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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 95)

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Öxterreizbinben Mmeuw: 
für angewandte Kumt 
Das Nebeneinander von lokalen Tendenzen, 
reformatorischen Bewegungen sowie Ideen- 
gut der Renaissance und des Humanismus 
ließen im deutschen Raum zu Beginn des 
16. jhdts. jegliche Einheit in Verlust ge- 
raten und Spannungen im geistigen und 
künstlerischen Leben an ihre Stelle treten. 
Zunächst prägt das Ringen nach religiösen 
Maßstäben sowie nach Naturwahrheit das 
Werk Albrecht Dürers, wobei eigenständig 
Deutsches und Reformationsgeist die ita- 
lienischen Elemente umformen. Dürer 
ahnt die Reformation voraus und verbindet 
schon 1513 diese Ahnung mit einem neuen 
Menschenbild, das zum Symbol für die 
kämpferische Ethik der Luthetzeit wird. In 
seinem Stich „Ritter, Tod und Teufel" 
triumphiert der Mensch über die dunklen 
Mächte 1. Die Voraussetzung für das spätere 
Christusbild, jenen Christus, der nicht mehr 
unter der Last des Leidens zusammenbricht, 
sondern die Angst und Verzagtheit durch 
die Kraft des Glaubens an die rechtferti- 
gende Gnade überwindetl, ist gefunden. 
Während Dürer schon vor Luthers Auf- 
treten dessen Ideen konkret zu veranschau- 
lichen wußte - es gibt dafür eine Reihe von 
Zeichnungen, Holzschnitten und Tafelbil- 
dern als Beweis H und schließlich das, was 
jener spricht und schreibt, dessen geistige 
Klarheit in bildliche Darstellung umsetzt 
und gleichzeitig neben ihm verbreitet, 
in rein geistiger Verwandtschaft das An- 
liegen der Reformation in seine Ikono- 
graphie aufnimmt, so stellt Lukas Cranach 
sein Werk zu einem großen Teil in den tat- 
sächlichen Dienst des Reformatots. 
Luther selbst scheint keinerlei kritisch- 
ästhetische Stellungnahme zu den Werken 
der bildenden Kunst gewonnen zu haben, es 
interessierte ihn lediglich der Inhalt der 
Kunstwerke A eine Haltung die durchaus 
zeitgemäß erscheint, etwa jener Kaiser Maxi- 
milians I. vergleichbar, der namhafteste 
Künstler an seinem Hof versammelte, um 
sie mit streng programmatischen Verschrei- 
bungen zu zwingen, seiner und seines 
Hauses Repräsentation zu dienen. 
Als Refotmator3 verhält sich Luther dct 
die Bilder „Spiegel vergangener Geschichte 
und Sachen"5 sind. So bedient er sich der 
Möglichkeiten der bildenden Kunst und stellt 
diese endlich in den Dienst seiner Sache, be- 
strebt, daß die von ihm gelenkten Werke 
durch klare Bildideen ohne jegliche mystisch- 
symbolische Verschwommenheit beherrscht 
werden, daß das ikonographische Programm 
durchaus der neuen, gereinigten Lehre ent- 
spricht. Architektur und Plastik scheiden in 
dieser vom Reformator selbst gelenkten 
Kunstrichtung als programmatisch nicht 
brauchbar aus, in der Tafelmalerei blieb es 
bei einigen wenigen Werken, da ja jeder 
Altar nur einem relativ kleinen Kreis der 
gesamtdeutschen Bevölkerung zugänglich 
war. Am ehesten kam der Schnelligkeit, mit 
der die Reformation in Wort und Schrift 
arbeitete, die Druckgraphik nach, sie konnte 
auch weiteste Verbreitung erfahren - und 
entsprach damit voll und ganz dem Konzept 
Luthers. 
