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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 95)

liiform an. Die Zeichnung wirkt ungemein 
konzentriert und spannungsgeladen. 
Das einzige Blatt unserer Gruppe, das mit 
einem ausgeführten Bild Schieles in Ver- 
bindung gebracht werden kann, ist die 
Zeichnung eines liegenden hlädchens 
(Abb. 14). Es ist als Entwurf für das im 
gleichen _lahre 1909 geschaEene Gemälde 
„Danae" entstanden (Abb. 15) 5. Danae 
kauert, den Körper vorgebeugt, auf einem 
großen Tuche, das nur in den Umrissen 
seitlich angedeutet erscheint. Die linke 
Hand wird unter dem rechten Oberschenkel 
sichtbar. Sie hält ein rotes Tüchlein. Die 
Rechte ist um das Haupt gelegt, so daß nur 
ein kleiner Teil des Gesichtes zu sehen ist. 
Die schwarzen Haare Hießen wellenartig 
über den Rücken. Die Figur, nur mit weni- 
gen Strichen skizziert, schiebt sich diagonal 
und damit raumbildend in die Fläche. Das 
ausgeführte Bild hält sich in der Position 
der Danae ziemlich genau an die Vorzeich- 
nung. Das Gesicht ist jedoch stärker nach 
unten gekehrt und dadurch besser sichtbar 
und es wird nun ganz vom Haar umrahmt. 
Das Tuch, auf dem die Gestalt zu ruhen 
scheint, ist zu einem bunten Teppich ausge- 
bildet, der auch gleichzeitig den befruchten- 
den Goldregen symbolisieren kann. Die 
Flächen links und rechts neben dem Teppich 
sind in zarten Farben mit Bäumen, Ästen 
und exotischen Vögeln in der Art japani- 
scher Farbholzschnitte geziert. 
Bei dem Gemälde wird man sogleich an 
Klimts prunkenden Dekorativstil erinnert. 
Der in die Fläche geklappte Teppich und die 
schwimmenden, runden und welligen Or- 
namentc könnten sich auch in seinen Bil- 
dern finden. Die Zeichnung dagegen ent- 
hält lilemente, die man bei Klimt vergeblich 
suchen würde und die Schieles eigene Form- 
vorstellungen erkennen lassen. uXbgesehen 
von der schwungvollen Linienführung und 
der verblüliiendcn perspektivischen Ver- 
kürzung, bedeutet die Kolorierung des 
Blattes durch das Rot des Tüchleins und das 
Schwarz der Haare einen nur bei Schiele zu 
lindenden KunstgriH. Diese Überraschungs- 
eflickte einer grotesken Perspektive und einer 
fast schockierenden Farbgebung gehören 
zur liigenart Schiele-"scher Zeichenkunst. 
Der Unterschied zwischen Klimt und 
Schiele wird auch dort deutlich, wo Schiele 
ganz offensichtlich durch eine Komposition 
des verehrten Meisters zu einer ähnlichen 
Schöpfung angeregt wurde. Die Zeichnung 
Mädchens (Abb. 16) 
geht wahrscheinlich auf Klimts Danae 
von I9Ü7JOS (Äbb. 17), von der auch eine 
Vorstudie erhalten ist6, zurück. Schieles 
Zeichnung ist jedoch seitenverkchrt zum 
Vorbild. Außerdem ist sie, was höchst 
charakteristisch ist, in Schräg- und Unter- 
sicht gesehen. Die zurückgelehnt mit ange- 
winkelten Beinen Schlafende füllt in einer 
großen Wellenbewegung das ganze Blatt. 
Die linke Hand ist um den Kopf gelegt, die 
rechte ruht auf dem Schenkel. Die Haare 
fallen in langen schwarzen Strähnen über 
llals und Brust. Oberhalb des Schuhes 
leuchtet ein hellgrünes Strumpfband. Un- 
klar bleibt die Stellung des linken Beines, da 
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eines schlafenden 
sich die Linie des linken Obcrschenkels 
schlecht mit der Haltung des waagrecht ge- 
streckten Beines, an dem noch ein Rest des 
Strumpfbanrles sichtbar ist, vereinbaren 
läßr. Offenbar liegt hier eine Korrektur vor, 
die jedoch vom Künstler nicht ganz durch- 
geführt worden ist. 
Klimt zielt in der Skizze und in dem Gemäl- 
de auf ilächig dekorative Wirkung ab. Der 
in den Vordergrund geschobene Schenkel 
der Da iae wirkt flach, die kralligen Finger 
ergehen eine graphische Figur, die wie eine 
Pferdemähne in die Länge gezogenen Haare 
und der mit Mustern übersäte Schleier sind 
ornamentale Flächenwerte. Der Körper der 
Danae ist mit der dinglichen Umgebung in 
der Fläche verschmolzen. In Schieles Zeich- 
nung dagegen werden sofort räumliche 
Vorstellungen wach. Die Schrägsicht des 
Körpers, die Überschneidungen einzelner 
Glieder und der groß und nahsichtig ge- 
zeichnete Schuh erzeugen eine gewisse 
Bildtiefe. Der Fluß der Haarsträhnen, wel- 
che die hellrote Brustwarze zum Teil ver- 
decken und die, voluminöse Körperlichkeit 
andeutend, hinter der Hand, dem Bein um 
zwischen Arm und Brust verschwinden 
geben dem Blatt ein plastische Wirkung 
Man sieht an dieser Zeichnung, wie de: 
junge Schiele unter dem llinfluß Klimts au 
der Basis der damals herrschenden Jugend 
stilmalerei seine eigenen, barock anmuten 
den Kompositionen entwickelte, die schor 
die kühnen, ratungreifenden Posen de" 
reifen Zeit ankündigen. 
Bei dem (Abb. 18 
sind nur die Köpfe zu sehen. Die Frai 
schmiegt sich an den Älann. Die großl 
Decke, die beide einhüllt, setzt direkt unte 
den Köpfen an und hedcckt, nur im Kontu 
angedeutet, den größten Teil des Blattes 
Die Zeichnung bringt ein Höchstmaß ar 
zeichnerischer Vereinfachung. Aber gerad: 
dadurch erreicht der Künstler 
psychologische Aussagekraft. 
Die Zeichnung des stehenden Liebespaare: 
(Abb. 19) folgt einer um die Jahrhun 
dertwende sehr gebräuchlichen Thematik 
Das Mädchen steht etwas erhöht seitlicl 
hinter dem Mann und legt die Hand au 
schlafenden Paar 
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