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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 95)

und entspannt. Mit wenigen Andeutungen 
ist der körperliche Zustand erfaßt: der 
hängende Bauch, die lahme Rückenpartie, 
der schlaffe Oberschenkel, die Nackcnfalte 
und die Glatze charakterisieren den Alten. 
Der Bleistiftstrich ist gelegentlich nachge- 
zogen, um die anatomische Form zu 
korrigieren. Obwohl die Zeichnung das 
Voluminöse der Körperlichkeit einfängt, 
ist sie doch überwiegend linear und flächen- 
wirksam. 
Das gleiche Modell erscheint auch noch 
auf einem zweiten Blatt (Abb. 3), das 
zwar nicht datiert, aber der soeben be- 
sprochenen Zeichnung zeitlich unmittelbar 
zuzuordnen ist. Die wenigen Veränderun- 
gen, das Anziehen des rechten Beines und 
die Rückwärtsdrehung des Oberkörpers, 
genügen, um den Charakter der Kompo- 
sition völlig zu verändern. Die Figuration 
hat nun etwas Labiles, Schwankendes. Es 
scheint, als 0b die Bewegung der Gestalt 
noch zusätzlich durch mehrere parallele 
Konturen angedeutet werden sollte. 
Aufder Rückseite des alten Mannes (Abbl) 
Endet sich die Zeichnung einer sitzenden alten 
Dame (Abb. 4). Die Frau, die mit einem bis 
über die Füße reichenden Gewand bekleidet 
ist, trägt eine hohe, turbanartige Kopfbe- 
deckung oder Frisur und hat die Hände vor 
dem Leib verschränkt. Die streng frontal 
und etwas in Untersicht gegebene Gestalt 
wirkt nicht nur durch ihre strengen Ge- 
sichtszüge und den starren Blick erhaben 
und unnahbar. Dic Großflächigkeit der 
Zeichnung, die beruhigte und schwung- 
volle Linienführung, der sicher gezogene 
Strich und die klare und überschaubare 
Form, die überall, in der Binnenzeichnung 
und im äußeren Kontur erreicht ist, unter- 
streichen das Hoheitsvolle und menschlich 
Entrückte der Figur. 
Von gleicher Qualität und von ähnlicher 
künstlerischer Ahsieht getragen ist das 
„Mädchen mit Katze" (Abb. S). Im 
selben Jahr entstanden, ist es ein kleines 
Meisterwerk in der Eleganz des Linien- 
flusscs, der Sparsamkeit und Treffsicherheit 
des Striches und in der träumerischen 
Idylle des Ausdrucks. Die Beruhigtheit der 
Komposition und das Romantische in der 
Aussage der Zweisamkeit von sinnendem 
Mädchen und verschlafener Katze unter 
einer verbindenden Linie zeigen einen Zug 
von Anmut, der sich später nur noch selten 
in den Arbeiten des Künstlers findet. 
Durch die Kolorierung der Lippen des 
Mädchens in einem hellen Rot, während 
die übrige Zeichnung im Grau des Blei- 
stiftes verbleibt, erhält das Ganze eine 
höchst aparte und reizvolle Note. 
Die Technik der Strichführung und die Art 
des flächigen Zusammenschlusses erinnern, 
vor allem in den beiden letzten Blättern, 
stark an Klimts Zcichenstil (Abb. 6). Es 
besteht kein Zweifel, daß Klimt für Schiele 
in dieser Phase seiner künstlerischen Ent- 
wicklung bestimmend war. jedoch wirken 
die Zeichnungen des ]üngeren sicherer und 
einheitlicher. Bei Schiele ist der Sinn für 
die tektonische Flächeristruktur ausge- 
prägter. 
 
 
 

	        

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