In unmittelbarer Verbindung aber mit 
Druckgraphik und Buchdruck steht der 
Bucheinband, der nun, in Anbetracht der 
durch die Reformation bedingten-ungeheu- 
ren Masse von Bindeauftragen, in Deutsch- 
land nicht jener großartigen Entwicklung der 
ornamentalen Gestaltung mit Einzelstem- 
peln und Handvergoldung folgen konnte, 
wie etwa der italienische oder französische 
Renaissanceeinband, sondern am besten 
unter Beibehaltung der alten Techniken - der 
Verwendung von Rollen und Platten 6, die 
leicht und rasch zu gebrauchen sind - den 
enormen Aufträgen nachkommen konnte. 
Allerdings sind eben diese Rollen und Plat- 
ten von einem völlig neuen Programm be- 
herrscht, einem Programm, das die gesamte 
kulturelle und künstlerische Umschichtung 
jener Zeit spiegelt und erahnen läßt 7. 
Eines der maßgeblichen Merkmale dieser 
neuen Welt, die zu Beginn des 16. Jhdts. auf- 
gebaut wurde, aber ist der Individualismus, es 
ist die christliche Idec von der Bestimmung 
des Menschen zur vollendeten Persönlich- 
keit durch den Aufschwung zu Gott. Dürer 
leitet die große Zeit ein, die Menschheits- 
typen, die er schildert, sind Geistesindivi- 
dualitäten, und keinem anderen wie ihm war 
zu dieser Zeit ein so starkes, die ganze 
Persönlichkeit erfüllendes Verlangen nach 
letzter Wahrheit in allen Dingen des Lebens 
liche Maler der Wittenberger Reformation 
aber war Lukas Cranach. Dürer hätte sich 
wohl niemals Luthers programmatischen 
Kunstvorschriften gebeugt, cr wollte selbst 
prüfen und gestalten. Cranach hingegen, 
den polemischen Bedürfnissen der Refor- 
mation durchaus aufgeschlossen, verhalf mit 
Zeichnungen und Schnitten der Lehre 
Luthers zum Durchbruch. Daneben ver- 
suchte er, Wort und Sakrament der refor- 
mierten Kirche in Altarwcrken zu veran- 
schaulichen, und porträtierte schließlich die 
führenden Männer der Reformation. Er 
arbeitete nicht im idealen Sinne wie Dürer 
für die Reformation, sondern im realen, 
enger historischen. Konzentration im Reli- 
giösen, Hinwendung auf das Wesentliche 
ist die allgemeine Grundlage des Reforma- 
tionsstiles. Fand Dürer hieraus einen neuen 
Menschen- und Christustyp, so führte 
Cranach gewisse biblische Szenen neu in die 
Malerei eit19, verwendete protestantisch- 
clogmatische Allegorien, um die wesent- 
lichen Punkte von Luthers Lehre, nämlich 
Sünde und Gnade, zu veranschaulichen. Die 
sichtbare Gnade aber ist Christus, durch 
Betrachten seines Leidens soll der Glaube 
an die Gnade verstärkt werden. Kreuzigung 
und Auferstehung rücken in das Zentrum 
protestantischer Kunst. Christus als Über- 
winder des Todes und der Sünde wird zur 
Vergegenwärtigung von Gnade und Le- 
ben 10, die eigentliche Heilsgeschichte, Dar- 
stellungen von Adam und Eva bis zur Hirn- 
melfahrt Christi und dem jüngsten Gericht 
zum Thema bildlicher Gestaltungen. Dazu 
kommt ein für religiös krisenhafte Zeiten 
und Veränderungen charakteristisches, bei 
Luther und den Reformatoren voll ausge- 
prägtes, antithetisches Denkenll. So hat 
Luther selbst Gehalt und Inhalt der Illu- 
strationen zur Erstausgabe seiner Bibel Ä 
aus der Werkstatt Lukas Cranachs 12 7 be- 
stimmt, Melanchthon erwähnt in einem 
Brief an seinen Hochschulkollegen, den 
Philologen johann Stigel, daß er bisweilen 
seine eigenen, unbeholfenen Entwürfe zu 
heilsgeschichtlichen Bildern Cranach zu 
geben pflege 13. Aus einer solchen Zeichnung 
Melanchthons sowie einer Besprechung mit 
dem Freunde Luther dürfte auch in der 
Zeit um 1530 die für die reformatorische 
Ikonographie charakteristischeste und we- 
ANMERKUNGEN 1-9 (Ende 9-13 S. 24) 
l Der Ritter wird auch als "Rcformadousrirwr" bezeichnet. 
