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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 95)

Friedrich Waidacher 
DIE ZINNGIESSERFAMILIE 
ZAMPONI 
Generationen nachweisbar ist, weil auch 
noch relativ viele Objekte aus ihrer umfang- 
reichen Produktion erhalten sind und weil 
der letzte steirische Zinngicßer ebenfalls der 
Familie Zamponi angehörte. Ein besonderer 
Anreiz für die Konzentration auf diese 
Familie ergab sich auch aus dem glücklichen 
Umstand, daß heute noch Nachkommen 
dieser Zinngießer leben, die durch ihre 
persönliche Erinnerung und durch die 
Bereitstellung von Arbeiten und Doku- 
menten ihrer Vorfahren wesentlich zur 
Klärung bisher ungelöster Fragen beitragen 
konnten. 
Italienische Zinngießer waren bereits gegen 
Ende des 17. Jahrhunderts in die Steiermark 
eingewandert und hatten nach und nach die 
einheimischen Landmeister in harten Kon- 
kurrenzkämpfen abgelöst. Um deren neuer- 
liches Aufkommen zu verhindern, zogen 
sie weitere Italiener in die Steiermark nach 
und dingten auch fast ausschließlich italie- 
nische Lehrlinge auf. Die Familie Zamponi 
hat hierin keine Ausnahme gemacht: fast 
immer bestand der Nachwuchs an Zinn- 
gießern aus Italienern, meist Mitgliedern 
der eigenen Familie oder doch wenigstens 
aus Lchriungen, die aus der kleinen Heimat- 
gemeinde Forna d'Ome_gna stammten. Dieses 
nordwestlich vom Ortasee am Osthang des 
Monte-Rosa-Massivs gelegene Bergdörf- 
chen kann als Hauptherkunftsort italieni- 
scher Zinngießer bezeichnet werden: insge- 
samt 93 Vertreter dieses Gewerbes in 
Mitteleuropa stammen von dort. Und als 
die Familie Zamponi bereits durch mehrere 
Generationen in der Steiermark ansässig und 
wohl weitestgehend assimiliert war, begaben 
sich ihre Frauen bei bevorstehender Nieder- 
kunft meist nach Forno, um ihre Kinder 
dort zur Welt zu bringen. Bemerkenswert 
ist auch die Tatsache, daß in Forno selbst 
nie Zinngießer ansässig waren. Noch um die 
Jahrhundertwende war der Ort nur über 
einen steilen Fußweg erreichbar, und auch 
heute führt nur eine meist einspurigc 
gewundene Bergstraße durch das Tal der 
reißenden Strona nach Forno. Die von dort 
stammenden Männer waren nachweislich 
bereits seit der Mitte des 16. Jahrhunderts 
als Saisonarbeiter tätig oder hatten, wie die 
Zinngießer, ihre Heimat verlassen, um sich 
anderswo eine Existenz zu gründen. Auch 
gegenwärtig sind die meisten arbeitsfähigen 
Fornesen in der Schwerindustrie des im 
Tal gelegenen Omegna beschäftigt, da der 
karge Boden seine Besitzer nicht ernähren 
kann und auch der Gewinn aus dem Verkauf 
von hausindustriell hergestellten hölzernen 
Bestecken gerade für den Lebensunterhalt 
der zwanzig damit befaßten Familien aus- 
reicht. 
Die Familie Zamponi, deren Ahnenreihe 
bis zu dem 1530 in Forno d'Omegna ge- 
borenen Johannes Zamponi zurückreicht, 
ist vom frühen 18. Jahrhundert bis in das 
erste Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts 
im Zinngießergewerbe nachweisbar. In der 
Xteiermark waren es 18 Meister, von denen 
elf in Leoben arbeiteten. Im übrigen Öxlerreirlz 
sind zehn Vertreter dieser Familie bekannt, 
in Böhmen zwei und in Demtrrhland fünf. 
Zur Sanzlerauulellung de: lbluxeum: für Kultur- 
gurbirble und Kunxtgewerhe am Landexmureum 
fnamzeum in Graz, Navemher 7967. 
im Jahre 1934 hat der damalige Vorstand 
des Grazer Kunstgewerbemuseums, Georg 
Walfbauer, ein Meisterverzeichnis steirischer 
Zinngießerl veröffentlicht, welches den 
ersten Bericht über eine umfangreiche For- 
schungstätigkeit zur steirischen Handwerks- 
geschichte darstellte. Es war geplant, die 
Ergebnisse dieser Wissenschaftlichen Arbeit, 
die reiches Material über 60 Handwerke zu- 
