlorenzo Bernini 
1624-1633 als Schöpfer des Baldachins und 
des Papstaltares im Zentrum des Kuppel- 
raumes über den Apostelgräbern entgegen. 
Gleichzeitig gestaltet er in den vier Kuppel- 
pfeilern die Nischen für die Statuen der 
Heiligen Veronica, Helena, Longinus und 
Andreas und postiert in darüberliegenden 
Balkonen die Reliquien. Damit ist das Bild- 
programm des Kuppelraumes vor allem auf 
den Kreuzestod Christi bezogen worden. 
Hans Kaufmann 34 hat uns die Bedeutung 
des Baldachins und seine ästhetische Ein- 
ordnung im Kuppelbezirk dargelegt. Von 
der Laterne der Kuppel mit der Darstellung 
Gottvaters über die Kuppelwölbung mit 
dem Bild Gottsohns (in der Deesis mit den 
Aposteln) zielt die lotrechte Achse eines 
trinitarischen Bilderkreises hinab zur Taube 
des H1. Geistes im Deckel des Baldachins. 
ANMERKUNGEN 3D - 34 
19 Braucr-Wittkower. a. a. 0., Nr. 19. 
11 Giovauxni Paolo 01m, Rektor des Gctmaniculns, m: 1664 
Gcneral des jesuilenordens, w" ringt! mit Bernini befreun- 
det. Wieweit ihr: Gcspräch: Konkretes zur Ausführung 
von Kunstwerken beigetragen haben, ist nicht feststellbar. 
31 Hctbcxt Sicbenhünex, Umrisse zur Geschichte dcr Auv- 
stattung von St Peter in Rom von Paul III. bis Paul V. 
1547-1606). ' ' Festschrift fur Hans Scdlmlyr, Münchun 
962, S. 2297321. 
11 n, Siebenhünex, a. a. 0., s. 2941295. 
14 Hans Kaufmeum, a. a. 0., s. 222 r. 

	        

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