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Full text: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 95)

Die Taube ist im gesamten Kuppelraum 
sichtbar (Abb. 15 und 16). Als Taube der 
Inspiration steht sie über dem Papstaltar und 
sendet ihre waagrechten Strahlen in das 
ganze Kuppelrund. Hier ist ihr organischer 
Platz, in dieser lntrechten trinitarischen 
Bildachse hat sie ihre ästhetische und ideelle 
Funktion. 
Nicht so überzeugend ist ihre Funktion im 
Glasfenster der Glorie. Abgesehen von der 
Leere der künstlerischen Komposition ist 
die Wiederholung dieses schon organisch 
eingebauten Motivs unnötig. Am Endpunkt 
der Apsis ist das Fenster mit der Taube 
schon zu weit hinausgerückt, um noch un- 
mittelbar am trinitzlrisehen Bildprogramm 
des Kuppelraumes mitzuwirken. 
Herbert von Einem 35 erklärt ihre ikonolo- 
gische Funktion im Zusammenhang mit 
dem Motiv des leeren Thrones und Weist 
auf mittelalterliche Mosaiken hin. Der leere 
Thron wäre demnach als Symbol der Prä- 
senz des Herrschers und die Taube als die 
Inspiration durch den Hl. Geist aufzufassen. 
Tatsächlich ist dieser Zusammenhang schon 
bei den älteren Cathedraprojekten sichtbar. 
In der Zeichnung des Cathedraprojektes von 
1657 steht dicht über der Custodia eine 
Taube im Strahlenkranz 36. Wolke und 
Engelsglorie fehlen. Die ganze Lösung ist 
niedrig, noch im Sinne des Zentralbaues 
gedacht. Die Höhe des Altares, der nur eine 
Art Reliquiar darstellt, entspricht den be- 
nachbarten Tribunanischen mit den Papst- 
grabmälern Pauls III. und Urbans VIII. Das 
durch Säulenpaare aufgegliederte Unter- 
geschoß sollte nicht wesentlich überschrit- 
ten werden. Noch in der Gedenkmedaille 
für Papst Alexander VII. von 1663 kommt 
dieser Gedanke eines Reliquiars schön zum 
Ausdruck 37. Unmittelbar über der Cathedra 
schwebt die Taube und ergießt die Strahlen 
der Inspiration über den Stuhl Petri (Abb. 
17 und 18). Sie befindet sich dabei noch nicht 
in der Höhe des Fensters, die große Engels- 
glorie und die Wolke fehlen. Diese niedrige 
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Lösung hätte jedoch zusätzlich ein selb- 
ständiges Oberbild vor dem mittleren 
Fenster erfordert 37". - 
Erst in diesen Jahren wurde nunmehr 
anstelle des Zentralbauprinzips auch 
der Blick aus der Längsachsc Madernos 
Wirksam. Wie im Anschluß die Unter- 
suchung der Werksgeschichte erweisen 
wird, wächst die Planung des Altarcs all- 
mählich aus dem Reliquiar zum wirklichen 
Hochaltar heran. Es dauerte Jahrzehnte, bis 
langsam das machtvolle Gestaltungsgesetz, 
das Michelangelo mit der Kuppel diktiert 
hatte, in Richtung der Längsachse aufge- 
lockert wurde. Der Baldachin in der Mitte 
des Kuppelraumes stand einer totalen 
Längswitkung des Hochaltares bis zum 
Eingangsportal dabei keinesfalls im Wege. 
In mehreren Zeichnungen hat Bcrnini 
den Durchblick der Cathedra durch die 
Säulen des Baldachins studiert 33. (Abb 24, 
25). Schon am Beginn des Langhauses wird 
die Funktion der Glorie als Rahmung eines 
Zielbildes voll wirksam. 
Wir wissen nichts über die sicherlich äußerst 
intensiven Beratungen über dieses Problem. 
Wir kennen nur als überlieferte Anekdote 
den Besuch des Malers Andrea Sacchiw 
während der Probeaufstellung der Guß- 
modelle des Altares im Jahre 1660. Sacchis 
lebhafte Kritik ist uns überliefert, die dazu 
beitrug, daß das ganze Alrarwerk viel höher 
gemacht wurde und daß die fertigen Guß- 
modelle der Kirchenvater nunmehr wesent- 
lich größer neu angefertigt wurden. In der 
neuen Höhe wurde nun die Notwendigkeit 
der Verschmelzung des Reliquienaltarcs 
mit dem Oberbild der Fensterzone evi- 
dent. Wolke und Glorie, als Teile des 
neuen Projektes, dessen Mitte die Trans- 
{iguration bilden sollte, wurden errichtet. 
Das Zentrum der Glorie wird zum Blick- 
punkt der Längsachse ab der Mitte des Lang- 
hauses. In dieser Höhe genügt das Bild der 
Taube aus dem älteren Cathedraproiekt in- 
haltlich und kompositionell nicht mehr. 
 
11 
11 Die Glorie des Hochaltares von St. Peter aus Zentraler 
Unrcrsirht 
ANMERKUNGEN 35A43 
1.- Herbert v. laintni, a. a. o._ s. in r. 
30 Braucr-Wirrknwcr, Nr. 166 b: Nachdruck von C. Metz. 
lmitations uf aneienr and modern druwings, London 1798. 
Das Original später publiziert durch P. L. crigniit in: The 
Ar: quarcrly was, s. 129, fig. s. 
v Roherro Ilartaglia, a. 2. 0., Tafel x. Die Medaille von o. 
Mornnc ist wohl SCHON 1662 gCSChilfTCn worden. D21 die 
 
m Die Feustcrznne in der Längsachse konnte keineswegs 
ohne ein bedeutungsvoll ausgestattetes Zlelbild bleiben. 
Vermutlich bestand schon neben dem ersten, niedrigen 
Cllhedrnpmjckt init der Taube der Plan einer Ver- 
klcidung di-r Fensterzone mit der Transliguralion inmitten 
di-r Engelsgloric. 
u lin Besitz der Vütikül]. Bibliothek Cod. Chig. al 19, f. 41 r 
und t'. 42 v. Brßucr-Willknwer, a. .-i. 0., Abb. 74 a, 74 b. 
w l.. Pascoli, VitC, 1730, Bd. 1., S. 19120, Faksimileausgabc, 
1mm m33. 
w Der Verfasrer bvnülzt in diesem Abschnitt zur lkonolngie 
ilit niiitiiingit- Haus Scdlmmyrs (a. J. o.) - Er verdankt 
in ilii in Zusammenhang i-lt-rrn Prof. Dr. H. Sedlmayr 
wichtige Literaturhinweise. Weitere Hinweise zur Tkono- 
lngie gaben die Herren Prof. Dr. Thomas Michels, 0.5.5., 
Dr. Jollunllbs Neuhardr und Dr. Gerhard Woeckel. 
H st-dlitnyr, a. a. 0., s. was. - Siebenhüner, a. a. 0„ 
s. zrivizss. 
41 Richard Gutzwillcr, MCÖÄEMÄOHHI über Matthäus, Zürich- 
Khiit 1952, n, s. 11-15. 
41 Deutsches Brevier, Regensburg 1950, 11.. S. 700mm.
	        
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