tage gefördert hatte, in loser Folge zu 
publizieren. Der Ausbruch des Zweiten 
Weltkrieges jedoch hat eine Fortsetzung 
dieser wertvollen Unternehmung verhin- 
dert: das als Ergänzung zu dem großartigen 
Werk von Erwin Hintgel gedachte Büchlein 
ist das erste und einzige geblieben. Wenn 
auch in den Arbeiten von Carl Lebmarhevd 
und U. Huber-G. Oertel4 sporadisch Hin- 
weise auf steirischcs Zinn vorkommen, so 
vergingen doch mehr als zwanzig jahre, bis 
Adolf Mai: mit seinem Aufsatz über die 
„Katzelmacher"5 einen grundlegenden 
Überblick über die bis zu diesem Zeitpunkt 
gewonnenen Erkenntnisse vorlegte und vor 
allem auf das Phänomen der Einwanderung 
italienischer Zinngießer aufmerksam machte. 
Und nun - nach weiteren zehn Jahren - 
wird der Versuch unternommen, ein spe- 
zielles Kapitel aus der Fülle des Vorhand- 
denen herauszugreifen und in Form einer 
Sonderausstellung dem interessierten Publi- 
kum vorzustellen: die Zinngießerfamilie 
Zamparzi. Zweck dieser Ausstellung ist 
einerseits, dem Beschauer Museumsgut aus 
den Sammlungsdepots und aus Privat- 
bcsitz zu zeigen und damit auch einen Über- 
blick über einen Teilbereich des heimischen 
Hausrates des 18. und 19. Jahrhunderts zu 
ermöglichen. Zum anderen aber soll der 
Katalog nicht nur ein Führer durch die 
Ausstellung sein, sondern er faßt darüber 
hinaus alle bisher bekannten Daten und 
Marken der Zinngießer Zamponi zusammen 
und bringt auch Wesentliche Ergänzungen 
und Korrekturen, die erst auf Grund einer 
intensiven Spezialforschung erarbeitet wer- 
den konnten. Wenn es sich auch bei den 
gezeigten Objekten in erster Linie um ein- 
fache Zinngegenstande handelt, Erzeug- 
nisse guter, solider Handwerker, deren Auf- 
gabe die Belieferung eines breiten Abneh- 
merkreises mit gewöhnlichem Gebrauchs- 
zinn war, so ist doch dadurch die Möglich- 
keit gegeben, auch einmal den Alltag an 
Hand von Sachgütern zu dokumentieren, 
welche sonst meist hinter hervorragenden 
Zeugnissen der Handwerkskunst zurück- 
stehen und ein unverdientes Dasein der 
Nichtbeachtung führen müssen. 
Aus der großen Zahl italienischer Zinn- 
gießer in der Steiermark wurde die Familie 
Zamponi ausgewählt, weil sie durch mehrere 
28 
3? 
4? 
Johann Baptist Policarp (1.) 2., Lesben: amimx Eßtcllrr 
mit Barockmnd. Dm. 22 cm (Kunstgcwerbcmuscum 
GIIZ, lnv.-Nr. 9528 fT.) 
Johann Polical (ll.) Z.. Leobcn: Tischschoner. Dm. 
20.4 cm (Salz urger Muscum Camlino Augusteum. 
Inv.-Nr. 154) 
Johann Policarp (11.) 2., Leobcn: Anrichteschüsscl. 
37,4 X 26,4 x13 cm (Dr. Heinrich Zxmponi, judcnbur ) 
Ambros Joseph Maria Benedikt 2., Mumu: Knödä 
schüswl. H. 6,3 cm. Dm. 33 cm (Heinrich Kneiswl, Pöls- 
Enzcrsdoxi) 
Ambros Joseph Maria Benedikt Z.. Murau: Deckel- 
krüglein. H. 9,7 cm, Dm. 7,4 Cm (Hainxich Kncissl, Pöls- 
Enzcrsdorf) 
johann Anton Poiicarp (IIL) Z., Lcoben: Deckcltcrrinc. 
34,5X29x 19,5 cm (Kunstgcwcrbcmuseum Graz, lnv.- 
Nr. M918) 
 
ANMERKUNGEN 1-5 
1 Gcoxg Wolfbauer, Die stcirischen Zinngicßex und ihre 
Marken. Nr. 1 dcr Schriftcnreih: des Grau: Kunstgewtrbc- 
muscums, Graz 1934. 
7 Erwin Hintze. Die deutschen Zinngießel und ihre Marken. 
7 Binde, Leipzig 192111931. 
3 Cnrl ltblnidlßl. Zinngießer in Kärnten. In: Kämtnrr 
Hcimatblitlcr. Sonnlagxbeilagc zur „Kärnmet Volks- 
 ", 2. Jahrgang, Folgt "I3, Viliach, Z2. Iuni 1935. 
4 U. Huber und G. Ohne], Siubcnbürgisch-sichsischzs und 
ändert! Zinn. Rcichcubcrg 1936. 
5 Adolf Mais. Die "Katzclmachcr". Ein Bdtrag zur Kultur- 
geschieht: einer handwuksgebundencn Volksgruppe. In: 
Mitteilungen der Anrhropelo ischen Gesellschaft in Wien. 
87. Band, Horn-Wien 1957, '. 37 H".
	        

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