zumal man Franz von Sickingen in dem Keiler erkennen 
wollte. 
Vgl. Thausing Mnritz, Dürer. Geschichte seines Lebens, 
2. Ami. Leipzig 1s84. S. 230. 
1 Buchhulz Friedrich. Protestantismus und Kunst im 16. 
1mm, Leigzig 192a. s. 29 r. 
ß Vgl. Buc holz, II. a. 0., s. 1 n". 
4 Dr. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, 
Weimar 1883 n. (im folgcndcn 1mm w. A.), Bd. 10. 
Tl. 3. S. 21 R1; Bd. I6. S. 440; Bd. 18, S. 64 R". 
s W. A" Bd. 2B. S. 677 H". Zu dicscm Wandel in Lulhrrs 
Auffassung komm! es 1529. dem Erschcinungsjahr des 
Katldlismus. der von Crannch iilusrrirrt wurde. 
22 
ß LOLlbiCt Hans, Dn Büthßinbind VOII Stintn Aiiiaisgsri bis 
zum Ende des 1x. jhdLm, Leipzig 192a, s. 197 tf. 
1 vgl. Richard Ernst i Grüße Kiirisr aus Österreichs Klö- 
SlCrn, Aiissrriliirigs-Kdi. Wich 1950, s. a7, dCSStn 11k! ge- 
geben: Dtßniiiüh der MlgCWilndlCh kiirisr, daß sie nimÜCh 
iiri KllnStgCWCIbC alßChulIliCh die KllIlSl ihrer Zzit spicglc, 
gcmdc im dCulSChCn Buthtirlbind des 16. Jiidrs. IIHBIhÖFIC 
Bcüäligblng erfährt. 
WIEKZUIEI Wilhüllll, Dürer iirid sßinc ZCil, Königsberg 
1942, s. 122 und s. 223. 
Ab 1529 wird das Thema dCr KindCISCgnung irri Kampf 
ävgcn dic hßfinlißhtüdl Gefühl der Wilfdbfläufcl einge- 
ühn, Sowohl dieses wie 311d] jdriss der llltbfbdltiin SIMS 
lllllßf Angabe der Evangeliensicllc. Beide Thtmen aber 
dienen zur Vclbildlichung der Gnidtnidßologit der 
(FDIISCIZIIDg der Anm. bis 1a s. 24) 
 
BILDTEXTE 1-3, 15 
1 Kreuzigung, Planenszempel mit Manogmmn RC, 
83 x47 mm 
Vorderseite des Einbandcs o. M., Nr. A 1 a2. 
Haebler, 13a. 2, s. 310 
2 Anbetung, Planenstcmpul mit Monogtamm HIS, 
7a x49 mm. Suddeutscher Meister 
Vorderseite des Einbandcs O. M., Nr. A II 20 
Hacblcr. Bd. 1, S. 206 
a Taufe, Plattcnstcmpcl mit Monogmmm 1115,78 x 49 mm. 
Süddeutscher Meister, Rückseite des Einbundes O. M., 
Nr. A II 20. Haebler, Bd. 1. S. 206 
15 Mmin Luther. Plauensrempel m. c. B. (Gregor 
ßrrunrza). a2 x 43 mm 
Rückseite des Einbaudcs O. M.. Nr. A l 62 
Hacbler, Bd. 2, S. 302
	        

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